Der Tag war einigermaßen ok

… bis ich duschen ging, weil ich – wie jeden Donnerstag – Real Life spielen musste.

Ich kam aus der Dusche und ging zum Schreibtisch, um auf die Uhr zu schauen. Ich musste mich beeilen, war wie immer viel zu spät dran. Schatzi wollte noch zur Sparkasse, ihre Spardose leeren lassen, bevor sie zum Sport ging. Schnell zurück ins Bad – aber so weit kam ich gar nicht.

Irgendjemand (wer wohl?) hatte wieder einmal das Stromkabel vom Laptop quer durchs Zimmer gelegt und ich bin (wieder einmal) darüber gestolpert, wollte den Sturz durch einen Ausfallschritt elegant auffangen. Na gut, war mehr Reflex als Wollen. Mein Ausfallschritt wurde allerdings ebenso plötzlich wie schmerzhaft von einem Zeh meines linken Fußes am Bettpfosten gestoppt, was mir die letzte Balance nahm, die mein Körper für eine einigermaßen aufrechte Haltung benötigte. Ich flog hin und bremste den Sturz mit den Knien. AUA! Mein Fuß fühlte sich an, als wäre mindestens ein Zeh abgerissen und die Knie brannten vom intensiven Kontakt mit der Auslegeware. Aber zum Jammern blieb keine Zeit, ich musste mich jetzt endlich anziehen, Haare fönen (meine Haare sehen aus wie eine im Preis herabgesetzte Zweitfrisur), Schuhe und Jacke an, Taxi rufen, Kind suchen und los. Ich hasse diese Hektik, immer wieder ausgelöst weil ich mich nicht früher aufraffen kann.

Zur Sparkasse wollte meine Tochter dann doch nicht mehr, als sie in der Stadt eine Freundin traf, die auch auf dem Weg zur Sporthalle war. „Mama, Du kannst ja für mich zur Sparkasse gehen. Bis später!“ Na gut, ich habe donnerstags eh nichts mehr zu tun, seit Romeo mit einem Gewehr durch den Dreck kriechen muss um unser Land vor imaginären Feinden zu verteidigen.

Nach 20 Minuten Kleingeld zählen konnte ich endlich die Sparkasse verlassen und wollte zu dem nebenan gelegenen McDonald’s. Mit beiden Händen drückte ich die schwere Glastuer auf. Mit beiden Händen? Wo ist die Spardose? Ich hatte sie in der Sparkasse vergessen, wie peinlich. Wäre es meine, hätte ich mir lieber eine neue gekauft, statt an der langen Schlange vor der Kasse vorbeizulaufen und den Kassierer fragend anzusehen. Er lächelte milde und drückte mir die Spardose in die Hand. Im Augenwinkel sah ich wie eine Frau verständnislos den Kopf schüttelte. Nichts wie raus hier!

Nachdem ich zuvor bei McDonald’s rein und direkt wieder raus gegangen war, wollte ich dort auch nicht mehr hin und ging zum Schreibwarengeschäft, da ich noch Schulkram für Schatzi kaufen musste. Auf dem Weg dorthin kam ich bei einem Friseur vorbei. „Na gut“, dachte ich, „muss ja sein, lässt du dir halt die Haare mal wieder schneiden.“ Ich hasse es zum Friseur zu gehen. Dementsprechend liegt mein letzter Besuch beim Haarstylisten ungefähr ein halbes Jahr zurück, was für eine Kurzhaarfrisur nicht gerade vorteilhaft ist. Ich hätte die langen Haare lassen sollen, Zopf machen, Haargummi rein, fertig – sah immer gleich aus, immer ordentlich.

„Wie möchten Sie die Haare denn?“ – „Egal, machen Sie mal.“ – „Hm, wie kurz denn?“ – „Mir wurscht, schneiden Sie einfach.“ Sie verzweifelte: „Also irgendeinen Anhaltspunkt brauch ich schon.“ – „Gut, dann eben ungefähr so kurz.“, entnervt hielt ich Daumen und Zeigefinger etwa 3 bis 4 cm auseinander. Endlich fing sie an und ließ mich in Ruhe mit ihrer Fragerei.

Während sie rumschnibbelte musste ich plötzlich an meinen Hochzeitstag denken. Zwei Stunden saß ich beim Friseur, ließ meine bis zum Ellbogen reichenden Haare aufdrehen, die Trockenhaube über mich ergehen und mindestens eine halbe Stunde an mir rumfönen. Naja, das Ergebnis sah ja ganz ok aus. Als ich endlich wieder daheim war, war es 11:30 Uhr, um 12:00 Uhr mussten wir auf dem Standesamt sein. Meine Tochter nervte rum und schaute mir beim Umziehen zu. Begeistert von den halterlosen Nylons und dem kurzen Schwarzen, tatschte sie die ganze Zeit mit ihren eiskalten Fingern an mir rum. Meine Laune sank immer tiefer und ich schnauzte zuerst sie und anschließend noch meinen zukünftigen Gatten an, der schon wieder wissen wollte, was los sei. Ich wollte eigentlich gar nicht heiraten und in diesem Augenblick war mir eh schleierhaft, was andere Frauen an dem Stress und der Hektik so schön finden. Ich war völlig entnervt. Aber egal, ich hatte mich drauf eingelassen und musste da jetzt durch. Vor dem Standesamt warteten bereits mein Bruder nebst Frau und meine Schwiegermutter mit ihrem Freund, als wir mit Schatzi und ihrem Papi endlich dort ankamen. Sie dachten schon, wir würden nicht mehr kommen, weil ich einen Rückzieher gemacht hätte. Plötzlich fiel meiner Tochter wieder ein, was Mama doch für tolle Klamotten anhat und dass ihr Papi das ja noch gar nicht wüsste. „Guck mal, Papa, was Mama für schöne Strümpfe anhat!“, rief sie und riss mein Kleid bis zum Bauchnabel hoch.

Ich saß beim Friseur und hatte Mühe, mir das Lachen zu verkneifen. Die Friseurin guckte schon komisch, weil sie grad fragte, ob die Haare so ok seien und ich nur idiotisch grinste und rot wurde, da mir die ganze Situation schon wieder äußerst peinlich war. Ich riss mich so gut es ging zusammen und heuchelte Gefallen an meiner neuen Frisur.

„Soll ich die Haare fönen?“ – „Von mir aus.“ – „Einfach nur trocknen oder mit Rundbürste?“ – „Mir egal, machen Sie mal irgendwie.“ – „Nur trocknen kostet 36, mit Rundbürste 51 Mark.“ Krass! Was für ein Preisunterschied, 15 DM für ein bisschen Bürsten. Ich war neugierig, wie sie die kurzen Stoppeln auf eine Rundbürste (ich besitze so ein Ding gar nicht, kann eh nicht damit umgehen) bekommen wollte und entschied, mir für 15 DM die Haare bürsten zu lassen.

Fasziniert beobachtete ich, wie sie die kurzen Haare dazu brachte, in die Richtung zu gehen, wo sie sie hinhaben wollte, mir ist das noch nie gelungen und ich habe zwischenzeitlich einen Kompromiss mit ihnen geschlossen: Ich hab aufgegeben und meine Haare machen weiterhin was sie wollen, Frauenprobleme. Nach etwa drei Minuten ging der Fön kaputt. War klar, dass das ausgerechnet bei mir passiert. Das war zu viel, ich musste laut lachen. Die ganze Situation war mir nur noch peinlich, ich wurde dunkelrot und war froh, als ich endlich aus dem Salon raus konnte.

Ich setzte meinen Weg zum Schreibwarengeschäft fort um endlich Schatzis Kram zu kaufen. Die Verkäuferin suchte alles raus, was ich brauchte und ich wühlte mit beiden Händen in den Jackentaschen und suchte meinen Geldbeutel. Mit beiden Händen? Verdammt! Ich musste nochmal in den Friseursalon, hatte ich doch schon wieder diese dämliche Spardose vergessen! Mit hochrotem Kopf schlich ich dort rein, murmelte verlegen: „Ich habe etwas vergessen“, schnappte mir die Spardose und flüchtete so schnell ich konnte aus dem Laden. Zu deutlich konnte ich die Worte: „Oh Gott, was will die denn schon wieder?!“, in den Gesichtern lesen – bildete ich mir jedenfalls ein. Ich holte das Kind vom Sport ab und wir fuhren mit dem Taxi endlich heim.

Rechner hochfahren, Kaffee kochen, Internet … Die Freude war von kurzer Dauer. Um halb neun etwa war der zweitschwärzeste Augenblick in meinem gesamten Leben (auf Platz 1 meiner Flop-Ten-Liste steht mit ganz großem Abstand meine Geburt): Mein Computer ist gestorben. Ich war fassungslos, ich war geschockt, ich war … mitten in einer Unterhaltung im Chat um wollte meinen Gesprächspartner informieren, also rief ich K. an und bat sie, online zu gehen (falls nicht schon geschehen) und Bescheid zu sagen.

Ich stand etwa 30 Minuten vor dem Tower, starrte ihn fassungslos an, schaltete ihn immer wieder ein und aus in der Hoffnung, ihn doch reanimieren zu können. Aber nichts, absolut nichts! Die grüne Lampe ging an, das war’s, kein Booten, kein Piepsen – NICHTS! Der Monitor teilte mir mit, dass er kein Signal empfangen würde und ich solle das Kabel checken – Scheißteil!

Außerdem wurde mir jetzt die Tragweite einer früheren Entscheidung bewusst: Als ich das Modem kaufte, hatte ich mich für eine PCI-Karte entschieden, weil ich nicht noch ein Teil rumstehen haben wollte. Damit war mir der Zugang zum Internet verwehrt.

Ich starrte weiter abwechselnd Tower und Monitor an, immer noch fassungslos. Die Lähmung, ausgelöst durch die scheinbar unüberwindbare Anziehungskraft, die von dem kurz zuvor gehimmelten Gerät ausging, ließ irgendwann nach und ich konnte mich vom Schreibtisch wegbewegen. Ich ging ins Bad und wusch meine unmöglich aussehenden, rundgebürstet gefönten Haare – eiskalt um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Noch einmal Rechner einschalten, aber an seinem toten Zustand hatte sich nichts geändert.

Ich überlegte, zum Internet-Café am Bahnhof zu fahren und falls dort geschlossen wäre, vor den nächsten Zug zu springen. Allerdings wäre das für die arme ice, die ich heute erwartete, weniger angenehm und in das Internet-Café hätte ich mich eh nicht getraut. Ich habe schon oft vor der Tür gestanden, donnerstags, wenn Schatzi Sport hat, aber mich noch nie reingetraut. Ok, lassen wir das, dann mache ich eben den Kaninchenkäfig sauber. K. rief an um mich abzulenken. Um 23:15 Uhr beendete ich das Gespräch, mir blieben 15 Minuten zum Haare fönen, Staub saugen (alles war voll Kaninchenstreu), Schuhe und Jacke anziehen, Taxi rufen, dreimal kontrollieren, ob ich auch wirklich den Schlüssel dabei habe (was ich immer machen, seit ich mich im September ausgesperrt hatte und die Tür eintreten musste) und los, ice abholen.

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