Tiergeschichten

Ich will die letzten Tage zusammenfassen, und im gedanklichen Rückblick ergab sich kein besserer Titel als eben dieser.

Der Freitagnachmittag begann wie immer. Wenn wir am Stall ankommen, werden die Schulpferde von der Weide geholt, gefüttert, geputzt und für die Stunde fertig gemacht. Schon seit Monaten versorgen Schatzi und ich immer dasselbe Tier, eine braune Stute, die uns mittlerweile trotz ihrer Macken und regelmäßigen Zickigkeit sehr ans Herz gewachsen ist. Nachdem Schatzi sie in die Box gestellt und das Futter gegeben hatte, verhielt sie sich irgendwie merkwürdig. Plötzlich lief Schleim aus dem Maul und sie hörte auf zu fressen. Schlundverstopfung! Ein Zustand, der für Pferde nicht nur extrem unangenehm ist, sondern lebensbedrohlich werden kann. Schatzi rief S. herbei, ebenfalls Reitlehrerin und festes Inventar des Stalls, um zu erfragen, was nun zu tun sei. Die Stute wurde in die Reithalle gebracht, wo sie im Schritt herumgeführt und gleichzeitig der Schlund massiert wurde. Als die Stallbesitzerin auftauchte, wurde dem Tier außerdem noch Öl ins Maul gespritzt. Ein Hausmittel, das schon vielen Pferden die unangenehme Prozedur der Spülung durch den Tierarzt erspart hat.

Als die Reitstunde begann, musste S. nach Hause fahren und so übernahm ich das Pferd und versorgte und beruhigte es weiter so gut es eben ging. Ich führte sie auf dem Hof herum, streichelte sie, redete ruhig auf sie ein und kraulte ihr den Nacken, wenn sie sich nach vorne beugte um den Schleim aus Nüstern und Maul ablaufen zu lassen. Aber es nützte alles nichts, nach einer halben Stunde ging ich mit ihr zur Halle zurück, um der Stallbesitzerin, die dort die Reitstunde gab, zu sagen, dass es dem Tier noch schlechter gehe und es mittlerweile ziemlich erschöpft sei. Ich stellte die Stute wieder in die Box und blieb bei ihr, während die Stallbesitzerin den Tierarzt anrief. Das Tier legte sich ins Stroh und sah einfach erbärmlich aus. Ich setzte mich daneben und versuchte weiterhin durch Nackenkraulen und beruhigendes Reden dem Tier das Gefühl zu geben, nicht alleine gelassen zu werden. Als die Stute ihren schweren Kopf auf meinen Schoß legte, wurde mir ganz flau im Magen.

Endlich war der Tierarzt da! Warmes Wasser und Handtücher lagen schon wie angeordnet bereit. Die Stute bekam eine Spritze und die Nasenbremse angelegt. Dann wurde ihr ein Schlauch durch eine Nüster in den Schlund eingeführt um selbigen zu spülen. Da die gefressenen Pellets mittlerweile aufgequollen waren, entwickelte sich das schwieriger als zunächst gehofft. Aber nach etwa 30 Minuten war der Schlund frei. Ich war erleichtert, hätte den Hof nicht eher verlassen, bevor nicht sicher gewesen wäre, dass es dem Tier wieder gut geht. Zwar sah es mit seinem Nasenbluten, das von verletzten Adern durch das Einführen des Schlauches entsteht, ziemlich bemitleidenswert aus, aber es ging ihm wieder gut genug, um den Futtertrog auf Inhalt zu untersuchen und jeden anzubetteln, der an der Box vorbei ging. Schließlich hatte es fast nichts gefressen.

Nun musste noch die Box ausgemistet und das Stroh durch Sägespäne ersetzt werden. Schließlich darf ein Pferd unmittelbar nach einer Schlundverstopfung nichts fressen. Da das dumme Tier jedoch nichts Besseres zu tun hatte, als sich gierig auf die Sägespäne zu stürzen um diese – ein wenig verwundert ob des seltsamen Geschmacks – zu verschlingen, musste es die Nacht mit einem Maulkorb verbringen.

Nach diesem anstrengenden Nachmittag saßen Schatzi und ich in meinem Zimmer am Computer und spielten im Internet, als das Telephon klingelte: J., meine beste weil einzige Freundin. Sie habe sich den Finger gebrochen, erklärte sie mir, und bräuchte daher jemanden, der sie zum Arzt und anschließend zum Hundeverein fahre. Wie das denn passiert sei, wollte ich wissen. Nachdem sie mir berichtet hatte, lag ich erstmal lachend auf dem Boden.

In einer Übungsstunde mit Hera, dem Hund, der meinen treuen Lesern von unserem Helgoland-Urlaub bekannt ist, hatte diese einen kleinen Wutanfall, weil J. ihr den Ball wegnehmen wollte. Binnen höchstens einer Sekunde ereignete sich das Folgende: J. entriß Hera den Ball, diese schnappte wütend nach J.s Hand, woraufhin J. reflexgesteuert ausholte um Hera eins auf die Schnauze zu geben. Blitzschnell zog Hera den Kopf weg und J. traf den Ringfinger ihrer linken Hand. Dieser ist nun gebrochen.

Jetzt braucht J. einen Chauffeur, der sie regelmäßig zum Arzt und zum Hundeplatz, wo K. die Ausbildung von J.s Zweithund Aggi übernimmt, fährt. Im Gegenzug hat sie mir für die Dauer ihrer Arbeitsunfähigkeit ihr Auto überlassen. Schatzi, hauptberuflich verwöhntes Einzelkind, erklärte mir sogleich am Freitagabend, dass ich sie ja nun jeden Tag zur Schule fahren könnte. Ihr Wille geschehe – zur Verwunderung des Katers, der äußerst nervös wurde, als ich gestern Morgen meine Jacke anzog und das Haus verließ, bevor er Frühstück hatte. Das war noch nie da.

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