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Prolet

 ·  ÔśĽ 5 Minuten zum Lesen  ·  ÔťŹ´ŞĆ dark*

Geschrei aus dem Dachgeschoss weckt mich, nicht zum ersten Mal, seit die da oben wohnen. Eingezogen sind sie etwa zwei oder drei Wochen nach uns. Ich wei├č nicht einmal, wie sie hei├čen; zwar haben sie seit ein paar Tagen endlich ein lesbares Klingelschild, jedoch hat sich durch ihr Verhalten die Bezeichnung ÔÇ×Proleten aus dem DachgeschossÔÇť schon so sehr bei mir verinnerlicht, dass ich den Namen gar nicht mehr warhnehme.

Bereits w├Ąhrend ihres drei Wochen andauernden Umzugs - immer wieder wurde Kram und Zeug in schlecht gepackten Kartons unters Dach geschleppt - war deutlich zu erkennen, um wes Geistes Kind es sich handelt. Weniger bei der Frau, die eher ruhig und devot durchs Treppenhaus schleicht, auch nicht bei den Kindern, die eigentlich ganz niedlich aussehen (lediglich dem gr├Â├čeren der beiden k├Ânnte ich jedesmal den Halsumdrehen, wenn er auf dem Hof steht und ruft: ÔÇ×Guck mal, Papa, da wohnen ganz viele Spinnen!ÔÇť - Wer will das schon wissen!), aber der Kerl, mit dem sie zusammen leben. ÔÇ×ZusammenÔÇť trifft es wohl nicht so ganz, es wirkt mehr wie ein Gegeneinander. Als er den K├╝chenschrank aufbauen wollte und zu diesem Zweck gegen 23:20 Uhr anfing laut rumzuschreien, zu fluchen und irgendwelche Sachen durch die Gegend zu schmei├čen, rief ich ihm durch das ge├Âffnete Fenster hoch, er m├Âge doch bitte seinen L├Ąrm auf morgen verschieben oder zumindest die Fenster schlie├čen.

Neulich nachts um halb eins wurde ich ihm pers├Ânlich vorstellig, nachdem er laut stampfend die Holzstufen des Treppenhauses nach oben erklommen hatte. Dort angekommen wurde wieder Zeug durch die Gegend gepfeffert und laut geschrien, bis sich bei mir eine meiner bereits erw├Ąhnten ÔÇ×Jetzt reichtÔÇÖs!ÔÇť-Situationen einstellte und ich mich wieder anzog um anschlie├čend wutschnaubend nach oben zu gehen. Mein Mitbewohner trabte vorsichtshalber hinterher - wohlwissend, dass ich in solchen Situationen gelegentlich jegliche gute Erziehung vergesse, und weil der dem Typen dort oben so ziemlich alles zutraut.

Als ich oben ankam, traf mich erstmal der Schlag: Dort sieht es aus wie auf einer Sperrm├╝lldeponie. Ich kann gar nicht beschreiben, was dort neben zers├Ągten Holzplatten und M├╝lls├Ącken, T├╝ren und Schrankteilen noch alles im Treppenhaus rumsteht. Ein schmaler Trampelpfad f├╝hrt zur Wohnungst├╝r, die an diesem Abend weit offen stand. Ich klingelte. Nachdem keine Reaktion erfolgte und ich meinen Schock ├╝ber den Anblick des Chaos ├╝berwunden hatte, klopfte ich laut gegen den T├╝rrahmen. Ein erb├Ąrmlicher Wicht kam aus irgendeinem Zimmer zur Wohnungst├╝r gewankt, einen Kopf gr├Â├čer als ich und schei├čbesoffen. Fast h├Ątte ich laut gelacht, als mir meine Wut wieder einfiel. Ob er sich vielleicht vorstellen k├Ânnte, dass es Leute gibt, die nachts schlafen wollen und daf├╝r ein Minimum an Ruhe f├╝r sich in Anspruch nehmen, habe ich ihn gefragt. Ich habe ihm nahegelegt, sich an gewisse Regeln zu halten, die f├╝r ein friedliches Zusammenleben von N├Âten sind, da ich ansonsten auch noch ganz anders sein kann und bestimmt nicht noch einmal freundlichen klingeln komme. Und wenn er Alkohol und/oder Drogen aus dem Kopf lassen w├╝rde, dann klappte das auch besser. Abschlie├čend w├╝nschte ich ihm eine gute Nacht und ging wieder. Es hatte eh keinen Sinn, vermutlich w├╝rde er sich nicht einmal daran erinnern, dass es mich ├╝berhaupt gibt.

So war es auch tats├Ąchlich, jedenfalls behauptete er dies dem Hausverwalter gegen├╝ber. Er w├╝sste von nichts und au├čerdem k├Ânne das gar nicht sein, er w├Ąre nie laut. Seitdem gr├╝├čt er mich nicht mehr.

Vergangene Woche erz├Ąhlten mir meine Tochter und mein Mitbewohner unisono, dass ein Mann zur Dachgeschosswohnung ging, ein kurzes aber lautes Wortgefecht folgte, ein Schlag zu h├Âren war und der Mann wieder ging. Mein Mitbewohner war gerade am Briefkasten und sah den Mann mit zugeschwollenem Auge herunterkommen. Diese Erz├Ąhlung und ein Rest an Vernunft hielten mich heute Morgen davon ab nach oben zu gehen.

Als das Geschrei mich weckte, war es noch stockfinster, weswegen ich mich aufrichtete um auf die Uhr zu sehen: kurz vor f├╝nf. Oben ging es um irgendwelche Fragen der Ordnung, irgendein Porzellanteil flog durch die Luft und zerschellte. Jemand wurde angebr├╝llt wie ein Hund, er solle gef├Ąlligst sofort hierhin kommen. Raufgehen kam nicht in Frage, mein Mitbewohner ist nicht da, und wenn dieser gewaltbereite Idiot mich da oben zusammenschl├Ągt, ist meine Tochter ganz alleine. Eigentlich sollte man die Polizei rufen, aber meist ist es doch so, dass l├Ąngst wieder Ruhe herrscht, wenn diese endlich da ist. Au├čerdem qu├Ąlt mich immer wieder die Frage, ob das nun eine Bagatelle ist, die die Polizei von ihrer eigentlich Arbeit abh├Ąlt, oder ob es gerechtfertigt ist, sie daf├╝r zu bem├╝hen.

So gebe ich mich meinen Gedanken hin, auch noch lange, nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, wie es ausgehen k├Ânnte, wenn ich doch hinauf gehen w├╝rde. Welches meiner K├╝chenmesser wohl das geeigneste sei, um meine Argumente zu verst├Ąrken oder mich selbst zu sch├╝tzen. Gegen sechs Uhr meldet meine Blase ein dringlicheres Problem und unterbricht damit meine Gewaltphantasien. An Schlaf ist schon lange nicht mehr zu denken, der Kater freut sich - so fr├╝h bekommt er sonntags selten Fr├╝hst├╝ck. In meinem Kopf schmerzen die Hammerschl├Ąge, meine letzten Gedanken vor dem Einschlafen galten einer Frau, die mir vor drei Jahren das Leben noch schwerer zu machen versuchte, und von der ich mich immer wieder Frage, wie sie ├╝berhaupt noch in den Spiegel schauen kann. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema. Es gibt so viele Verr├╝ckte in dieser Welt, die von mir behauptet, ich sei nicht normal. Mir ist schlechtÔÇŽ

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