Diese Seite sieht mit aktiviertem JavaScript am Besten aus

Lebensmitteldisco Unterslidl

 ·  ☕ 3 Minuten zum Lesen  ·  ✍ dark*

Vorletzte Nacht drangen Außerirdische durch mein Schlafzimmerfenster ein, öffneten meine SchĂ€deldecke und tauschten das darunterliegende Gehirn gegen einen mit Gel getrĂ€nkten Schwamm aus. Damit wĂ€re ich ja noch zurecht gekommen, wenn sie wenigstens den körpereigenen Temperaturregler und den Gleichgewichtssinn dagelassen hĂ€tten. Außerdem bekam mein Hals durch den Durchzug, der zwangslĂ€ufig bei geöffneter SchĂ€deldecke entsteht, einen leichten Zug, gegen den er seither schmerzhaft protestiert.

In diesem Zustand tut man Dinge, die man fĂŒr gewöhnlich eher unterlĂ€sst. So verfiel ich zum Beispiel auf die wahnwitzige Idee, mir einen Bericht im Handelsblatt vorlesen zu lassen, weil ich selbst zum Lesen viel zu mĂŒde war. In kindlicher NaivitĂ€t, fĂŒr die zweifellos der Schwamm verantwortlich war, hatte ich die freundliche Stimme von Michael Ende erwartet, der mir in Kindertagen so oft die Geschichte von [Jim Knopf und Lukas, der LokomotivfĂŒhrer][2] erzĂ€hlte. Dementsprechend enttĂ€uscht war ich, als eine weibliche Computerstimme ĂŒber die “Lebensmitteldisco Unterslidl” berichtete. HĂ€? Mit dieser Wortschöpfung hatte selbst mein Gelschwamm Probleme, also warf ich doch noch einmal einen Blick auf den geschriebenen Text: „Lebensmittel-Disounters Lidl“ steht da. Offensichtlich hat man vergessen, das Wort „Discounter“ mit dem englischen Sprachattribut zu versehen, so dass es vorgelesen wird wie es geschrieben steht - inklusive Sprechpause zwischen o und u.

Das war zuviel! Ich versuchte meinen Schwamm mit einem weiteren Dolormin HeißgetrĂ€nk zu beruhigen und legte mich ins Bett. Leider ohne Jim Knopf (den ich nach wie vor von Michael Ende erzĂ€hlt auf einer Sammlung von fĂŒnf Schallplatten besitze) da ich meinen Schallplattenspieler mangels VerstĂ€rker zur Zeit nicht nutzen kann. Blöderweise ist der Soundchip meines Computers so nah am GehĂ€use untergebracht, dass der Stecker, von dem ich nicht weiß, wie er heißt, der freundlicherweise aus den zwei Chinch-Steckern einen macht, der in die Line-in-Buchse passt, aus Platzmangel nicht eingestöpselt werden kann. Abgesehen davon hĂ€tte mich diese Aktion auch restlos ĂŒberfordert. Ich kroch also alleine ins Bett.

Dort fiel mir ein Projekt wieder ein, welches ich 1996 einmal in Angriff genommen und nie beendet hatte: Ich wollte - und an dieser Stelle muss ich mich als Hobby-Modellbahner outen - Lummerland nachbauen, Spur H0, Maßstab 1:87, aus dem GedĂ€chtnis nach den Videofilmen der Augsburger Puppenkiste. Damals hatte ich noch keinen Internetanschluß und vermutlich gab es auch die Seite von Dr. König noch nicht, der einen Gleisplan der Insel erstellt hat. Mein Projekt wurde jedoch nachhaltig durch den Kater sabotiert, der seinen dicken Bauch immer wieder in die fĂŒr ihn zu engen Tunnelöffnungen quetschte, so dass ich tĂ€glich damit beschĂ€ftigt war, selbige mit Gips zu reparieren. Irgendwann wurde mir dies zu monoton und ich kapitulierte.

Lummerland

Destruktiver Kater

Letzte Nacht kamen die Außerirdischen wieder und gaben mir zumindest meine rechte GehirnhĂ€lfte zurĂŒck. Links befindet sich immer noch der Schwamm, was sich deutlich bemerkbar macht durch nicht zu stoppendes Austreten des Gels aus meinem linken Nasenloch. Jetzt geht es mir rechts wieder gut, wĂ€hrend mir links nocht etwas schwindelig ist. Aber immerhin habe ich meinen Temperaturregler zurĂŒck.

Teile auf

dark*
geschrieben von
dark*
...