Vorhin standen der Herr Lebensabschnittsgefährte und ich in der Küche. Wir aßen einen Apfel und tranken einen Joghurt-Drink, den ich aus einem Becher Naturjoghurt, selbstgemachter Erdbeermarmelade und etwas Milch selbst gemacht habe. Da klopfte mein früheres Ich von innen gegen die Schädeldecke und rief: “Alter, was ist aus dir geworden?!”
Gute Frage. Als ich - vor nunmehr 25 Jahren, mein Blog wird in zwei Wochen 25 Jahre alt! - mit dem Blog hier anfing, war ich in einer ganz anderen Welt, psychisch völlig am Boden und Essen allgemein war in meiner Prioritätenlisten nur unleserlich auf den hinteren Rängen zu finden. Essen erfüllte nur einen einzigen Zweck: Körperfunktionen aufrecht erhalten. Aber auf dieses düstere Kapitel will ich gar nicht allzu sehr eingehen.
Es gab ja auch ein Leben vor dem Internet, die Älteren werden sich vielleicht erinnern. Auch da war ich ernährungstechnisch eher fragwürdig aufgestellt, ich habe das 2014 mal in einem Beitrag zusammengefasst, Labor für angewandte Kochkunst, mit dem ich eine neue Kategorie einleitete, die aber eher stiefmütterlich behandelt wird.
In den ersten 20 Jahren des Bestehens dieses Blogs ernährte ich mich überwiegend von Junk- und Fastfood. Bei Mäcces war ich Stammkunde, Kaffee in der einen Hand und Kippe in der anderen Hand gehörten zu meinem Image. Kochen musste vor allem einfach sein und schnell gehen. Wenn die warme Mahlzeit nur für mich alleine war, bestand sie nicht selten aus einer Fünf-Minuten-Terrine oder sogar nur eine Heiße Tasse Tomate und dazu ein Brötchen mit Käse, fertig zubereitet vom Bäcker natürlich.
Und ich war Marken-Junkie. Maggi, Milka, McDonald’s, Ferrero, Lagnese, Snickers - sie alle waren Stammgäste bei mir. Ich besitze Merch-Artikel von den oben genannten Marken und von Coca Cola. Ich war im Maggi-Store in Frankfurt, ich habe sogar mal für Nestlé gearbeitet, aber das ist wirklich, wirklich lange her. Zahlreiche Photos davon postete ich in sozialen Netzwerken, in denen ich früher aktiv war.
So kannte man mich, so erkannte man mich sogar bei Treffen. Wartend mit Kaffee und Kippe am Bahnsteig, das muss dark* sein. Ist tatsächlich so geschehen. Heute ist davon nichts mehr übrig. 2011 hörte ich auf zu rauchen, heute esse ich Obst und Joghurt zum Frühstück.
Was passierte?
Corona passierte.
Der Herr Lebensabschnittsgefährte und ich mussten täglich für uns selbst kochen. Der Mann war ja vorher immer mittags mit Kollegen irgendwo irgendwas essen und ich schaufelte die Fünf-Minuten-Terrinen und weitere, höchst fragwürdige Nahrungsmittel, die diese Bezeichnung keinesfalls verdient haben, in mich hinein. Wir begannen, uns mit der Zubereitung von Nahrung zu befassen. Wir lasen Rezepte und Tipps, guckten Koch-Videos auf YouTube und lauter solches Zeug.
Früher sagte mal jemand, der mich dafür auslachte, dass ich nicht kochen kann, dass das ja wohl jeder kann. Ja klar, garen kann ich alles. Aber würzen eben nicht. Und ohne Hilfe von außen kann man das auch nicht lernen, da braucht man schon Tippgeber. Der Herr Lebensabschnittsgefährte besaß die Geduld, nach solchen Tipps zu suchen, und ich setzte sie um. Und wie das mit vielen Dingen so ist: Wenn man den Bogen einmal raus hat, ergibt sich der Rest fast von selbst. Heute kann ich fast alles kochen und zubereiten, sogar Sachen, die ich überhaupt nicht mag (z. B. irgendwas mit Maultaschen oder Pesto selbst machen) oder vorher selbst noch nie gegessen habe (z. B. Falafel).
Heute kaufen wir Obst und Gemüse regional und saisonal. Wir bevorzugen Hofläden und was es dort nicht gibt, wird überwiegend Bio gekauft. Wobei ich regionale Äpfel aus konventionellem Anbau den Bio-Äpfeln aus Südafrika vorziehe, um mal ein Beispiel zu nennen. Unseren Fleischkonsum haben wir krass reduziert (dazu folgt irgendwann ein eigener Blogbeitrag) und wir achten auf die Haltung, soweit das für Verbraucher möglich ist.
Denn eines haben die ganzen globalen Ketten, die Produzenten und Verkäufer von all den vielen Dingen des täglichen Lebens und erst recht von all dem unnützen Zeug mit ihrem Verhalten während der sogenannten Lockdowns außerdem bei mir ausgelöst: Ich habe keine Lust mehr, denen mein Geld in den Rachen für ihren Schrott zu werfen.
Hier fehlt jetzt der Bogen vom angedeuteten Kapitalismus-Rant zum Apfel von heute Morgen. Jedenfalls habe ich neulich[*] festgestellt, dass wir viel zu wenig Grünzeug konsumieren. “Wir müssen mehr Obst und Gemüse essen”, verkündete ich. Ein weiteres Dauerproblem, mit dem ich seit mehr als zehn Jahren kämpfe, ist mein Verdauungssystem. Da die Chemotherapie seinerzeit meine ganzen Schleimhäute kaputt gemacht hat und die sich bis heute nicht vollständig davon erholz haben, habe ich mit allem Problem, wo Schleimhäute involviert sind. Zuvor habe ich nicht einmal geahnt, wie viele davon mein Körper überhaupt hat. Ein weiteres Problem für mein Verdauungssystem ist die lange Antibiotika-Einnahme von über einem Jahr, die vor allem meinem Darm sehr zugesetzt hat. Und da kommt jetzt der Joghurt ins Spiel.
Tja. Und so stehe ich heute nicht mit dem x-ten Kaffee und der x-ten Zigarette auf nüchternem Magen morgens um neun Uhr in der Küche, sondern mit kleingeschnittenem Apfel (anders schmecken die nicht) und selbstgemachtem Joghurt-Drink.
Und mein Kaffee ist schon seit drei Jahren nur noch löslicher Kaffee, für den ich früher nur Verachtung übrig hatte. Es klopft gerade wieder von innen gegen meine Schädeldecke und ruft: “Alter, was ist aus dir geworden?!”
[*] “neulich” ist meine liebste Zeitangabe. Das kann letzte Woche oder vor ein paar Jahren gewesen sein.