New Year’s Eve

Die meisten Menschen feiern am heutigen Tage. Obwohl mir nie so ganz klar war, was es da zu feiern gibt. Ich fand Silvester immer schon beschissen. Als Kind hat mir lediglich die Tatsache gefallen, dass man lange aufbleiben darf und zu später Stunde die Erwachsenen so besoffen waren, dass es sie nicht mehr interessiert hat, ob man mit ungeputzten Zähnen ins Bett geht. Aber sonst? Ok, Feuerwerk ist schön anzuschauen, selbst anzünden mag ich die Knaller und Raketen aber nicht.

Wie dem auch sei, dieses Jahr bin ich jedenfalls alleine, nur der Kater leistet mir Gesellschaft. Momentan ist er im Wohnzimmer und kontrolliert, was dort eben so laut geknallt hat. Ansonsten staunt er den ganzen Abend schon über meine etwas merkwürdig anmutende Freizeitgestaltung. Aber dazu später.

Mein Schatzi und mein Mitbewohner sind auf irgendwelchen Partys unterwegs und übernachten auswärts. Ein Abend für mich ganz alleine! Aber was fange ich mit der Zeit an?

Ich könnte den Brenner und die Netzwerkkarte in meinen PC einbauen, was ich schon seit ein paar Tagen vorhabe. Aber Gehäuse aufschrauben, Teile einbauen, Treiber und Software installieren – schon bei dem Gedanken vergeht mir die Lust. Also verschiebe ich das auf demnächst.

Schon seit Monaten habe ich vor, ein eigenes Gästebuch zu basteln. Die Gelegenheit wäre günstig, heute Abend stört mich garantiert keiner. Aber auch dazu muss ich zunächst einen Editor installieren, wozu ich wiederum keinen Bock habe. Ebenfalls auf demnächst verschoben.

Ich schmeiße erst einmal eine CD ins Laufwerk, höre Eminem und esse Weihnachtsplätzchen zum Abendessen. In der zweiten Etage sitzt ebenfalls jemand am Computer. Offensichtlich bin ich nicht die einzige, die mit Silvester nicht viel am Hut hat. Der junge Mann ist übrigens der Hauptgrund dafür, dass vor meinen Fenstern Rollos angebracht sind, weil er mir sonst nämlich genau aufs Bett gucken kann, wenn er am PC sitzt. Auf den Straßen ist überhaupt nichts los, außer dem Mann am Computer (Wo ist eigentlich seine Frau?) und mir scheint die Stadt wie ausgestorben. Aber irgendwer muss ja die ganzen Böller anzünden, die man seit nachmittags verstärkt hört.

Nach dem Abendessen überlege ich, ob ich nicht die Fenster putzen soll. Teilweise kann man kaum noch rausschauen. Manchmal putze ich ganz gerne, bin dann völlig in meine eigene Welt versunken, kann die Gedanken ihren Gang nehmen und die Seele baumeln lassen. Putzen kann sehr entspannend sein. Fenster putzen bedeutet allerdings auch, die Welt da draußen wahrzunehmen, wonach mir überhaupt nicht der Sinn steht. Ich mache die Musik lauter, setze mein Basecap auf, ein dunkelblaues von Kinderschokolade, über dem Schrim steht „Cheffe“. Verkehrtherum setze ich es auf und ziehe ein paar der strohblonden Haare durch die Öffnung, die bei den Dingern bauartbedingt auf der Rückseite ist. Dann geht es auf Photo-Safari durch die Wohnung.

They say im crazy

I really don’t care

That“s my Prerogative

Eine Sicherung muss durchgeknallt sein, denn plötzlich verspüre ich den Wunsch, Britney Spears zu hören.

Everybody’s talking all this stuff about me

Why don’t they just let me live

I don’t need permission

Make my own decisions

That’s my prerogative

Und hier ist die Stelle, an welcher der Kater zu staunen beginnt. Wenn er es könnte, hätte er sich vermutlich laut lachend auf den Boden geschmissen und den Bauch gehalten. Schließlich sieht er mich nicht jeden Tag in Trainingshose, Wollsocken, Basecap und Kapuzenpulli, unter dem das T-Shirt rausguckt, singend durch unser Wohnzimmer tanzen. Nach fünf Liedern habe ich genug vom Tanzen. Und von Britney Spears.

Ich muss mich kurz fassen, gleich ist es 12 Uhr. Wie den ganzen Abend schon, so auch während des Schreibens immer wieder diese Phasen, in denen ich nichts anderes tue, als Löcher in die Luft zu starren, die Gedanken machen sich selbstständig. Aber ich weigere mich, das alles hier niederzuschreiben. Das geht keinen was an. Manchmal nicht einmal mich.

Jedenfalls habe ich es nach meiner Tanzeinlage vorgezogen, lieber von Eminem begleitet rappend durch die Wohnung zu laufen, mit mir selbst in Einklang. Oder mich selbst verdrängend? Wohl beides, je nach dem, welches Ego die Szene betrachtet. Zwischendurch immer wieder zurück zum Computer blieb ich irgendwann bei Amazon.de hängen. Teuflisch. Am Dienstag müsste mein neuer MP3-Player eintreffen und etwa eine Woche später der RAM-Riegel und die SD-Speicherkarte. Man gönnt sich ja sonst nix.

Jetzt kann ich beruhigt ins Bett gehen, mit dem Kater, der in letzter Zeit immer unter meiner Decke schläft, in meinen Arm gekuschelt. Es ist fünf vor 12.