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Die neurotische Katze

 ·  ÔśĽ 5 Minuten zum Lesen  ·  ÔťŹ´ŞĆ dark*

Im professionellen Psychoged├Âns wird der Begriff Neurose mittlerweile vermieden. Im Zusammenleben mit einer Katze beschreibt er genau das, was das Zusammenleben mit einer Katze ausmacht: den schmalen Grat zwischen putzigem Spleen und psychotischem Verhalten, das den Dosen├Âffner in den Wahnsinn treibt. Meine Katze, die strenggenommen ja gar nicht meine ist, hegt und pflegt ihre Neurosen.

Seit ungef├Ąhr 1,5 Jahren bereitet das Katertier die Aktion ÔÇ×Frau Dosen├Âffner in den Wahn treibenÔÇť akribisch vor. Zuvor tat er das nur sporadisch, indem er darauf bestand, bei mir wohnen zu wollen, indem er sich hartn├Ąckig weigerte, irgendwelche Transportbeh├Ąltnisse zu akzeptieren, indem er Besucher rundweg ablehnte usw. Vor 1,5 Jahren begann er, eine Fertigkeit, die er bis dato nur sporadisch einsetzte, zu perfektionieren: Protestschei├čen. Im Pflichtprogramm eher trocken und leicht zu entfernen, die K├╝r dann in breiiger und fl├╝ssiger Form. Vorzugsweise nachts. ├äu├čerst lecker und ein echter Belastungstest f├╝r mein Nervenkost├╝m.

Seit 1,5 Jahren leben wir hier mit einer Katze zusammen, die sich - im wahrsten Sinne des Wortes - f├╝r jeden Mist in die nicht vorhandenen Hosen und damit auf den Teppich schei├čt, die teilweise jede minimale Abweichung vom Tagesablauf mit Durchfall quittiert und die dazu noch gelegentlich ihr unverdautes Fr├╝hst├╝ck wieder von sich gibt.

Seit ziemlich genau einem Monat ist das Tier auch noch dazu ├╝bergegangen, das nicht nur auf dem Teppich, sondern mit sch├Âner Regelm├Ą├čigkeit im Bett zu tun. Und weil er genau wei├č, dass er damit keine Sympathiepunkte bei den Zweibeiner sammeln kann, pieselt er vor lauter Angst vor den m├Âglichen Konsequenzen (Die er gar nicht kennt, denn diesem Tier wurde noch nie Gewalt angetan!) wahlweise auf den Teppich oder ins Bett. Ausl├Âser ist ein Aufenthalt in einer Tierpension, den er augenscheinlich nicht verkraftet. Seitdem sind wir ├╝brigens Stammkunden im Waschsalon, da wir mangels eigenem Trockner dort die schwere Winterbettw├Ąsche und Decken trocknen, damit wir nicht frieren m├╝ssen.

Gestern trieb das Mistvieh das alles auf die Spitze.

Um kurz nach Sechs Uhr wurde ich nach viel zu kurzer Nacht wach und musste zur Toilette. Irgendetwas an meinem morgendlichen Verhalten erschreckte den Kater zu Tode und lie├č ihn F├╝rchterliches erahnen. Was genau das ist, habe ich allerdings nicht ergr├╝nden k├Ânnen. Sein Hauptproblem war vermutlich, dass ich zuerst aufgestanden bin und nicht der Herr Dosen├Âffner. In den letzten Tagen hat ihn das ├Âfter dazu provoziert, ein deutliches Dislike! auf den Teppich zu setzen. Gestern jedenfalls war der so geschockt, dass ich zuerst aufstehe, dass er mich nur mit schreckgeweiteten Pupillen angestarrt hat, auf keinen Fall nach Fr├╝hst├╝ck fragen wollte und sich stattdessen lieber unter der Bettdecke versteckte. ÔÇ×KrankÔÇť, dachte ich nur, machte mir Kaffee, stellte ihm Fr├╝hst├╝ck hin und ging wieder ins Bett. Der Herr Lebensabschnittsgef├Ąhrte ging dann wie gewohnt unter die Dusche und deckte anschlie├čend den Fr├╝hst├╝ckstisch.

Als ich dazu kam, mich setzte und gerade anfangen wollte zu fr├╝hst├╝cken, kam mir das Verhalten des Katers gleich merkw├╝rdig vor. Mittlerweile habe ich ja einen Riecher f├╝r seine Aktionen entwickelt. Nicht, dass man ein sonderlich sensibles Riechorgan br├Ąuchte, um das Fehlverhalten im Nachhinein zu erkennen ÔÇŽ Ich merke ihm aber an, wenn er Synapsenfasching hat. Und dann treffen hier zwei Paranoide ersten Grades aufeinander: Eine Katze, die sich nat├╝rlich v├Âllig zu Unrecht beobachtet f├╝hlt, und ein Zweibeiner, der dem Vieh nicht weiter traut, als er gucken kann - Was bei -3 Dioptrien nicht sonderlich weit ist. Lange Rede, kurzer Sinn: Er setzte einen Haufen ins Esszimmer. Mahlzeit!

Malheur beseitigt, der Lebensabschnittsgef├Ąhrte geht arbeiten, ich gehe duschen und anschlie├čend eine Runde Fahrrad fahren. Ich brauchte frische Luft. Als ich nach Hause kam, roch es in der Wohnung seltsam und der Kater war nirgendwo zu sehen. Meine Nase lotste mich ins Schlafzimmer, das Bett sah zerw├╝hlt aus. Er hatte sein Fr├╝hst├╝ck ins Bett gekotzt. Und auf dem Weg vom Bett unter die Couch eine Spur von Urin-Tropfen hinterlassen. Eigentlich brauchte ich die Frische Luft jetzt noch viel dringender als vorher! Aber ich ergab mich meinem Schicksal, machte die Bescherung im Bett weg, zog die Bettw├Ąsche ab und startete die Waschmaschine. Dann nahm ich mir Putzeimer, hei├čes Wasser mit Waschmittel drin und machte mich an die Arbeit. Erst wusch ich den Fleck aus der Matratze aus, dann die Spur aus dem Teppich. Anschlie├čend setzte ich mich an den Schreibtisch und begann mit meiner Arbeit.

Zur Mittagszeit machte ich Essen f├╝r den Herrn Lebensabschnittsgef├Ąhrten, der in der Pause nach Hause kam. Wir hatten dann zwar schon den Eindruck, dass die Wohnung seltsam riecht, schoben dies aber auf die Mischung von Urin, Erbrochenem, Waschmittel und die Tatsache, dass ich seit Monaten sowieso schon st├Ąndig den Eindruck habe, die ganze Wohnung stinkt nach Katzenschei├če. Wir a├čen zu Mittag, als der Kater ins Zimmer kam und ank├╝ndigte, dass er kotzen m├╝sse. Mittlerweile sind wir so abgestumpft, dass es uns kaum noch etwas ausmacht, unser Essen unterbrechen zu m├╝ssen, um das zu entfernen, und anschlie├čend die Mahlzeit fortzusetzen. Nach dem Essen fuhr der Lebensabschnittsgef├Ąhrte ins B├╝ro zur├╝ck und ich musste noch etwas am Schreibtisch erledigen. Die Stimmung war eher mau angesichts der Ereignisse des Tages. F├╝r den Nachmittag beschlossen wir, wieder einmal in den Waschsalon zu fahren, um die Bettw├Ąsche zu trocknen.

Nach der Arbeit befand ich, dass der eigenartige Geruch in der Wohnung kein bisschen nachlie├č und beschloss, die Couch von der Wand wegzur├╝cken, um nachzusehen, ob der Kater auch darunter gepieselt h├Ątte. Und nicht nur das, unter der Couch fand ich Durchfall, der da am Morgen definitiv noch nicht gelegen hat. Na gut, ich machte auch das noch weg und reinigte den Teppich.

Als der Lebensabschnittsgef├Ąhrte von der Arbeit kam, r├╝ckten wir die Wohnzimmerm├Âbel wieder an ihre Pl├Ątze zur├╝ck und fuhren zum Waschsalon. Der Kater war indisponiert und ging uns lieber aus dem Weg. Als wir aus dem Waschsalon zur├╝ckkehrten, was das Tier wie ausgewechselt. Er begr├╝├čte uns freudig, bettelte um Futter und schlief abends tief entspannt als w├Ąre nichts Besonderes gewesen bei seinem geliebten Herrn Dosen├Âffner auf dem Scho├č.

Ich muss ihn nicht verstehen. Ich muss ihn ertragen. Das ist eine Frage der Zeit. Und bisweilen ist mir danach, das Ende dieser Zeit selbst zu bestimmen ÔÇŽ

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