Endzeitstimmung

In letzter Zeit bin ich ein wenig neben der Spur und noch weniger kommunikativ als sonst. Meine wenigen Sozialkontakte werden es vielleicht bemerkt haben. Der Grund dafür ist nicht gerade banal, seit vier Wochen laufe ich nun schon damit schwanger …

Zwischen Weihnachten und Neujahr entdeckte ich beim Duschen etwas in der rechten Brust, was dort definitiv nicht hingehörte und vorher auch nicht da war. Zwar gehörte ich nie zu den Frauen, die regelmäßig irgendwelche Untersuchungen an sich selbst vornehmen, aber das Ding fühlte sich fremd an. Ich tat, was dark* halt in so einem Fall tut: Ich gab dem Ding Zeit, sich selbst zu heilen und aus meinem Körper zu verschwinden.

Bedauerlicherweise tat es das nicht. Stattdessen fing es an, mir Sorgen zu bereiten, indem es sich beim Tasten immer weniger versteckte und immer leichter zu finden war. Irgendwann merkte sogar mein Lebensabschnittsgefährte ohne genauere Tastanleitung, dass da etwas ist, und fand es ganz ohne Navigationshilfe. In einem Anfall von Vernunft suchte ich Anschrift und Telephonnummer eines Gynäkologen raus und suchte seine Praxis zwecks Terminvereinbarung auf.

Beim Betreten der Praxis traf mich fast der Schlag: Im Flur wartete eine Frau mit einem Tuch um den Kopf gewickelt, in ihrem Gesicht kein einziges Haar: offensichtlich eine Krebspatientin. Mich traf die Wucht der Erkenntnis, dass es ja wirklich Krebs sein könnte, was da in mir wächst. Mit zugeschnürter Kehle ließ ich mir einen Termin geben.

Am 7. März war es dann soweit. Da ich bekanntlich schon länger nicht mehr beim Doc war, war die Sache an sich schon unangenehm genug. Ihm vom aktuellen Problem zu berichten, macht es nicht einfacher. Er untersuchte und ultraschallte und sah besorgt aus. Ich konnte mein Innerstes auf dem Ultraschall sehen. Und was ich sah, war nicht gerade klein. Etwa 2 cm Durchmesser, zwar überwiegend abgrenzend zum umliegenden Gewebe aber irgendetwas daran machte ihm trotzdem Sorge. Was genau habe ich vergessen. Jedenfalls war hier eine Mammographie von Nöten, um mehr Licht ins Dunkel zu bringen.

ueberweisung

Am 25. März zogen dunkle Wolken am Horizont auf, es donnerte, hagelte ein wenig und dann fiel Schneeregen. Der Himmel weinte als ich mich auf dem Weg zum Radiologen befand. Eine Mammographie ist eine eher unangenehme Angelegenheit. An der Brust wird ziemlich unsanft rumgezerrt, um sie dann in einen Apparat einzuquetschen. Eine Tortur im Vergleich zu einem normalen Röntgenbild. Aber anders ist es wohl nicht möglich, brauchbare Bilder zu bekommen. Anschließend wurde noch einmal eine Ultraschalluntersuchung gemacht. Die Ärztin war sehr besorgt und forderte mich sehr resolut auf, die Sache nicht lange herauszuzögern und möglichst schnell wieder zum Gynäkologen zu gehen. Sie war erst beruhigt, als ich sagte, dass ich drei Tage später dort einen Termin habe. Die Röntgenbilder und ein ungutes Gefühl bekam ich mit auf meinen Weg.

roentgen

Die letzten Tage verbrachte ich ziemlich neben der Spur und mit einigem Tränenvergießen. Am heutigen Freitag stand der Gynäkologe auf dem Programm. Als ich im Behandlungszimmer noch auf den Arzt warten musste, sah ich den Arztbrief auf dem Schreibtisch liegen und nahm ihn mir, was ich gleich darauf bereute.

befund

Als der Arzt kam, erzählte ich ihm kurz, dass ich aufgrund der Reaktion der Radiologin davon ausginge, dass das Ergebnis der Mammographie nicht so toll sei. Zumal sie ja auch sagte, dass einiges auf Bösartigkeit hindeute. In meinem Hals richtete sich ein Kloß gemütlich ein. Als nächstes stand eine Stanzbiopsie auf dem Plan. Eigentlich hätte ich gerne die über- und über-über-nächsten Schritte besprochen. Denn das furchterregende an einer solchen Diagnose ist für mich nicht die Angst zu sterben. Dafür sind die Heilungschancen zu groß und meine Angst vor dem Tod zu klein. Meine Angst und Hauptsorge gilt einer möglichen Verstümmelung und den möglichen Nebenwirkungen einer möglichen Chemotherapie. Aber darüber kann man im Vorfeld nicht viel sagen, da der übernächste Schritt immer erst nach dem nächsten Schritt entschieden wird. Eine Operation wird gemacht, soviel ist sicher. Und es wird auf eine erhaltende OP hinauslaufen, was durchaus beruhigend ist. Ob und womit anschließend bestrahlt wird und ob und womit danach dann noch eine Chemotherapie notwendig sein wird, kann man jetzt noch nicht prognostizieren.

Und bis es soweit ist, werde ich erst ein wenig gequält. Stanzbiopsie ist unangenehm. Es tut nicht wirklich weh, aber es ist unangenehm. Es erfolgt eine örtliche Betäubung und dann kommt der Doktor mit einer riesigen, unglaublich dicken Nadel, die in einem extrem bedrohlich aussehenden Kasten steckt. Mit der Nadel stochert der Doc in der Brust herum, wovon man Dank Betäubung nichts spürt. Dann drückt er ab.

Ich fühlte mich an ein Bolzenschussgerät, womit man Säugetiere tötet, erinnert. Aber ich wurde weder ohnmächtig noch getötet. Lediglich ein wenig Blut lief aus meiner Brust an der Seite herunter. Das hatte nun auch wieder etwas von einem Einschuss. Soweit meine zugegebenermaßen sehr subjektive Erinnerung.

Nun heißt es wieder warten. Das ist nervenzerfetzend. Auf der anderen Seite ist mir das Ergebnis ja eigentlich schon klar. Daher warte ich gar nicht mehr so sehr darauf, sondern vielmehr, was mich dann erwartet. Und davor habe ich ’ne Scheissangst.

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