Es geht los

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Ich bin ein Mensch, der gerne die Kontrolle hat, immer und über alles. So entschloss ich mich dann auch, am kommenden Wochenende, wenn das darkinchen wieder zu Besuch ist, mein Kopfhaar abzurasieren, egal ob es schon ausfällt oder nicht.

Die Warterei macht mich wahnsinnig! Bei jedem Kopfjucken, bei jedem einzelnen Haar, das irgendwo rumliegt, fragt man sich, ob es jetzt los geht, ob das der Anfang vom Ende ist oder ob es einfach nur ein Jucken des Kopfes bzw. ein ausgefallenes Haar ist. Dieser Zustand ist unerträglich und ich fragte mich irgendwann, was denn überhaupt gewonnen sei. Ob ich nun eine Woche mehr oder weniger mit meiner eigenen Haarpracht rumlaufen würde, machte praktisch keinen Unterschied. Irgendwann müsste ich mich ohnehin so präsentieren, da kommt es auf ein paar Tage nicht an. Es steht auch kein besonderer Termin an, zu dem ich vielleicht noch normal aussehen muss/will/soll. Es macht wirklich keinen Unterschied – außer den, dass die schreckliche Warterei aufhört, dass man sich nicht mehr länger an diesen lächerlichen Strohhalm der Hoffnung klammert, wohlwissend, dass das Unvermeidliche sowieso irgendwann passieren wird.

Meine Perücke habe ich (eigentlich viel zu spät) bestellt, die Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist auch da. In dieser Woche soll sie irgendwann im Geschäft ankommen. So beschloss ich, dort am Samstag meine Perücke in Empfang zu nehmen und mir dann nachmittags die Haare abzurasieren. Kurz und schmerzlos.

„Denkst du!“, grinste Murphy sich einen und ließ es gestern beginnen. Die Körperbehaarung rieselte ein wenig vor sich hin. Ansonsten war nichts weiter auffällig. Heute Morgen tat mein Kopfhaar es ihm gleich. Als ich fertig geduscht hatte, war das Sieb im Abfluss voller Haare. Nachdem ich mein Haar trocken gerubbelt hatte, war die Dusche voller Haare. Ich rieselte wie eine Weihnachtstanne Ende Februar.

Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Ich dachte immer, sie fallen Büschelweise aus. Aus mir unbekannten Gründen hatte sich in meinem Kopf die Vorstellung manifestiert, ich wachte eines morgens auf und fände die ersten Haarbüschel auf dem Kopfkissen vor. Ohne ein Wort zu sagen griff ich in meiner Vorstellung zum Haarschneider und machte kurzen Prozess. Und jetzt kam es anders, was mich ein wenig aus dem Konzept brachte. Ich berichtete meinem Lebensabschnittsgefährten in der Mittagspause vom Duscherlebnis und wir beschlossen gemeinsam, noch an diesem Abend dem Elend ein Ende zu bereiten.

Am Nachmittag lief ich probeweise mit den bisher erworbenen Kopfbedeckungen herum. Zwei Universaltücher, die sich sowohl als Stirnband als auch als Kopftuch etc. tragen lassen, sowie eine Schirmmütze aus Tuch. (Oder ist es ein Tuch mit einem Schirm dran? Egal.) Als der Lebensabschnittsgefährte nachmittags nach Hause kam, dachte er, ich hätte es bereits erledigt. Aber nein, das darf er jetzt gleich machen.

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Am späten Nachmittag rief die Arztpraxis an. Ich hatte völlig vergessen nachzufragen wegen der Blutwerte, am Montag hatte man mir mal wieder Blut abgenommen. Leider sieht es nicht so gut aus. Der Lebensabschnittsgefährte muss mir Nivestim spritzen. Die Nebenwirkungen lesen sich ziemlich übel, die Hälfte davon habe ich schon beim Lesen bekommen. Hoffentlich kann ich morgen und übermorgen überhaupt arbeiten gehen. Freitag muss ich erneut zur Blutabnahme. Ich soll nichts Heißes und nichts Scharfes trinken bzw. essen. Und ich muss aufpassen, dass ich keine Infektion bekomme. Jetzt ist wohl Schluss mit Lustig. Kommenden Montag ist der nächste Chemo-Termin geplant.

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