Tristan

Bei meinem ersten Klinikaufenthalt schon habe ich beschlossen, dass mein Tumor einen Namen braucht. Immerhin müssen wir noch mindestens ein halbes Jahr miteinander klarkommen. Da er ein tödlicher Tumor ist und ich Alliterationen liebe, sollte sein Name mit T beginnen. Das darkinchen und ich überlegten, spontan fiel mir Torben ein, aber das klingt zu nett. Eine Webseite mit Jungennamen war die Inspiration: Tristan!

Tristan der Tödliche Tumor
lautet seitdem sein vollständiger Name. Und seit heute hat er auch ein Gesicht:

tristan

Tristan ist in den vier Monaten, die ich ihn nun schon habe, deutlich gewachsen. Im Gegensatz zu Wachstum bei Kind, Katze und dem Kontostand ist das hier aber nichts, worüber ich mich freue, weswegen bekanntlich die chemische Keule gegen Tristan im Einsatz ist. Mittlerweile kann man ihn sogar sehen, wenn man weiß, wo er ist. Ihn zu ertasten ist überhaupt kein Problem mehr. Und ab und zu bereitet er mir auch Schmerzen.

Anfangs dachte ich, die Schmerzen kämen von all den Untersuchungen. Es ist unfassbar, wie oft in den vergangenen sechs Wochen an meiner Brust rumgequetscht, getastet, gedrückt, ultraschallt und auch reingepiekst wurde. Allein letzteres geschah insgesamt rund 10 Mal in drei Sitzungen. Aber bis auf ein Hämatom sind die Wunden von diesen Torturen verheilt und Tristan schmerzt trotzdem, zwar nicht dauerhaft, aber ich spüre ihn täglich.

Tristan ist übrigens gechippt. (Ja, das schreibt man so laut duden.de.) Das geschah am Mittwoch vor Ostern, als ich zur Kontrolle bei meinem Gynäkologen vorstellig werden sollte. Er zupfte mir die Fäden aus der Wunde der SNLB und kündigte sein Vorhaben an. Ich muss leicht geschockt geguckt haben, weil er mir sofort versicherte, dass es nicht schmerzhaft sein würde und die Nadel auch nicht allzu dick sei. Dabei drückte er mir eine verpackte Nadel in die Hand und meinte, die sei nicht dick. „Was?! Die ist ja genauso dick wie die von Biopsie!“, rief ich. Aber er wiegelte ab und meinte, die wäre nicht einmal die Hälfte. „Bekomme ich keine örtliche Betäubung?“, flehte ich ihn an. „Brauchst du nicht“, meinte er. „Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich gar nicht gekommen“, trotzte ich ein wenig vor mich hin. Er meinte, das hätte er gewusst und deswegen nichts gesagt. So ein hinterlistiger Mistkerl!

Mir brach der Schweiß aus, was besonders rechts, wo kurz zuvor die Lymphknoten entfernt wurden und alles noch etwas (berührungs-)empfindlich war, ziemlich unangenehm war. Ich wollte sterben, kniff die Augen zu und hielt die Luft an. Leider funktionierte das nicht. Er bohrte das Folterinstrument unter meine Haut und drückte zu. Zumindest behauptete er das, ich merkte nämlich nichts. Anschließend konnte ich auf dem Ultraschall meinen gechippten Tristan sehen. Die Aktion dient übrigens der Kontrolle, falls der Tumor durch die Chemo (fast) vollständig verschwinden sollte, muss man später noch wissen, wo er überhaupt war.

Bei TASSO e. V. werde ich ihn allerdings nicht anmelden, ich bin froh, wenn ich ihn los bin. ;-)

2 Kommentare:

  1. Wie schön, dass Du Deinen Humor behalten hast. Ich finds klasse, wie Du so damit umgehst. Eben auf die typische dark*-Art :)) Auch wenns vermutlich eine Art Galgenhumor ist. Alles andere wäre aber auch Quatsch oder kontraproduktiv. Und dass Du dabei trotzdem Angst hast, ist ja auch klar. Aber zwischendrin hält Dich Dein trockener Humor eben über Wasser ;)) Find ich toll. Weiter so.

  2. Pingback:Chemotherapie Part Three | my so called life

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.