Kaninchen

Dieses Jahr gibt es zu Weihnachten ein Kaninchen bei uns. Aber bevor jetzt die Tierschützer auf den Plan gerufen werden von wegen Tiere unterm Weihnachtsbaum und so: Es ist schon tot. Momentan liegt es im Kühlschrank und wartet darauf, durch ein Meer von Buttermilch zu seiner letzten Reise in den Backofen antreten zu dürfen. Lecker!

Bei meinen Großeltern gab es früher auch oft Kaninchen als Weihnachtsessen. Und irgendwann sogar lebendige, in Ställen im Schuppen, wo sie sich im wahrsten Sinne des Wortes wie die Kaninchen vermehrten. Die waren so süß! Ich verwöhnte sie regelmäßig mit frischen Möhren aus dem Garten, streichelte sie, schmuste mit ihnen, ließ sie auf dem Rasen frei laufen und gab ihnen sogar Namen. Als mein Großvater eines Tages mit blutigen Händen aus dem Schuppen kam, wurde mir schlagartig und ziemlich brutal klar, dass diese Tiere nicht zu meinem persönlichen Vergnügen angeschafft wurden. Zwar hatten sie mir das vorher oft genug gesagt, aber da meine Großmutter nicht einmal widerliche Spinnen tötete, sondern diese einsammelte und in den Garten zurückbeförderte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie zu einem solch grausamen Mord tatsächlich fähig sein sollten. Selbstredend habe ich an Weihnachten gehungert.

Als ich 13 Jahre alt war, bekamen wir von einer Bekannten ein Zwergkaninchen geschenkt. Ein graues – den Namen habe ich leider vergessen. Kurz darauf bekamen wir eine kleine Katze, die anfangs so winzig war, dass sie auf meiner Hand schlafen konnte. Es war lustig anzusehen, wie anfangs die Katze vor dem Kaninchen weggelaufen ist, bis sie etwa genauso groß war und der Spieß sich langsam wendete. Aber ernsthaft verletzt haben die beiden sich nie. Oft schliefen sie aneinandergekuschelt. Ein wirklich niedliches Duo. Das Kaninchen hatte einen wunderschönen Stall, der aus einem buntlackierten Holzhaus mit dazugehörigem Vorgarten bestand. Haus und Garten waren durch kleine Haken miteinander verbunden. Irgendwann im Sommer, der Stall stand bei meinen Großeltern, wo mein Bruder mittlerweile wieder wohnte, auf der Terasse, schloss mein Bruder diese Haken nicht richtig und das graue Kaninchen war weg.

1997 trat Moppel in unser Leben. Meine Tochter, die damals mit ihrem Vater zusammen lebte, wünschte sich ein Kaninchen, was wir jedoch beide ablehnten. Allerdings hatten wir nicht mit der damaligen Freundin von Schatzis Vater gerechnet, die sich über unsere Entscheidung hinwegsetze und irgendwann mit einem schwarz-weißen, ziemlich fusseligen und zerrupften Kaninchen angeschleppt kam. Sie arbeitete in einer Tierhandlung und brachte dieses Tier angeblich nur mit, weil es krank sei und gesund gepflegt werden müsse. Als wir alle gemeinsam in das Haus einzogen, in dem es später brannte, landete Moppel in meiner Wohnung, weil sich sonst niemand darum kümmerte. Später wurde er ein Opfer der Umstände, als der (zwischenzeitlich Ex-) Freundin einfiel, dass sie den Käfig benötigte und selbigen einfach aus dem Schuppen entwendete, wo er für Gartenaufenthalte deponiert war (für die Wohnung hatte ich zwischenzeitlich einen größeren gekauft). Dabei vergaß sie völlig, dass sie das Kaninchen meiner Tochter geschenkt hatte, behauptete steif und fest einen Anspruch auf den Käfig zu haben, weil selbiger nebst Kaninchen schließlich ihr gehöre. Kuzerhand schnappte ich mir Moppel und drückte ihn der Exfreundin in die Hand. Sollte sie doch sehen, wie sie damit fertig wurde.

Um meine Tochter zu trösten, musste Ersatz her. Und so kam eines Tages Yoshi in Form eines Ostergeschenks meiner Schwägerin daher. Yoshi war noch sehr jung, kaum größer als ein Brötchen und extrem süß. Um die optimale Pflege und Betreuung zu gewährleisten, wohnte Yoshi – wie zuvor auch Moppel – in meiner Wohnung. Gleichzeitig bekam er im Garten ein Freigehege für den Sommer. In seinen Käfig musste er nur nachts oder wenn er allein gelassen wurde. Abends, während ich TV guckte oder Playstation spielte, schlief er auf meinem Schoß; tagsüber rannte er mir wie ein kleiner Hund hinterher. Kabel hat er nie angeknabbert, dafür aber fast alles gefressen, was er gefunden hat: Neben dem üblichen Kaninchenfutter und Grünzeug natürlich auch Süßigkeiten aller Art und sogar Wurst und Käse. Einmal beobachtete ich ihn, wie er an einem Kotlettknochen rumnagte, den der Kater liegen gelassen hatte. Der Kater sah übrigens weder in Moppel noch in Yoshi eine Beute. Es kam sogar vor, dass er in den Käfig kletterte, wenn dieser offenstand, und sich dort zum schlafen zusammenrollte.

Am 6. August 2000 wurde Yoshi Opfer des Wohnungsbrandes. Er war nicht einmal ein halbes Jahr alt. Wir begruben die Leiche im Garten und bastelten ein Holzkreuz, auf dem das Bild, welches hier zu sehen ist, befestigt wurde. Ich trug den kalten Körper in den Garten, wobei ich ihn die ganze Zeit streichelte. Er fühlte sich merkwürdig an, wie ein Stofftier. Als C. die Erde über den kleinen Körper schaufelte, kamen mir die Tränen.

Wenige Wochen später beging ich den Fehler, Ersatz für Yoshi herbeizuschaffen: Ernie und Bert. Die beiden waren zwar auch sehr niedlich und wurden von mir mit allem versorgt, was ein Kaninchen braucht (inklusive Freigängen im Gehege bei entsprechendem Wetter), aber … nun ja, sie waren halt nicht Yoshi. Es gelang mir nie wirklich, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Erschwerend kam noch hinzu, dass die zwei sich nicht vertrugen. Obwohl Bert, das Männchen, kastriert wurde, ließ er Ernie, das Weibchen, nicht in Ruhe. Sie prügelten sich beinahe täglich, weswegen ich sie nach kurzer Zeit in getrennten Käfigen halten musste. Da dies weder für Mensch noch für Tier befriedigend war, außerdem mein Umzug nach Berlin bevorstand, entschloss ich mich, einen geeigneten Platz für die zwei Süßen zu finden. Hierbei war mir J., meine beste weil einzige Freundin, eine große Hilfe. Durch ihre berufliche Tätigkeit kannte sie eine Frau, die etwa 30 Kaninchen in mehreren Gehegen aus reiner Tierliebe ihr eigen nannte. Dorthin kamen auch Ernie und Bert, wo sie sich Berichten zufolge prächtig entwickelten und in die vorhandenen Gruppen einfügten.

Dieses Jahr gibt es also wieder Kaninchen. Frisch aus dem Ofen auf den Tisch.

Perverse Welt.