Lebensmitteldisco Unterslidl

Vorletzte Nacht drangen Außerirdische durch mein Schlafzimmerfenster ein, öffneten meine Schädeldecke und tauschten das darunterliegende Gehirn gegen einen mit Gel getränkten Schwamm aus. Damit wäre ich ja noch zurecht gekommen, wenn sie wenigstens den körpereigenen Temperaturregler und den Gleichgewichtssinn dagelassen hätten. Außerdem bekam mein Hals durch den Durchzug, der zwangsläufig bei geöffneter Schädeldecke entsteht, einen leichten Zug, gegen den er seither schmerzhaft protestiert.

In diesem Zustand tut man Dinge, die man für gewöhnlich eher unterlässt. So verfiel ich zum Beispiel auf die wahnwitzige Idee, mir diesen Bericht im Handelsblatt{.broken_link} vorlesen zu lassen (oben rechts auf den Lautsprecher-Button klicken), weil ich selbst zum Lesen viel zu müde war. In kindlicher Naivität, für die zweifellos der Schwamm verantwortlich war, hatte ich die freundliche Stimme von Michael Ende erwartet, der mir in Kindertagen so oft die Geschichte von Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer erzählte. Dementsprechend enttäuscht war ich, als eine weibliche Computerstimme über die Lebensmitteldisco Unterslidl berichtete. Hä? Mit dieser Wortschöpfung hatte selbst mein Gelschwamm Probleme, also warf ich doch noch einmal einen Blick auf den geschriebenen Text: „Lebensmittel-Disounters Lidl“ steht da. Offensichtlich hat man vergessen, das Wort „Discounter“ mit dem englischen Sprachattribut zu versehen, so dass es vorgelesen wird wie es geschrieben steht – inklusive Sprechpause zwischen o und u.

Das war zuviel! Ich versuchte meinen Schwamm mit einem weiteren Dolormin Heißgetränk zu beruhigen und legte mich ins Bett. Leider ohne Jim Knopf (den ich nach wie vor von Michael Ende erzählt auf einer Sammlung von fünf Schallplatten besitze) da ich meinen Schallplattenspieler mangels Verstärker zur Zeit nicht nutzen kann. Blöderweise ist der Soundchip meines Computers so nah am Gehäuse untergebracht, dass der Stecker, von dem ich nicht weiß, wie er heißt, der freundlicherweise aus den zwei Chinch-Steckern einen macht, der in die Line-in-Buchse passt, aus Platzmangel nicht eingestöpselt werden kann. Abgesehen davon hätte mich diese Aktion auch restlos überfordert. Ich kroch also alleine ins Bett.

Dort fiel mir ein Projekt wieder ein, welches ich 1996 einmal in Angriff genommen und nie beendet hatte: Ich wollte – und an dieser Stelle muss ich mich als Hobby-Modellbahner outen – Lummerland nachbauen, Spur H0, Maßstab 1:87, aus dem Gedächtnis nach den Videofilmen der Augsburger Puppenkiste. Damals hatte ich noch keinen Internetanschluß und vermutlich gab es auch die Seite von Dr. König noch nicht, der einen Gleisplan der Insel erstellt hat. Mein Projekt wurde jedoch nachhaltig durch den Kater sabotiert, der seinen dicken Bauch immer wieder in die für ihn zu engen Tunnelöffnungen quetschte, so dass ich täglich damit beschäftigt war, selbige mit Gips zu reparieren. Irgendwann wurde mir dies zu monoton und ich kapitulierte.

Letzte Nacht kamen die Außerirdischen wieder und gaben mir zumindest meine rechte Gehirnhälfte zurück. Links befindet sich immer noch der Schwamm, was sich deutlich bemerkbar macht durch nicht zu stoppendes Austreten des Gels aus meinem linken Nasenloch. Jetzt geht es mir rechts wieder gut, während mir links nocht etwas schwindelig ist. Aber immerhin habe ich meinen Temperaturregler zurück.