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Kultur?

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Eine Angelegenheit war zu erledigen, die den Gang zum nĂ€chstgelegenen „BĂŒrgerservice“ notwendig machte. Mit neun Leuten in der Wartezone kann man dieses BĂŒro getrost als „brechend voll“ beschreiben. Als ich mich vor nunmehr fast drei Jahren in Berlin anmeldete, hatte ich 63 Leute vor mir; ein Umstand, der dem Durchschnittskrefelder einen Herzinfarkt bescheren wĂŒrde. Und die acht Leute um mich herum waren Durchschnittskrefelder wie aus dem Lehrbuch. Ich kann es schlecht beschreiben, was sie so typisch macht. Es sind nicht nur die schlechtsitzenden Hosen bei den MĂ€nnern, auch nicht die eigentĂŒmliche Art sich zu kleiden und friesieren bei den Frauen. Es sind auch oder vor allem die GesichtszĂŒge. Man erkennt den RheinlĂ€nder irgendwie. Und wenn schon nicht an Äußerlichkeiten, dann spĂ€testens wenn er den Mund aufmacht.

„Wem sein Wagen is’n das?“ Meine Nackenhaare stellten sich zu einem ausgewachsenen Irokesen auf, als diese Frage neulich von einer Kassiererin bei PLUS ertönte. Wem seiner - eine typische grammatikalische Vergewaltigung hierzulande. „Ihr seiner“ oder „ihm seiner“, namentlich „dem Hans seiner“ wĂ€ren typische Antworten. Gruselig. Übrigens geht der Krefelder auch nach und nicht zu PLUS, ebenso schicken MĂŒtter ihre plĂ€rrenden Blagen „nach die Omma“, wenn selbige den Schreihals aufgefordert hat: „Komma bei die Omma!“ oder - ganz schlimm - „Komma bei misch bei!“ Ganz reizend ist ĂŒbrigens auch die Bierbestellung hier: „Tu misch mal’n Pils!“ Wirklich gruselig. Und nur einer der GrĂŒnde, aus denen ich mit diesen linguistischen Neandertalern nicht mehr als zwangsweise nötig zu tun haben möchte.

Ein weiterer Grund dafĂŒr ist diese Deppenhaftigkeit, die sie - da ist man großzĂŒgig - auf andere ĂŒbertragen. „Und pass auf dem Überweg auf!“, ruft die Frau, die unmittelbar nach mir eine Wartenummer gezogen hatte, ihrem Gatten hinterher. Gemeint war, dass er vorsichtig sein soll, wenn er an der FußgĂ€ngerampel vor dem GebĂ€ude die Straße ĂŒberquert. Der Mann, dem dieser Standard-Kleinkinder-Rat hinterhergerufen wurde, war etwa 45 bis 50 Jahre alt, in ihrer FĂŒrsorglichkeit abgestempelt zum Volltrottel. Derlei unsinnige Phrasen bekommt man hier stĂ€ndig an den Kopf geworfen, die negativen noch dazu eingeleitet oder beendet durch ein „also nĂ€Ă€â€œ, beispielsweise: „Dat is aber auch’n Wetter heute, also nÀÀ!“

Im Nachbardorf St. Tönis findet sich an etlichen GeschĂ€ften ein Aufkleber an der EingangstĂŒr, der besagt: „He wörd noch platt jekallt.“, zu deutsch: „Hier wird noch platt gesprochen.“ Auch wenn sich das St.-Töniser-Platt ein wenig vom Krieewelsch Platt unterscheidet, „da krisch Kopping“, wenn ich das lese, und wĂŒnsche mir ein GeschĂ€ft mit der Aufschrift: „Wir sprechen deutsch.“

Die Wartezeit beim BĂŒrgerservice verstreicht nur langsam, zudem muss die Rolle zum Ausdrucken der Wartenummern erneuert werden. Das Beamtentum beherrschen die Krefelder in Perfektion; und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass gleich zwei Mitarbeiterinnen diese Arbeit erledigen, völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass die Wartezone immer voller wird, fĂŒr ein SchwĂ€tzchen nebenbei ist auch noch Zeit.

Da ich immer noch sieben Leute vor mir habe, gehe ich nach draußen um eine Zigarette zu rauchen. GegenĂŒber befindet sich das Theater der Stadt Krefeld, in dem wir uns - nebenbei bemerkt - demnĂ€chst die Zauberflöte ansehen werden. Am rechten Seiteneingang des hĂ€sslichen TheatergebĂ€udes befindet sich seit Jahren schon der lokale Penner-Treff. Sehr unangenehme AtmosphĂ€re, zumal die meisten der dort Rumlungernden keineswegs Obdachlose sind, sondern von Sozial- oder Arbeitslosenhilfe Wohnung gemietet haben und sich dennoch im Freien, auf öffentlichen PlĂ€tzen treffen um dort stinkend, besoffen und laut gröhlend aufzufallen. Nicht wenige von ihnen trifft man, wenn sie dann zu viele Mieten versoffen und die WohnungskĂŒndigung erhalten haben, in den Psychiatrie-Kliniken zur Entgiftung, von wo aus sie anschließend zum Theaterplatz zurĂŒckkehren. Nein, keine Vorurteile meinerseits, mehrfach so erlebt bei mehr oder weniger Bekannten.

Nachdem ich mein Anliegen im BĂŒrgerservice endlich erledigt ist, suche ich den nebenan gelegenen Ticket-Verkauf auf. Schließlich steht der Termin fĂŒr den Bonn-Besuch bei Tut-Anch-Amun endlich fest. Idiotischerweise werden hier jedoch nur Einzeltickets fĂŒr Erwachsene verkauft, keine KinderermĂ€ĂŸigung, keine Familientickets, zudem auch noch 2 Euro teurer als ĂŒber die Ticket-Hotline der KAH.

Nein, diese Stadt hat keine Kultur.

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dark*
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dark*
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