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Geht es weiter?

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Als ich am Morgen des 26. Mai zur Untersuchung zum Arzt musste, war ich kurz davor aufzugeben. Bereits in den Tagen zuvor bahnte sich das Unheil an, am Montagmorgen konnte ich dann endgĂŒltig nicht mehr. Um 11:30 Uhr hatte ich den Termin beim Arzt, gegen 9 Uhr teilte ich meinem LebensabschnittsgefĂ€hrten im Chat mit, dass ich den Termin nicht wahrnehmen werde, weil ich nicht will, nicht mehr kann.

Ich war völlig fertig mit der Welt. Seit nunmehr zwei Wochen nahm ich Schonkost zu mir, zunÀchst wegen der Nebenwirkungen des Nivestim, dann wegen der zweiten Chemo. Immerhin bekam ich noch etwas in meinen Körper hinein. Die Stoffwechselendprodukte wieder loszuwerden, gestaltete sich noch schwieriger.

Nach der ersten Chemo hatte ich schon Probleme mit der Verdauung. Der Arzt verschrieb mir Lactulose. Pfui Teufel! Kaum geschluckt, kam mir das Zeug auch fast schon wieder hoch. Widerlich! Das ließ ein ganz ekliges GefĂŒhl in meinem Rachen zurĂŒck, wie Öl. Es gibt kaum etwas WiderwĂ€rtigeres als Öl trinken zu mĂŒssen. BĂ€h! Da musste etwas anderes her. FĂŒr den Fall, dass Lacutlose nicht half, hatte der Arzt mir noch Laxoberal in Tablettenform aufgeschrieben. Allerdings nahm ich dieses nach der 2. Chemo-Einheit viel zu spĂ€t, weswegen es dann zu einigen unschönen, blutigen Szenen kam, die ich hier im Detail nicht wiedergeben möchte.

Nun hatte ich also meine dauerhafte BlasenentzĂŒndung, meine Magenprobleme und sitzen konnte ich auch nicht mehr, wenn ich zur Toilette war. Zudem war mir immer noch ziemlich schwindelig und ich traute mich alleine kaum aus dem Haus. Jegliche Form von Medikamenten widerte mich mittlerweile ĂŒbelst an. Insbesondere flĂŒssige Mittel konnte und wollte ich gar nicht mehr zu mir nehmen. Tabletten ließen sich zwar noch runterwĂŒrgen, aber auch das nur mit Widerwillen. Ich fĂŒhlte mich schlapp, fertig, ausgelaugt, vergiftet. Ich fĂŒhlte mich dem Tod nĂ€her als dem Leben. Ich fĂŒhlte mich wie ein angeschossenes Tier mit eiternden Wunden. Was sollte ich da also noch beim Arzt? Was interessierte es mich, ob der Tumor kleiner oder grĂ¶ĂŸer geworden ist? Ich hatte die Schnauze voll von alldem, von Medikamenten, von Untersuchungen, von Bildgebungsverfahren, von Spritzen und von BerĂŒhrungen. Ich wollte nur noch liegen bleiben, am liebsten einfach aufhören zu atmen.

So teilte ich dem LebensabschnittsgefĂ€hrten mit, den Arzt nicht aufsuchen zu wollen. Kurz darauf klingelte das Telephon. Ich fĂŒhlte mich kaum in der Lage zu sprechen, drohte an meinem Kloß im Hals zu ersticken. Und was gab es auch zu reden? Ich war in Verteidigungsposition. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Das wiederum veranlasste den LebensabschnittsgefĂ€hrten, eiligst nach Hause zu kommen, um mir Beistand zu leisten. Immerhin hatte er mich bis kurz nach 11 soweit beruhigt, dass ich mich zum Arzt bringen ließ.

Dort war es brechend voll. Auch das noch! Die Sprechstundenhilfe brachte mich in ein Nebenzimmer, wo ich ungestört von all den anderen Patientinnen vor mich hin wimmern und heulen konnte. Sie nahm sich viel Zeit, als sie mich fragte, was denn los sei. Ich schilderte ihr, wie es mir die letzten Tage ergangen war und dass ich das alles nicht mehr ertrage, dass ich ĂŒberlege, die Behandlung abzubrechen. Angesichts meines Allgemeinzustandes und da es in der Praxis so voll war, sagte sie mir, ich solle lieber am spĂ€ten Nachmittag wiederkommen, wenn die anderen Patientinnen weg sind und der Doktor sich Zeit fĂŒr mich nehmen kann.

Das taten wir dann auch. Der Arzt hörte sich geduldig meine Probleme an. Wegen der Magenschmerzen schickte er mich zur Magenspiegelung. Einen Termin dafĂŒr vereinbarte er sofort selbst mit dem Arzt, der diese durchfĂŒhren sollte. Außerdem verschrieb er mir eine Cortison-Salbe fĂŒr mein Toilettenproblem. Und dann gab es noch Pantoprazol gegen das stĂ€ndige Aufstoßen und Sodbrennen. Tristans Hausapotheke braucht mittlerweile ziemlich viel Platz:

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Außerdem belegt er noch Platz im KĂŒhlschrank, wo drei Nivestim-Spritzen darauf lauern, dass mir die Leukozyten ausgehen.

Im Laufe der nĂ€chsten Tage besserte sich mein Zustand zusehends. Nach zwei Tagen ließen Sodbrennen und Aufstoßen nach, meine Verdauung normalisierte sich und war Dank der Salbe auch wieder schmerzfrei, unblutig und wieder meine Privatsache. Von einem Tag auf den anderen lösten sich auch die ĂŒbrigen Nebenwirkungen quasi in Luft auf.

Nach der zweiten Chemo setzte der Haarausfall richtig ein. Nach dem Duschen war das kein Trockenrubbeln auf dem Kopf mehr, sondern eine regelrecht Abreibung. Das Handtuch und auch die Dusche waren voller Haare. Beim ersten Mal bekam ich einen hysterischen Anfall, weil ich so gar nicht damit gerechnet hatte. Mein ganzer Körper und mein Gesicht waren voll mit den kurzen Haaren. Ich empfand das als schrecklich eklig, wie ich ĂŒberhaupt so Vieles in der Zeit als eklig empfunden habe. Am meisten ekelte ich mich vor meinem eigenen Körper, insbesondere vor dem Geruch. Dieser Gestank nach Chemie und faulen Eiern, der mir aus jeder Pore drang, war ekelerregend. Der Geruch wurde allmĂ€hlich weniger, der Haarausfall verschwand letzte Woche so plötzlich wieder, wie er gekommen war.

Und auch das Essen schmeckte plötzlich wieder. Im Gegensatz zur erste Chemo, nach der manche Sachen die ganze Zeit nicht geschmeckt haben, kann ich mittlerweile wieder alles essen, sogar Salat. Am vergangenen Wochenende habe ich zum ersten Mal seit Ende April mal wieder Salat gegessen. Bevor ich krank wurde, stand der fast tÀglich bei mir auf dem Speiseplan.

Und selbst das schlappe und schwache GefĂŒhl, was mich wochenlang begleitete, war Ende letzter Woche verschwunden. Von meinem fast kahlen SchĂ€del abgesehen, fĂŒhlte ich mich am Wochenende endlich mal wieder gesund. Nur das Wetter macht mir zu schaffen, aber das hat es auch schon vor dem Krebs getan. Heute war ich zur Blutabnahme, meine Blutwerte sind in bester Ordnung.

Morgen ist die nÀchste Chemo-Einheit. Oft hört und liest man, die dritte soll die schlimmste sein. Noch schlimmer als die letzte? Auweia.

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