Ich will ihn doch gar nicht

Das Findelkind war ein paar Tage alt, als J., damals noch meine beste weil einzige Freundin, mit Smacks und seinem Bruder zu uns kam. Die beiden waren von Passanten am Straßenrand gefunden worden und jetzt in einem Nagerkäfig ausgelegt mit Handtüchern untergebracht. Ursprünglich waren es noch mehr Kätzchen, aber die anderen waren gestorben. Ich sah sie mir kurz an. „Süß, aber ich will sie nicht.“ Ich hatte weder den Nerv, zwei Katzen mit der Flasche großzuziehen, noch auf weitere Fellträger in meinem Haushalt. Gump war zu dem Zeitpunkt Alleinherrscher in der Villa dark* und das sollte meiner Meinung nach auch so bleiben.

Leider konnte der Mitbewohner den beiden Winzlingen nicht widerstehen. Da ich nicht nicht die einzige war, die bei dem Thema Probleme machte, sondern auch Gump damit drohte, den „Nachwuchs“ kurzerhand aufzufressen, nahm der Mitbewohner die Tiere zu seiner Freundin mit und zog sie in deren Wohnung auf. Genau genommen zog er nur einen wirklich auf, da der andere die Flaschenfütterung nicht überlebt hat. Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Das tat auch J. mit Worten, die bei mir eine Grenze überschritten, weswegen ich ihr die Freundschaft kündigte. Es hat sowieso nicht mehr richtig gepasst irgendwie, zu sehr hatten sich viele Dinge verändert. Nicht zuletzt der intensive Hundesport bei J., die sich gerade den zweiten Hund angeschafft hatte, und Pferdesport bei mir, die gerade ein Pferd gekauft hatte, ließen die Interessen zu weit auseinander gehen. Das war im Herbst 2005.

Im Oktober 2007 flogen Schatzi und ich für ein paar Tage nach München und verbrachten dort eigentlich eine ganz schöne Zeit, bis … ja, bis Schatzi mir am letzten Tag auf mein Drängen und aus Angst vor meiner Reaktion mitteilte, dass Zuhause eine Überraschung auf mich warten würde. Ich ahnte Fürchterliches und hatte schon vorher den Eindruck, da sei irgendwas im Busch, habe dieses Gefühl aber jedes Mal wieder verdrängt. Jetzt rückte sie mit der Sprache heraus: Daheim würde der Kater auf uns warten, der Mitbewohner hat ihn zu uns in die Wohnung gebracht. Super.

Wir kamen erinnerlich erst kurz nach Mitternacht zuhause an. Der – zu diesem Zeitpunkt noch mehr oder weniger namenlose – Kater kauerte unter dem Wohnzimmertisch. Ich warf einen forschen Blick darunter. „Meine Güte, ist der hässlich!“ Damit war das Thema für mich vorerst erledigt. Ich wollte schlafen und der neue Mitbewohner musste sich augenscheinlich erst noch an die Wohnung und an mich gewöhnen. Ich ging ins Bett.

Allerdings blieb ich in meinem Zimmer nicht lange alleine, irgendwann schlich der Vierbeiner unter meinem Bett herum. „Na?!“, sprach ich ihn an. „Brrrrt“, machte er und strich dabei mit dem Kopf von unten am Lattenrost entlang. „Pock! Pock! Pock! Pock! Pock!“, machte es. Ich musste lachen. Blöd war er als auch noch. Ich versuchte es noch einmal: „Na du?“ Als Antwort bekam ich wieder „Brrrt“ und „Pock! Pock! Pock! Pock! Pock!“ Das konnte ja heiter werden …

In den nächsten Tagen trat „der Neue“ zunächst in den Hungerstreik. Gump freute sich über doppelte Rationen während „Hässlich und blöd“ etwas dünner wurde. Ansonsten gewöhnte er sich langsam ein, auch wenn er jedesmal Panikattacken bekam, wenn jemand den 10 m langen Flur entlang ging, während er sich zufällig dort aufhielt. (Daran hat er sich übrigens bis zum letzten Tag nicht gewöhnt.) Er bekam auch endlich einen richtigen Namen: Smacks. Nach knapp einer Woche fing er an zu fressen und stopfte fortan so ziemlich alles in sich hinein, was seiner Meinung nach halbwegs verdaulich war. Neben Futter, jeglicher menschlicher Kost, Blumen samt Erde und Krümeln aller Art standen auch Radiergummis, Türstopper, Kunststoffteile und dergleichen Ungenießbares auf seinem Speiseplan. Die Verdauungsstörungen waren sowieso sein Problem und die zerkauten Bettlaken, Pflanzen, Taschen, Gummi- und Plastikteile, die sich im Laufe der Zeit ansammelten, machte ich zu seinem Problem.

Das Verhältnis zwischen Smacks und Gump war bis zum Schluss ein wenig angespannt. Als Flaschenkind ist der Kater leider nicht besonders gut sozialisiert und Gumpi entdeckte auf seine alten Tage seine pazifistische Ader. Statt dem Jungspund mal ordentlich eins überzubraten, hat der sich nur fauchend unter mein Bett oder in sein Klo verzogen, wenn Smacks ihn unaufhörlich durch die Wohnung gejagt hat. Gumpis Klo war für Smacks eine No-go-Area, da das Klo in einem Schrank untergebracht und nur mittels Katzenklappe zugänglich war. Vor der Katzenklappe hatte Smacks fürchterliche Angst. Das einzige, worin die beiden sich einig waren, war die neu entwickelte und extrem schlechte Angewohnheit statt des Kratzbaums die Couch und die Tapeten zu benutzen. Dementsprechend sah die Wohnung nach einiger Zeit aus.

Das Verhältnis zwischen Smacks und mir hatte sich in der Zeit nur unwesentlich verändert. Ich konnte mit dem Tier nicht viel anfangen und übernahm seine Pflege rein aus Pflichtgefühl, während er von der ersten Nacht an („Brrrt“ und „Pock! Pock! Pock! Pock! Pock!“) ausgerechnet mich zu seinem besten Freund erklärt hat.

Ende Januar 2009 zogen Schatzi und ich aus der WG aus, die Freundin des Mitbewohners zog dort ein und brachte ihrerseits einen Kater mit. Da ich ja eigentlich keinen felltragenden Mitbewohner mehr wollte – wir erinnern uns an 2005 -, ließ ich Smacks einfach in der Wohnung zurück. Allerdings dauerte es keine zwei Wochen, als der Ex-Mitbewohner bei uns vor der Tür stand und meinte, das ginge so ja gar nicht. Smacks terrorisiert die ganze Familie, jagt ständig beide Kater durch die Wohnung und lässt die Familie nicht schlafen. Schweren Herzens nahm ich „Hässlich und blöd“ also wieder bei mir auf.

Teil 2 der Geschichte folgt morgen, jetzt bin ich müde.

2 Kommentare:

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  2. Pingback:Die neurotische Katze – my so called life

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