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Kaninchen

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Dieses Jahr gibt es zu Weihnachten ein Kaninchen bei uns. Aber bevor jetzt die Tiersch├╝tzer auf den Plan gerufen werden von wegen Tiere unterm Weihnachtsbaum und so: Es ist schon tot. Momentan liegt es im K├╝hlschrank und wartet darauf, durch ein Meer von Buttermilch zu seiner letzten Reise in den Backofen antreten zu d├╝rfen. Lecker!

20041222-03

Bei meinen Gro├čeltern gab es fr├╝her auch oft Kaninchen als Weihnachtsessen. Und irgendwann sogar lebendige, in St├Ąllen im Schuppen, wo sie sich im wahrsten Sinne des Wortes wie die Kaninchen vermehrten. Die waren so s├╝├č! Ich verw├Âhnte sie regelm├Ą├čig mit frischen M├Âhren aus dem Garten, streichelte sie, schmuste mit ihnen, lie├č sie auf dem Rasen frei laufen und gab ihnen sogar Namen. Als mein Gro├čvater eines Tages mit blutigen H├Ąnden aus dem Schuppen kam, wurde mir schlagartig und ziemlich brutal klar, dass diese Tiere nicht zu meinem pers├Ânlichen Vergn├╝gen angeschafft wurden. Zwar hatten sie mir das vorher oft genug gesagt, aber da meine Gro├čmutter nicht einmal widerliche Spinnen t├Âtete, sondern diese einsammelte und in den Garten zur├╝ckbef├Ârderte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie zu einem solch grausamen Mord tats├Ąchlich f├Ąhig sein sollten. Selbstredend habe ich an Weihnachten gehungert.

Als ich 13 Jahre alt war, bekamen wir von einer Bekannten ein Zwergkaninchen geschenkt. Ein graues - den Namen habe ich leider vergessen. Kurz darauf bekamen wir eine kleine Katze, die anfangs so winzig war, dass sie auf meiner Hand schlafen konnte. Es war lustig anzusehen, wie anfangs die Katze vor dem Kaninchen weggelaufen ist, bis sie etwa genauso gro├č war und der Spie├č sich langsam wendete. Aber ernsthaft verletzt haben die beiden sich nie. Oft schliefen sie aneinandergekuschelt. Ein wirklich niedliches Duo. Das Kaninchen hatte einen wundersch├Ânen Stall, der aus einem buntlackierten Holzhaus mit dazugeh├Ârigem Vorgarten bestand. Haus und Garten waren durch kleine Haken miteinander verbunden. Irgendwann im Sommer, der Stall stand bei meinen Gro├čeltern, wo mein Bruder mittlerweile wieder wohnte, auf der Terasse, schloss mein Bruder diese Haken nicht richtig und das graue Kaninchen war weg.

20041222-01

1997 trat Moppel in unser Leben. Meine Tochter, die damals mit ihrem Vater zusammen lebte, w├╝nschte sich ein Kaninchen, was wir jedoch beide ablehnten. Allerdings hatten wir nicht mit der damaligen Freundin von Schatzis Vater gerechnet, die sich ├╝ber unsere Entscheidung hinwegsetze und irgendwann mit einem schwarz-wei├čen, ziemlich fusseligen und zerrupften Kaninchen angeschleppt kam. Sie arbeitete in einer Tierhandlung und brachte dieses Tier angeblich nur mit, weil es krank sei und gesund gepflegt werden m├╝sse. Als wir alle gemeinsam in das Haus einzogen, in dem es sp├Ąter brannte, landete Moppel in meiner Wohnung, weil sich sonst niemand darum k├╝mmerte. Sp├Ąter wurde er ein Opfer der Umst├Ąnde, als der (zwischenzeitlich Ex-) Freundin einfiel, dass sie den K├Ąfig ben├Âtigte und selbigen einfach aus dem Schuppen entwendete, wo er f├╝r Gartenaufenthalte deponiert war (f├╝r die Wohnung hatte ich zwischenzeitlich einen gr├Â├čeren gekauft). Dabei verga├č sie v├Âllig, dass sie das Kaninchen meiner Tochter geschenkt hatte, behauptete steif und fest einen Anspruch auf den K├Ąfig zu haben, weil selbiger nebst Kaninchen schlie├člich ihr geh├Âre. Kuzerhand schnappte ich mir Moppel und dr├╝ckte ihn der Exfreundin in die Hand. Sollte sie doch sehen, wie sie damit fertig wurde.

20041222-02

Um meine Tochter zu tr├Âsten, musste Ersatz her. Und so kam eines Tages Yoshi in Form eines Ostergeschenks meiner Schw├Ągerin daher. Yoshi war noch sehr jung, kaum gr├Â├čer als ein Br├Âtchen und extrem s├╝├č. Um die optimale Pflege und Betreuung zu gew├Ąhrleisten, wohnte Yoshi - wie zuvor auch Moppel - in meiner Wohnung. Gleichzeitig bekam er im Garten ein Freigehege f├╝r den Sommer. In seinen K├Ąfig musste er nur nachts oder wenn er allein gelassen wurde. Abends, w├Ąhrend ich TV guckte oder Playstation spielte, schlief er auf meinem Scho├č; tags├╝ber rannte er mir wie ein kleiner Hund hinterher. Kabel hat er nie angeknabbert, daf├╝r aber fast alles gefressen, was er gefunden hat: Neben dem ├╝blichen Kaninchenfutter und Gr├╝nzeug nat├╝rlich auch S├╝├čigkeiten aller Art und sogar Wurst und K├Ąse. Einmal beobachtete ich ihn, wie er an einem Kotlettknochen rumnagte, den der Kater liegen gelassen hatte. Der Kater sah ├╝brigens weder in Moppel noch in Yoshi eine Beute. Es kam sogar vor, dass er in den K├Ąfig kletterte, wenn dieser offenstand, und sich dort zum schlafen zusammenrollte.

Am 6. August 2000 wurde Yoshi Opfer des Wohnungsbrandes. Er war nicht einmal ein halbes Jahr alt. Wir begruben die Leiche im Garten und bastelten ein Holzkreuz, auf dem das Bild, welches oben zu sehen ist, befestigt wurde. Ich trug den kalten K├Ârper in den Garten, wobei ich ihn die ganze Zeit streichelte. Er f├╝hlte sich merkw├╝rdig an, wie ein Stofftier. Als C. die Erde ├╝ber den kleinen K├Ârper schaufelte, kamen mir die Tr├Ąnen.

Wenige Wochen sp├Ąter beging ich den Fehler, Ersatz f├╝r Yoshi herbeizuschaffen: Ernie und Bert. Die beiden waren zwar auch sehr niedlich und wurden von mir mit allem versorgt, was ein Kaninchen braucht (inklusive Freig├Ąngen im Gehege bei entsprechendem Wetter), aber ÔÇŽ nun ja, sie waren halt nicht Yoshi. Es gelang mir nie wirklich, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Erschwerend kam noch hinzu, dass die zwei sich nicht vertrugen. Obwohl Bert, das M├Ąnnchen, kastriert wurde, lie├č er Ernie, das Weibchen, nicht in Ruhe. Sie pr├╝gelten sich beinahe t├Ąglich, weswegen ich sie nach kurzer Zeit in getrennten K├Ąfigen halten musste. Da dies weder f├╝r Mensch noch f├╝r Tier befriedigend war, au├čerdem mein Umzug nach Berlin bevorstand, entschloss ich mich, einen geeigneten Platz f├╝r die zwei S├╝├čen zu finden. Hierbei war mir J., meine beste weil einzige Freundin, eine gro├če Hilfe. Durch ihre berufliche T├Ątigkeit kannte sie eine Frau, die etwa 30 Kaninchen in mehreren Gehegen aus reiner Tierliebe ihr eigen nannte. Dorthin kamen auch Ernie und Bert, wo sie sich Berichten zufolge pr├Ąchtig entwickelten und in die vorhandenen Gruppen einf├╝gten.

Dieses Jahr gibt es also wieder Kaninchen. Frisch aus dem Ofen auf den Tisch.

Perverse Welt.

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