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Der Tag X

 ·  ÔśĽ 11 Minuten zum Lesen

Wir sitzen auf einer Bank im Park der psychiatrischen Klinik, wo wir B. besuchen. Mein Mann ist bei Mc Donald’s, als der Pfleger angerannt kommt: “Herr B. sie m├╝ssen dringend zuhause bei Frau S. anrufen, es brennt!” Das kann nicht sein, Frau S. bin ich und ich bin ja hier. Der Pfleger wei├č nichts Genaueres. Mit dem Handy meiner Schw├Ągerin, die auch dabei ist, versuche ich bei mir daheim anzurufen. Der Anrufbeantworter meldet sich nicht, kein gutes Zeichen. Ich gehe mit dem Pfleger zur├╝ck zur Station, J. ist am Telephon.

“Du musst sofort nach Hause kommen, deine Wohnung brennt.”
“Ich kann jetzt nicht weg, mein Mann ist noch bei Mc Donald’s.”
“Ok, wenn dir das egal ist, dann fahr ich jetzt eben wieder.”
Huch, den Tonfall kenne ich, die meint es ernst.

Ich muss B. noch ein paar Zigaretten da lassen. Der Pfleger meint: “Das ist jetzt nicht wichtig”, und schiebt mich ungeachtet meiner Proteste, dass es doch wichtig ist, durch die T├╝r. Langsam wird mir bewusst, was J. eben am Telephon sagte, dementsprechend hetze ich zur Pforte, die Telephonistin sieht mich und zeigt stumm auf den Ausgang, wo J.s Auto steht, auf dem R├╝cksitz mein tr├Ąnen├╝berstr├Âmtes Schatzi.

J. f├Ąhrt wie der Teufel. “Soll ich nicht lieber fahren? Du brauchst deinen F├╝hrerschein, ich kann zur Not auf meinen Verzichten.”
“Nein, geht schon.”
“Aber wenn du ein Ticket bekommst, zahl ich es.”
“Meine G├╝te!”, faucht sie mich an, “Deine Wohnung brennt! Hast du keine anderen Sorgen?!”

Nein, habe ich momentan offengestanden nicht. Die Wohnung brennt, daran kann ich auch nichts ├Ąndern. Au├čerdem habe ich immer noch die Vorstellung, dass nur der Toaster oder so in die Luft geflogen ist und hier viel Wind um nichts gemacht wird - bis wir in die Stra├če einbiegen, in der ich wohne. Eine der meistbefahrensten Stra├čen dieser Stadt ist gesperrt, das macht die Polizei nicht wegen einem Toaster.

“Ich darf nicht abbiegen, die Stra├če ist gesperrt.”
“Nat├╝rlich darfst du. Fahr einfach, ich mach das schon.”

Gegen├╝ber unserem Haus stehen etliche Schaulustige; ├╝berall blitzen Blaulichter, Polizisten wohin man guckt, Krankenwagen und nat├╝rlich Feuerwehr. Eine Polizistin stoppt den Wagen. Mit den Worten: “Das ist meine Wohnung, die da brennt.”, steige ich aus und komme mir vor wie in einer Filmkulisse und ich bin der Hauptdarsteller, der gerade den Set betritt. Ich warte darauf, dass irgendwo aus dem Megaphon des Regisseurs ein heiseres “CUT!” gebr├╝llt wird. Aber es br├╝llt keiner, warum br├╝llt denn keiner? Mir wird komisch.

Die ganze Situation wirkt viel zu grotesk, um real zu sein. Ich habe noch nie so viele Menschen in Uniformen und mit Funkger├Ąten auf einen Haufen versammelt gesehen. Unter mir auf dem Gehweg liegen Schl├Ąuche, ├╝ber mir sind zwei Leitern. Das alles soll in meine Wohnung f├╝hren. All die Menschen um mich herum habe ich noch nie zuvor gesehen, aber sie alle waren in meiner Wohnung, in meinem Reich.

Ich h├Ąnge irgendwo zwischen Ungl├Ąubigkeit und Realisieren was hier gerade geschieht in einer Fassungslosigkeit fest, was mir unwillk├╝rlich ein Grinsen entlockt. Die Polizistin guckt mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. “Sorry, aber ich glaub das hier alles noch nicht.” Jetzt blo├č keinen falschen Eindruck erwecken, sonst denken die nachher noch, ich h├Ątte die Bude selbst in Brand gesteckt oder sonstwas Verr├╝cktes. Sie reicht mich an Kollegen weiter, Personalien m├╝ssen aufgenommen werden, sie haben 1000 Fragen an mich. Ich gebe ihnen meine Brieftasche: “Irgendwo da drin ist mein Ausweis.” Sollen sie doch selber suchen, ich suche jetzt jemanden, der Klarheit in meinem verwirrten Kopf schafft. Ein Feuerwehrmann nimmt gerade die Gasmaske ab, er scheint somit pr├Ądestiniert f├╝r mein Anliegen zu sein. Ich erfahre von ihm, dass der Brand in der K├╝che ausgebrochen ist - so weit entfernt lag ich mit der Vorstellung von dem Toaster vielleicht doch nicht - dass mein Kaninchen tot im K├Ąfig liegt und: “Die Fische im Aquarium schwimmen aber noch”, f├╝gt er l├Ąchelnd hinzu.

Ich will die Wohnung sehen. Der Einsatzleiter der Feuerwehr diskutiert mit seinem Funkger├Ąt und l├Ąsst sich von mir ├╝berreden.

“Sind Sie sicher, dass sie das verkraften?”
“Hab ich ne andere Wahl? Irgendwann muss ich eh da rauf.”

Im Treppenhaus funktioniert das Licht nicht, das ganze Haus ist ohne Strom, daf├╝r stinkt es bestialisch. Ich muss aufpassen, dass ich nicht ├╝ber die Schl├Ąuche stolpere oder auf den vom L├Âschwasser durchn├Ąssten Stufen ausrutsche. Der Gestank wird mit jeder Stufe intensiver, nach Toaster riecht das nicht. In der 2. Etage wohnen C. und Schatzi, die Wohnungst├╝r ist eingetreten, im Kinderzimmer fangen Blechgef├Ą├če das durch die Decke tropfende L├Âschwasser auf.

Eine Mischung aus Wasser und Asche sowie durchsichtigen und schwarz verru├čten Glasscherben bedeckt die Stufen zur letzten Etage so dicht, dass man den urspr├╝nglichen Belag nicht mehr sieht. Das Velux-Fenster im Treppenhaus ist durch die Hitze geplatzt. Die urspr├╝nglich wei├če Tapete ist pechschwarz. Am Ende der Treppe steht ein riesiger L├╝fter, der einen H├Âllenl├Ąrm macht. Meine Wohnungst├╝r gibt es nicht mehr, statt dessen liegen Kohlest├╝cke auf dem Boden und irgendwo dazwischen die verru├čten Beschl├Ąge. Schwer h├Ąngt der Rauch in der Luft, brennt beim Atmen in der Lunge. Es ist unertr├Ąglich hei├č.

In meiner K├╝che, na ja was vor zwei Stunden noch meine K├╝che war, stehen zwei Feuerwehrm├Ąnner. Ich sehe sie nur undeutlich durch den dunklen Rauch. Ich h├Âre ein eigenartiges Ger├Ąusch, sie atmen durch Gasmasken. All das, die Ger├Ąusche, der Rauch, die Tr├╝mmer auf dem Boden, das schw├Ąrzeste Schwarz, das ich jemals sah, an den W├Ąnden und einfach ├╝berall, all das wirkt so unwirklich und verbreitet trotz der unglaublichen Hitze eine eigenartig kalte Atmosph├Ąre.

Ich warte auf den Moment des Aufwachens, auf das Ende meines Alptraumes, darauf, die Twilight-Zone zu verlassen. Gleichzeitig v├Âllig klar im Kopf und wissend, dass das kein Traum ist, dass mein Leben sich diesmal von seiner miesesten Seite zeigt. Irgendetwas passierte in mir, als w├╝rden tausend Schalter in meinem Kopf gleichzeitig umgelegt. Ich bin hier, mittendrin in all dem Schwarz, aber irgendwie weit weg, fremd.

“Sie m├╝ssen wieder runter, die Luft ist giftig ohne Gasmaske.” Ich muss schreien, damit er mich durch den L├Ąrm des L├╝fters versteht, meine Kraft ist verschwunden, ich bringe nicht einmal ein Hauchen hervor. Eine fremde Stimme br├╝llt ihn an: “Nein, ich will die Wohnung sehen, wenigstens mal um die Ecke gucken, wie das Wohnzimmer aussieht.” Er spricht wieder mit seinem Funkger├Ąt und ein Gasmaskentr├Ąger kommt aus meinem Wohnzimmer und deutet mir ihm vorsichtig zu folgen.

Die Hitze ist unertr├Ąglich, der Rauch brennt immer st├Ąrker in den Lungen. Erstaunlich, dass alles noch an seinem Platz steht. Das hatte ich nicht erwartet. Die ehemals hellgelben W├Ąnde sind v├Âllig schwarz, eine Fensterscheibe eingeschlagen um der Feuerwehr den Zutritt zu erm├Âglichen. Wenn ich nicht mit einer Rauchvergiftung im Krankenhaus landen m├Âchte, muss ich gehen. Ich verlasse die H├Âlle, meine H├Âlle.

Die Kripo verh├Ârt mich, meinen zwischenzeitlich eingetroffenen Ehemann, meine Tochter und auch J., Routine-Programm. Man befragt J. und Schatzi, wo sie waren, wann sie zuletzt in der Wohnung waren und wie sie den Brand bemerkt h├Ątten. Sie kamen zur├╝ck vom Spaziergang mit dem Hund, brachten diesen zu J. nach Hause und fuhren zu unserem Haus. Aufgrund des sch├Ânen Wetters und J.s Faulheit gingen sie nicht nach oben in die Wohnung, blieben lieber im Garten sitzen, nachdem sie sich nebenan in der Eisdiele ein Eis geholt hatten. Schatzi meinte, es w├╝rde komisch riechen, als ob jemand grillt aber irgendwie anders. Sie sah am Haus hoch und sah aus unserem Schlafzimmerfenster Rauch quellen. J. erfasste die Lage sofort, dr├╝ckte Schatzi den Autoschl├╝ssel in die Hand und sagte ihr, sie solle sich ins Auto setzen und nicht vom Fleck r├╝hren, sie w├╝rde nachschauen, was da los ist. Au├čerdem wollte sie Yoshi, unser Kaninchen, retten. Im Treppenhaus kam ihr eine Polizistin entgegen, die ihr verboten hat, nach oben zu gehen. J. ├╝berreichte der Polizistin den Wohnungsschl├╝ssel und sagte ihr, dass sie die Mieter der Wohnung nun abholen w├╝rde. Daraufhin fuhr sie zur Klinik, um mich zu holen.

Besagte Polizistin fuhr mit ihrem Kollegen Streife, als sie sahen, wie Rauch und Flammen aus meinem K├╝chenfenster schlugen und sofort die Feuerwehr alarmierten. Die war recht schnell zur Stelle, da sonntags auf den Stra├čen nicht viel los ist bei dem sch├Ânen Wetter. Zeitgleich hatte ein Bewohner von Gegen├╝ber die 112 angerufen. Ungef├Ąhr 10 bis 15 Minuten Brandzeit hatten ausgereicht mein Luftschloss in die H├Âlle zu katapultieren.

Mich machen die Fragen des Kripo-Typen nach dem gesamten Tag, detailliert mit Orts- und Zeitangaben, ungehalten. “Ich h├Ątte sicher nicht mein 6 Monate altes Kaninchen in der Wohnung gelassen. Vor 11 Monaten haben wir zwei Monate lang da oben renoviert wie bl├Âde. Nichts von meinen Sachen war ├Ąlter als 3 bis 4 Jahre, vor sieben Wochen habe ich mir erst einen nagelneuen Computer gekauft. Glauben Sie ernsthaft, ich fackle mich selbst in die Obdachlosigkeit?!” Nein, alles nur Routine.

J. und ich stehen auf dem Gehweg.
“War irgendwie klar, dass dir sowas passiert.”
“Ja.” Es ist ein Witz, mein ganzes Leben ist ein Witz. Aber keine Sau lacht ├╝ber die Pointe.

Die Spurensicherung will, dass ich die Ger├Ąte in der K├╝che identifiziere. Ich muss wieder nach oben und erkl├Ąre dem Beamten was welches Ger├Ąt war, man kann ja kaum noch etwas erkennen. Er wundert sich ├╝ber Teller und Sch├╝sseln im Eisschrank. “Die waren nicht da drin, sondern im H├Ąngeschrank dar├╝ber.” Was denkt der denn? Er schaut nach oben. “Wo ist denn der H├Ąngeschrank?” Was f├╝r eine Frage! “Verbrannt?!” Nun ja, ich rei├če mich besser zusammen und erkl├Ąre ihm wie die K├╝che zuvor ausgesehen hatte.

Auf dem Weg nach unten sehe ich, dass das Wasser nicht mehr in Schatzis Zimmer tropft, es l├Ąuft in Sturzb├Ąchen aus der Decke. Ihr Zimmer ist ruiniert, meine Nerven ebenso. Dass ich mein ganzes Hab und Gut soeben verloren hatte, kann ich gerade noch verkraften, aber dass es meiner Tochter ebenso ergehen soll, ist einfach zu viel! Ich falle auf die Knie und schreie. Ich kann nicht mehr. Aber der Kripobeamte faselt was von Notarzt und ich rei├če mich wieder zusammen. Blo├č kein Arzt! “Nein, geht schon wieder. Ich muss hier raus.”

Wieder auf der Stra├če h├Âre ich aus dem Funkger├Ąt eines Feuerwehrmannes den Satz “Bring die Axt mit!” Axt? “Was macht ihr damit?” Wer meine pedantische Ordnungsliebe kennt, wei├č, warum mir bei der Vorstellung einer Axt in meiner K├╝che die Knie weich werden. “Die Ger├Ąte m├╝ssen aus der K├╝che raus, der Brandherd lokalisiert und ein Schwelbrand ausgeschlossen werden.” Aha. Mir f├Ąllt wieder ein, wie die K├╝che jetzt aussieht, da kommt es auf die Axt auch nicht mehr an. Sie schmei├čen die Ger├Ąte wie Waschmaschine, Trockner, Gefrier- und Eisschrank die Treppe runter, wof├╝r die M├╝he des Tragens machen? Als ich die Waschmaschine angeflogen kommt, muss ich lachen: “Da ist noch Garantie drauf. Ob ich einen Schaden reklamieren soll?” Wenigstens mein Humor war mir geblieben.

Die Feuerwehrm├Ąnner sind mit ihrer Arbeit fertig. Der Einsatzleiter spendiert Eis f├╝r seine Kollegen und sie feiern.

“Was feiert Ihr denn?”
“F├╝r den Kollegen dort ist es der erste Brand”
“F├╝r mich auch, bekomm ich jetzt auch ein Eis?” Er guckt mich betroffen an. “Schon gut”, sage ich bevor er etwas sagen kann. “Danke f├╝r alles.”
“Wir haben nur unseren Job getan.”
“Ich wei├č, trotzdem Danke.”
“Eine Frage muss ich Ihnen noch stellen: Wissen Sie, wo Sie heute ├╝bernachten? Wenn nicht, m├╝ssen wir Sie und Ihren Mann irgendwo unterbringen.”
“Was hei├čt irgendwo?”
“In einem Obdachlosen-Asyl.” In seinem Gesicht ist deutlich zu erkennen, dass er davon genauso wenig h├Ąlt wie ich.
“Auf keinen Fall! Eher schlafe ich in meinem Auto. Aber keine Sorge, wir kommen schon bei jemandem unter.”

Ich hatte mir noch gar keine Gedanken dar├╝ber gemacht. Schatzi und ihr Papi sind bereits zu einer Bekannten gefahren, wo sie ├╝bernachten; die beiden sind also versorgt, was mir viel wichtiger ist. Schlafen. Als ob ich heute Nacht schlafen k├Ânnte. Irgendwann in dem Durcheinander rief ich meinen Bruder an, damit er meinem Versicherungs-Heini informiert, der sein Schwiegervater ist. Es kam sofort her und bietet mir jetzt an, bei ihm zu ├╝bernachten.

Einer meiner Nachbarn kommt in diesem Moment mit seiner Freundin von einem Wochenend-Urlaub zur├╝ck. Als die beiden das Geschehen einigerma├čen umrissen haben, bieten sie mir an mein Auto bei der Klinik abzuholen. Mir hatte die Kripo ein Fahrverbot quasi auferlegt. Da der Gesetzgeber davon ausgeht, dass man nach einem solchen Ereignis nicht in der Lage sei, ein Kraftfahrzeug mit der ausreichenden Konzentration zu f├╝hren, h├Ątte ich bei einem eventuellen Unfall auf jeden Fall eine Teilschuld. Soso. Nachdem ich soeben allen materiellen Besitz verloren hatte, empfinde ich dies nun, als w├╝rden mir auch noch geistige F├Ąhigkeiten genommen werden. Aber was soll’s, ich resigniere. Dann soll mein Nachbar eben das Auto holen und ich lasse mich sp├Ąter zu meinem Bruder fahren.

Die Feuerwehr wird zu einem anderen Brand zwei Blocks entfernt gerufen, Installateur und Elektriker versorgen das Haus wieder mit Wasser und Strom, ein Schreiner ersetzt die verbrannte Wohnungstuer notd├╝rftig durch ein paar Holzbretter, die von der Kripo versiegelt werden.

Nicht nur der Tag ist vorbei.

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dark*
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