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Der Suizid-Engel

 ·  ÔśĽ 5 Minuten zum Lesen  ·  ÔťŹ´ŞĆ dark*

Wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit sa├č der Weihnachtsmann in dem gro├čen Sessel vor seinem Schreibtisch und war damit besch├Ąftigt, die Weihnachtsw├╝nsche auf ihre Durchf├╝hrbarkeit zu kontrollieren. Da h├Ârte er pl├Âtzlich ein ihm fast unbekanntes Ger├Ąusch, ganz leise, kaum lokalisierbar, ungewohnt an diesem Ort. Er stand von seinem Sessel auf, spitzte die Ohren und folgte den fremden T├Ânen.

Je n├Ąher er ihnen kam, um so deutlicher vernahm er, dass es sich um ein Wimmern handelte, vermischt mit tiefen Seufzern. Erstaunt dar├╝ber suchte er nach der Quelle dieser traurigen Kl├Ąnge und fand - inmitten der bereitgestellten Geschenke - einen kleinen Engel in schwarzem Outfit.

“Was ist denn mit dir? Warum bist du so traurig?” Die freundliche Stimme des Weihnachtsmannes und die Warmherzigkeit, mit der ihm begegnet wurde, l├Âsten bei dem Engel ein heftiges Schluchzen und eine scheinbar nicht mehr zu stoppende Tr├Ąnenflut aus. Der Weihnachtsmann nahm den Engel an die Hand, ging mit ihm zu seinem Sessel, setzte sich und nahm den Engel auf den Schoss. “Ich glaube, wir m├╝ssen uns unterhalten” sagte er. “Verrate mir doch erst einmal, wie du hei├čt.” Der Engel brach in noch lauteres Schluchzen aus und stammelte “Su … Suizid” stotterte der Engel schluchzend. Der Weihnachtsmann erschrak. “Was machst du denn ausgerechnet hier, bei mir?”
“Mich haben sehr viele Menschen auf der Erde zu Weihnachten gew├╝nscht..” der Engel lie├č traurig den Kopf sinken. “Hm …. Und du m├Âchtest nicht zu ihnen?”
“Ja und nein” antwortete der Engel “es ist alles so kompliziert!” Der Weihnachtsmann lehnte sich zur├╝ck, dr├╝ckte den kleinen schwarzen Engel an sich, strich ihm liebevoll ├╝ber den Kopf und sagte “Na, dann erz├Ąhl mal. Was ist denn so kompliziert?” Der Engel war froh, jemanden gefunden zu haben, der sich seine Probleme anh├Âren wollte und sah den Weihnachtsmann dankbar an. Dann begann er zu erz├Ąhlen:

“Ich glaube, es gibt auf der gro├čen, weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der mich wirklich mag. Viele, sehr viele w├╝nschen sich immer wieder, dass ich zu ihnen komme, aber keiner von ihnen mag mich wirklich. Ich bin f├╝r sie eine L├Âsung, schlimmer noch, die einzige L├Âsung, die ihnen noch einf├Ąllt, die ihnen noch helfen kann. Niemand m├Âchte, dass ich zu ihm komme, weil er mich toll, lieb oder wenigstens einfach nur nett findet. Jeder, der mich w├╝nscht, tut es nur, weil er verzweifelt ist und nichts anderes mehr helfen kann. Alle Menschen, die ich kennen lerne, sind verzweifelt, gepeinigt, gequ├Ąlt und am Ende ihrer Kr├Ąfte. Und immer wieder werde ich herbeigerufen, eile so schnell ich kann und dann - kurz bevor ich da bin, schicken sie mich wieder weg. St├Ąndig hetze ich mich umsonst ab. Gemessen an der Anzahl der Rufe nach mir, schaffe ich es nur selten, an mein Ziel zu gelangen, das macht mich oft traurig, weil ich nicht schnell genug war und ein Mensch weiter leiden muss. Viele reden st├Ąndig von mir, wie sehr sie mich doch herbei sehnen. Gleichzeitig haben sie aber Angst vor mir, trauen sich nicht einmal mir in die Augen zu sehen, wenden sich ab, damit ich ihnen nur nicht zu nahe komme. Andere schicken mich wieder weg, weil sie meine schlechte Seite kennen und f├╝rchten, obwohl sie selbst ja nichts mehr zu f├╝rchten haben, wenn ich erst mal bei ihnen war. Ich wei├č, dass ich den meisten, die ich erreicht habe, das gegeben habe, was sie sich so sehr erhofft haben. Ich habe sie von vielen unangenehmen Gef├╝hlen und Gedanken befreit, habe ihnen die Ruhe gegeben, die sie vorher nicht hatten, teilweise nicht einmal kannten. Ich habe ihren Qualen und Schmerzen ein Ende bereitet, konnte ihnen das geben, was sie sich so sehr w├╝nschten. Das w├╝rde mir eigentlich auch ein gutes Gef├╝hl geben, wenn ich nicht genau w├╝sste, dass dadurch meine schlechte Seite zum Vorschein kommt, was ich bei denen anrichte, die mich gar nicht wollen, nicht kennen, teilweise nicht ein einziges Mal in ihrem Leben daran dachten, dass es mich ├╝berhaupt gibt. Sie hassen mich, sie verstehen mich nicht, sie w├╝nschen sich, dass es mich gar nicht g├Ąbe, sie akzeptieren mich nicht und sie kommen nicht damit klar, dass es mich gibt. Und ich kann sie auch gut verstehen. Ich l├Âse bei ihnen so viele unangenehme, qu├Ąlende und schmerzende Gef├╝hle aus. Und einige von ihnen qu├Ąle ich so sehr, dass sie mich eines Tages ebenfalls herbei sehnen, weil ich ihnen so weh getan habe, ihnen solche Schmerzen zugef├╝gt habe, dass sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Kannst du verstehen, lieber Weihnachtsmann, dass mich das alles so unendlich traurig macht?”

Der Weihnachtsmann war tief betroffen. Hilflos strich er dem schwarzen Engel wieder ├╝ber den Kopf, dr├╝ckte ihn tr├Âstend an sich. “Und was, mein kleiner Engel, kann ich nun f├╝r dich tun? Was f├╝hrt dich hierher?” Der Engel sah den Weihnachtsmann mit gro├čen, traurigen Augen an und der Weihnachtsmann konnte deutlich den Schmerz und die Verzweiflung erkennen, die hinter diese Augen lagen. “Ich habe einen Weihnachtswunsch. Meinst du, du kannst ihn mir erf├╝llen?” Der Weihnachtsmann seufzte “Eigentlich sind Weihnachtsw├╝nsche f├╝r Engel nicht vorgesehen. Aber sag ihn mir. Ich werde tun, was in meiner Macht steht.” Der Engel atmete tief durch, nahm seinen ganzen Mut zusammen, blickte dem Weihnachtsmann in die Augen und sagte: “Ich w├╝nsche mir, dass ich jemand anders sein kann. Und wenn das nicht geht, dann m├Âchte ich gar nicht mehr sein, dann m├Âchte ich sterben.”

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