Ich wollte ja vom Grillen erzählen

Ich ging also mit meinem spießigen Blumenstrauß los. Bei sowas fühle ich mir immer ziemlich blöde, bei allem, was „man halt so macht“, sei es nun die Hand geben, mich vorstellen und meinen Namen nennen oder eben Blumen übergeben. Keine Ahnung, woran das liegt. Zum Glück kommt meine Tochter uns entgegen und ich drücke ihr die Blumen zwecks Weitergabe in die Hand. Ich bin froh, dass das Essen noch nicht fertig ist, die angebotene Zigarette lehne ich ab. „Hab gerade aus gemacht.“ Das wirkt nicht unhöflich. Die ersten Minuten sind immer die schlimmsten.

Meine zwei unheilbaren Krankheiten gesellen sich zu mir: Lampenfiber und der Tremor. Natürlich sind sie nicht halb so dramatisch wie das jetzt vielleicht tönt, aber gerade kombiniert können sie einem schon das Leben zur Hölle machen. Einmal bekam ich bei der Bank kein Geld, weil meine Unterschrift vor lauter Zittern nicht wie meine Unterschrift aussah; meine Ausbilder wollte mir damals ein Drogenproblem einreden (eine andere Ursache können zitternde Hände und Schatten unter den Augen schließlich nicht haben) und mich zur Therapie schicken; natürlich bin ich auch Alkoholiker, weil der Tremor durch Alkohol stark eingedämmt wird; in Cafés habe ich schon so manches Getränk unberührt stehen gelassen, beim Essen den Teller trotz Hunger nur halb leer gegessen, weil ich weder Tasse noch Besteck katastrophenfrei zum Mund hätte führen können; ich könnte die Liste noch ewig fortführen. Das alles ist zwar kein Grund sich umzubringen, macht das Weiterleben aber auch nicht gerade leichter. Seit September nehme ich Medikamente gegen den Tremor, aber damit lässt sich auch nur eine Besserung erzielen; ganz ruhig bekommt man die Hände nie. Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Ergebnis jedoch zufrieden. ´

Aber zurück zum Grillen: Nach einer Weile merke ich, dass das Lampenfieber nachlässt und dann werden auch die Hände ruhiger. Es ist recht angenehm, unsere Gastgeber sind keine Laberbacken, die einen pausenlos zuquasseln und recht sympathisch. Und gegrilltes Fleisch schmeckt sowieso gut. Aber eine Sache hat mir dann doch die Petersilie verhagelt:

Wie nebensächlich schießt mir durch den Kopf, dass es das erste Mal seit dem Feuer ist, dass ich im Garten sitze und grille. Und dann schweifen die Gedanken ab, die Stimmung ist im Arsch und da auch noch nicht wieder raus gekommen. Irgendwie scheint mein ganzes Leben seit nun schon fast drei Jahren zweigeteilt in vor und nach dem 6. August 2000. Was soll das? Ich will keinen Tag X, um den sich nur noch alles zu drehen scheint. Aber es lässt sich auch nicht so wirklich vermeiden. Später als wir in der Wohnung saßen, kam das Gespräch auf Spielkonsolen bzw. Spiele. Ich hatte einen Nintendo 64 und eine Playstation, aber seit dem Tag X kein Control-Pad mehr angerührt. Man redet über Haustiere, unser Kaninchen ist bei dem Feuer ums Leben gekommen. Habt ihr einen Video-Recorder? Seit dem Brand nicht mehr. Man könnte ja mal schwimmen gehen. Ich muss mir erst einen neuen Badeanzug kaufen. Auch diese Liste könnte ich noch erweitern; und von den Dingen, die sich seither noch verändert haben, will ich gar nicht erst anfangen. Ich will keinen Tag X, ich will Normalität. In meinem Kopf.

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