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Vorbereitungen

 ·  ☕ 9 Minuten zum Lesen  ·  ✍ dark*

Wie erwartet, hat die Stanzbiopsie die Röntgendiagnose bestĂ€tigt. Und natĂŒrlich bringt das alles auch wieder einen dieser typischen dark*-ZufĂ€lle mit sich, die mein Leben aus irgendeiner unerschöpflichen Quelle fĂŒr mich bereit hĂ€lt: Hatte ich den GynĂ€kologen ja unter anderem danach ausgesucht, dass er Belegbetten in einem Krankenhaus betreut und selbst operiert, so verkĂŒndet er mir letzten Donnerstag, dass er diese TĂ€tigkeit zum 31.03.2014 eingestellt hat. So lernte ich dann gestern den zweiten GynĂ€kologen in Darmstadt kennen. Dieser operierte nicht nur selbst, er ist auch onkologisch verantwortlicher Arzt. Und der ging gleich in die Vollen!

Am Montag war dort mein erster Termin. Er las den Arztbrief der Radiologin und den Histologie-Befund durch, dann machte er auch noch eine Tastuntersuchung und ein Ultraschall. Anschließend sollte ich zur Besprechung kommen. Er zĂ€hlte auf, welche Möglichkeiten der Behandlung bestehen, wie man es vor einigen Jahren noch gemacht hat und was sich in der Zwischenzeit verĂ€ndert hat. Ich war froh, meinen Krebs heute bekommen zu haben und nicht vor 15 Jahren. Die Medizin hat rasante Fortschritte gemacht. FrĂŒher schnitt man Frauen mit einem Tumor in der Brust auf, untersuchte noch wĂ€hrend der Vollnarkose das entnommene Gewebe und entschied je nach Befund, wie es mit der Frau auf dem Tisch weitergeht. Heute klĂ€rt man das alles im Vorfeld und die unangenehmen Überraschungen beim Aufwachen aus der Narkose halten sich in Grenzen. DafĂŒr muss man einen regelrechten Ärzte-Marathon hinlegen, bevor ĂŒberhaupt mal irgendeiner anfĂ€ngt eine Krankheit zu behandeln. Aber was tut Frau nicht alles, um die Brust zu erhalten.

Als Behandlung schwebt ihm zunĂ€chst die Entfernung eines Lymphknotens vor. Bei der Gelegenheit sollte auch der Port implantiert werden. Beides wĂ€hrend eines stationĂ€ren Aufenthalts. Im Anschluss soll die erste Chemo-Therapie erfolgen, acht Einheiten, jeweils im Abstand von drei Wochen. Nach diesen rund 24 Wochen (der genaue Zeitraum hĂ€ngt davon ab, wie gut ich die Chemo-Therapie vertrage) wird der bis dahin hoffentlich etwas kleiner gewordene Tumor entfernt. Anschließend gibt es dann noch einmal Chemo und Bestrahlung (Reihenfolge dieser beiden Behandlungen weiß ich gerade nicht). Und irgendwo dazwischen oder gleichzeitig oder wie-auch-immer gibt’s dann noch eine Hormonbehandlung. Denn mein Tumor ist vor allem zwei Dinge: schnellwachsend und hormonabhĂ€ngig.

Ich weiß nicht, ob ich das alles richtig behalten habe. Die ersten TrĂ€nen flossen, als er erwĂ€hnte, dass die Haare ausfallen und ich eine PerĂŒcke bekommen werde. Außerdem malte er mir die GrĂ¶ĂŸe meines Tumors auf, einen grĂ¶ĂŸeren Kreis um ihn herum, der veranschaulichen sollte, wie viel er jetzt wegschneiden mĂŒsse. 2,55 cm Durchschnitt hat der Tumor, plus ein Sicherheitspolster von einem Zentimeter rundherum, ergĂ€be einen Durchschnitt von 4,55 cm, die entfernt werden mĂŒssten. Naja, viel mehr ist da dann auch nicht wegzuschneiden. Daher die Vorbehandlung mittels Chemo-Therapie, damit nach der OP auch noch ein wenig Frau ĂŒbrig ist.

Ich bekam eine Überweisung zum Radiologen zum Thorax-Röntgen, fĂŒr ein Leber-Sono und eine Knochenszintigraphie. Außerdem eine Überweisung zum Kardiologen fĂŒr eine Echokardiographie. Und dann noch eine Überweisung zu einem Chirurgen fĂŒr eine Port-Einlage. Und oben drauf gab es eine Krankmeldung fĂŒr die folgenden 14 Tage. Mein nĂ€chster Termin war am heutigen Mittwoch zur erneuten Besprechung und anschließenden Einwilligung in die OP (oder auch nicht, meine Entscheidung). Die Sprechstundenhilfe war auch so nett, mir einen Termin beim Radiologen fĂŒr heute zu besorgen. Derart ausgerĂŒstet ging ich nach Hause, heulte eine Weile vor mich hin und suchte mir Musik fĂŒr meine Beerdigung aus.

Nachdem ich letzte Woche Donnerstag mit der gesicherten Diagnose und dem Termin beim neuen Arzt die Praxis meines GynĂ€kologen verließ, stand ja bereits fest, dass ich zeitnah ins Krankhaus muss. Da war ich noch Tussi genug, wie ich entsetzt feststellte, dass zu den wenigen Dingen, die mir danach im Kopf rumgingen, auch die Frage gehörte, welche Klamotten ich mitnehmen soll und ob ich noch irgendetwas kaufen mĂŒsse. Am Montag war mir die Klamottenfrage dann auch egal. Wichtiger war, meinen Arbeitgebern Bescheid sagen zu mĂŒssen. Den Krefeldern schrieb ich eine E-Mail, im Möbelhaus rief ich an und informierte die Abteilungsleiterin, schließlich sollte ich Dienstag arbeiten.

Mir war schon wieder zum heulen zumute. Außerdem machten sich Halsschmerzen breit. Zu allem Überfluss hatte ich mir auch noch einen grippalen Infekt zugezogen, der mich Montagabend sehr zeitig ins Bett warf, mich zweimal nachts schweißgebadet aufwachen ließ und mir am Dienstagmorgen einen dicken Kopf und eine verstopfte Nase verpasste. Ich quĂ€lte mich trotzdem aus dem Bett und fuhr ins Möbelhaus. Irgendwie musste ich dort ja auch noch besprechen, wie es mit mir weitergehen sollte, ob ich mir einen neuen Nebenjob suchen muss oder nicht usw. Doch dazu in einem anderen Beitrag vielleicht mehr.

Heute Morgen machte ich mich auf den Weg zur Radiologin. UrsprĂŒnglich war fĂŒr heute nur der Thorax und das Leber-Sono geplant, die Knochenszintigraphie sollte nĂ€chste Woche stattfinden. Aber zu meinem GlĂŒck hat ein Patient seinen Szintigraphie-Termin abgesagt und ich wurde gefragt, ob ich das nicht heute direkt machen möchte, dann mĂŒsse ich nicht wiederkommen. FĂŒr mich stellte das zwar kein Problem dar, aber ich gab zu bedenken, dass ich im Anschluss an den Radiologen-Termin wieder bei meinem Arzt vorstellig werden sollte. Die Sprechstundenhilfe war Ă€ußerst freundlich und zuvorkommend, sie rief in der Praxis an und klĂ€rte ab, dass ich zur Besprechung kĂ€me, sobald man mir das Kontrastmittel gespritzt hĂ€tte. Perfekt.

roentgen_lunge

ZunĂ€chst wurde die Lunge geröngt. Still stehen in unnatĂŒrlicher Position an die eiskalte Röntgenplatte gedrĂŒckt ist zwar unangenehm, wurde aber ganz locker und lĂ€ssig von dem getoppt, was mich noch erwartete. Und damit meinte ich nicht die Kontrastmittelspritze, die ich als nĂ€chstes bekam, und auch nicht die darauf folgende Sonographie meiner Leber. Alle drei bildgebenden Verfahren, Röntgen, Sonographie und Szintigraphie, die ich heute ĂŒber mich ergehen ließ, dienen ĂŒbrigens der Feststellung, ob irgendwo Metastasen vorhanden sind. GlĂŒcklicherweise sind sie das zumindest in Leber und Lunge nicht, wie ich sofort erfuhr, und auch meine vor vier Jahren diagnostizierte und angeblich unheilbare chronische Bronchitis ist wie durch ein Wunder verschwunden. Allerdings ist mein Husten geblieben, weswegen ich der Sache demnĂ€chst wohl doch mal mit Hilfe eines Pulmologen auf den Grund gehen werde.

Verstrahlt wie ich war, ging ich erst einmal zum Arzt; das Kontrastmittel benötigt eine Weile, bis es sich ĂŒberall dort, wo man hingucken will, verteilt hat. Da war genug Zeit fĂŒr das GesprĂ€ch. Ich willigte in die Operation und die ganzen Behandlungen, die er fĂŒr richtig hĂ€lt, ein. Meine Brust wurde mit Edding angemalt und anschließend photographiert. Dann bekam ich eine weitere Überweisung (nebst telephonisch vereinbartem Termin) zum Radiologen. Mein Lymphknoten sollte vor der OP markiert und blau eingefĂ€rbt werden. Es ist schon irre, was die alles mit einem anstellen. Und es ist ebenso irre, dass ich dafĂŒr sowohl am Donnerstag als auch am Freitag jeweils zwischen sieben und acht Uhr morgens in der Praxis erscheinen soll. Man gab mir noch eine Überweisung fĂŒr die Klinik mit, dort sollte ich Donnerstag bis 10 Uhr aufschlagen. So langsam artet die Krankheit in Stress aus.

verstrahlt

ZurĂŒck in die Radiologische Praxis. Ich musste noch ein wenig warten und noch einiges Trinken. Mindestens eine Flasche Wasser sollte man in der Zeit geschafft haben und möglichst oft auch wieder Wasser gelassen haben. Die medizinische Fachkraft, die fĂŒr die Szintigraphie zustĂ€ndig war, wies mich irgendwann an, in etwa zwei Minuten noch einmal zur Toilette zu gehen, danach sollte es losgehen. Dann verschwand sie in dem Zimmer, aus dem ich das Surren verschiedener Apparate hörte. Ich tat, wie mir geheißen, betrat anschließend den Raum und erblickte 


der_geraet

DerGerĂ€t! Dieses Ding sollte mein komplettes Skelett von oben bis unten ablichten. Ich sollte vollstĂ€ndig durchleuchtet werden, Wahnsinn! Vorher musste ich mich allerdings zum x-ten Mal in diesen Tagen ausziehen und hinlegen. Was dann kam, war fĂŒr eine Schrecksekunde ziemlicher Horror: Ich wurde auf der Liege festgeschnallt! Sowas löst bei mir normalerweise ziemlich schnell Panikattacken aus, ich musste mich wirklich zusammenreißen. Ein weiteres Problem in meiner Lage, waren die HustenanfĂ€lle, die mich regelmĂ€ĂŸig ĂŒberkamen, wenn ich auf dem RĂŒcken lag. So auch jetzt. Aber glĂŒcklicherweise war der Hustenanfall schnell vorbei und es konnte losgehen. Der nĂ€chste Schock: Dieser viereckige Kasten, auf dem Bild unterhalb der Liege zu sehen, wurde nach oben gedreht und hing dann wenige Zentimeter ĂŒber meiner Nase. Auweia! Erinnerungen an das MRT vor 3,5 Jahren wurden wach. Die Röhre war total schrecklich, viel zu eng und höllisch laut! Ich musste damals abbrechen, weil ich Panik bekam.

Hier verhielt es sich ein wenig anders. Das Ding vor meiner Nase war nur vorĂŒbergehend dort, die Liege wurde millimeterweise weitergefahren, sodass der Blick irgendwann wieder frei war und dann ging’s. Die Angestellte verließ auch erst dann den Raum, nachdem sie sich noch einmal erkundigt hatte, ob alles in Ordnung sei. Den UmstĂ€nden entsprechend, ging’s mir gut 


Ich fuhr in Millimeterschritten unter dem Kasten durch und versuchte mich mit meiner misslichen Lage abzufinden, völlig allein gelassen mit meinem Schicksal. Irgendwelche komischen GerĂ€usche waren an dem Dachfenster, das zu weit hinter mir war, um etwas zu sehen, zu hören. Irgendwann identifizierte ich zwischen dem Maschinensurren, dass es wohl VogelfĂŒĂŸe waren, die da auf der Scheibe rumliefen und ab und zu mit widerlichem Quietschen auch abrutschten. Wenn ich gekonnt hĂ€tte, hĂ€tte es mich geschĂŒttelt. Aber ich war ja festgeschnallt und durfte mich nicht bewegen, wie mir soeben wieder einfiel. NatĂŒrlich ist der Drang nach Bewegung nie so stark wie in dem Moment, wo einer sagt: „Jetzt nicht bewegen!“ Aber ich hielt tapfer durch. Irgendwann war der Kasten bei meinen FĂŒĂŸen angekommen und ich atmete auf - soweit meine verschleimten Bronchien dies zuließen, denn Husten durfte ich ja auch nicht, weswegen ich schon mehrfach versucht hatte, den Hals mit vorsichtigem RĂ€uspern frei zu bekommen. Wo blieb denn bloß die Angestellte? Meine Liege bewegte sich nicht mehr.

Als sie endlich kam und mich ansprach, hustete ich dann auch erst einmal los. Anschließend war ich in freudiger Erwartung, bald losgeschnallt zu werden. Sie fuhr den Kasten wieder nach unten, sodass er sich wie zu Beginn unterhalb der Liege befand. Dann drĂŒckte sie ein paar Knöpfe und ich merkte, wie ich wieder millimeterweise vorwĂ€rts glitt, diesmal in die andere Richtung. Offensichtlich wurde ich auch noch von unten durchleuchtet. Die Angestellte verließ den Raum. Meine Nase begann zu jucken. Haha, das ist lustig, dachte sich wohl irgendeine höhere Macht und ließ meine Kopfhaut auch noch jucken.

Himmelherrgottnochmal, ich wĂŒrde wahnsinnig werden in diesem Raum hier, festgeschnallt auf dieser komischen Liege und hilflos DerGerĂ€t ausgeliefert. Dann erblickte ich die Anzeige an dem Apparat, die auch die Millimeter anzeigte, die ich vorwĂ€rts fuhr. Immerhin hatte ich jetzt etwas zu beobachten und war ein wenig abgelenkt. Man sollte den Patienten Haschkekse geben, ĂŒberlegte ich mir. Völlig breit wĂŒrden die Leute freiwillig bewegungslos liegen bleiben und hĂ€tten vermutlich weit weniger Probleme mit dieser ganzen Tortur. Der Gedanke gefiel mir und beruhigte mich ein wenig. Ich weiß gar nicht, wie lange es gedauert hat, vielleicht 30, vielleicht 45 Minuten. Dann war es endlich vorbei. Ich musste noch kurz zur Radiologin, die mir auch bei meinen Knochen Metastasenfreiheit bescheinigte und dann war ich fĂŒr heute fertig.

Mit dem beruhigenden Wissen, wenigstens noch keine Metastasen im Körper zu haben, und dem absolut abgefahrendsten Photo von mir fĂŒrs Familienalbum ging ich nach Hause. Morgen geht’s weiter, mal sehen, wann ich wieder zum Schreiben komme.

selfie

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