Arschtritt

Das Wetter gestern Morgen war sehr angenehm, nicht zu warum und trocken, was das frühe Aufstehen etwas erleichterte. Da der heutige Freitag ein Feiertag ist, wurde die Reitstunde von Schatzi auf den Donnerstagvormittag vorverlegt.

Ich hatte zwar nur die Hälfte meines zur vollständigen Funktionalität notwendigen Kaffee-Pensums geschafft, aber was soll’s, am Stall angekommen wehte ein angenehmer kühler Frühlingswind, die Sonne schien und die Laune war prächtig. In den Ferien stehen nicht ganz so viele Kinder morgens auf um Pferde von der Weide zu holen und zu putzen, so kam es, dass ich gebeten wurde, eines der Ponys in die Box zu bringen. Kein Problem, ich mache das gerne, auch wenn ich selbst nicht reite an diesem Tag. Der kleine braune Kerl blieb auch geduldig stehen, er ist routiniertes Schulpferd, das einerseits – wenn es mit seinem aktuellen Reiter nicht einverstanden ist oder keine Lust auf Schulstunde hat – genau weiß, wie es einen unerfahrenen Reiter aus dem Sattel befördern kann, andererseits aber das gesamte Drumrum – reinholen, füttern, putzen, satteln – gelassen über sich ergehen lässt. Weniger gelassen hingegen war gestern Morgen der Haflinger von C., der das kleine Schulpony überhaupt nicht leiden kann und vorsichtshalber die Ohren nach hinten klappte, als ich dem Braunen das Halfter anlegen wollte. Da ich ungern zwischen zwei Huftieren stehe, die eine Meinungsverschiedenheit austragen wollen, scheuchte ich den Hafi weg. Er drehte sich um und wendete ab, ließ mich in dem guten Glauben, dass er verschwindet. So wandte ich mich wieder dem Pony zu um es endlich von der Weide zu holen.

Gerade als ich das Halfter über die weiche Nase ziehen wollte, explodierte mein Körper. Jemand hatte die Sonne kurzzeitig ausgeknipst, es wurde stockdunkel vor meinen Augen. Als es wieder hell war, stand ich etwa 1,5 Meter weiter als zuvor, genaugenommen hing ich auf dem Pony. Außerdem fühlte sich mein Hinterteil komisch an und meine Beine zitterteten. Langsam realisierte ich, was soeben geschehen war: Ich hatte den Arschtritt meines Lebens bekommen!

Mechanisch halfterte ich das Tier zuende und führte es von der Wiese auf den Weg, wo mir endgültig schwindelig wurde, der ganze Körper zu zittern begann und Schweiß aus sämtlichen Poren strömte. Mit dem Führstrick in der Hand ging ich erstmal in die Hocke, bis der Kreislauf sich wieder erholt hatte. Als ich mich wieder aufrichtete, drang der Schmerz langsam aber unvermeidlich bis in mein Bewusstsein vor. Ich schaffte es gerade noch, das Schulpferd in die Box zu stellen, bevor Schmerz, Selbstmitleid und alles Elend dieser Welt mich völlig überrannten. Gerne hätte ich mich hingesetzt, aber das war angesichts der Tatsache, dass der Huf des Haflingers mit voller Wucht auf meine linke Gesäßhälfte gedonnert war, völlig unmöglich. Der Schmerz zog sich langsam bis zur Taille hinauf und bis zum Knie hinab. Richtig laufen konnte ich ebenfalls nicht mehr, da jede Bewegung des Hüftgelenks weitere Schmerzen verursachte. So etwas Blödes!

Da ich meiner Tochter den Tag nicht versauen wollte, beschloss ich die Zähne zusammen zu beißen und das Ende ihrer Reitstunde abzuwarten. Zwischenzeitlich gab mir S. ein Kühlgel, mit welchem ich mein Hinterteil einrieb. Dass dieses Gel eigentlich für Pferde gedacht ist, war mir wuscht; allein der psychologische Effekt, dass endlich etwas gegen mein Leiden getan wird, wirkte sofort.

Ein weiteres Problem wurde mir bewusst: wie üblich waren wir mit den Fahrrädern zum Stall gefahren. Auf die gleiche Weise den Rückweg anzutreten, daran war überhaupt nicht zu denken. Gerne hätte ich F. angerufen und ihn gebeten mich abzuholen. Aber entgegen sonstiger Gewohnheiten hatte ich ausgerechnet an diesem Tag mein Handy nicht dabei. Schatzi versuchte mit dem Telephon der Stallbesitzerin den Mitbewohner zu erreichen, aber entweder hörte er das Klingeln nicht oder ignorierte es. Daher erbot sich die Mutter einer anderen Reitschülerin uns nach der Stunde nach Hause zu fahren. Von dort aus wollte ich dann F. anrufen und mich zum Arzt bringen lassen – vorsichtshalber.

Dies tat ich dann auch. Die Sprechstundenhilfe konnte sich ebenso wenig das Grinsen verkneifen wie die Dame beim Röntgen, die beide von mir wissen wollten, was denn passiert sei. Wenn man von einem Pferd in den Hintern getreten wird, braucht man sich um den Spott wirklich nicht mehr zu sorgen. Die Röntgenuntersuchung blieb glücklicherweise ohne Befund. Dafür bekam ich eine Spritze ins Schmerzzentrum und eine Salbe nebst riesigem Pflaster auf meine mittlerweile stark geschwollene Backe sowie Schmerztabletten.

Das Abendessen im Stehen war wenig lustig und die Nacht grauenvoll. Ich glaube nicht, dass ich darauf detailliert eingehen muss. Akrobatische Übungen mit heruntergelassener Hose vor dem Spiegel zeigten heute Morgen ein buntes Bild: rot, blau, lila, grün, gelb – die ganze Palette. Sitzen geht zwar einigermaßen wieder, aber die morgige Reitstunde habe ich aus gegebenem Anlass abgesagt; mein Hintern verträgt zur Zeit kein Pferd.

4 Kommentare:

  1. Wer den Schaden hat spottet jeder Beschreibung – diese Feststellung hat ja bereits Heinz Erhard publik gemacht.
    Wenn ich ehrlich bin konnte ich mir beim Lesen ein Grinsen nicht verkneifen, nichtsdestotrotz hoffe ich aber, daß es Dir mittlerweile wieder etwas besser geht.

    Und den „Walk of shame“ beim Arzt solltest Du nicht allzu persönlich nehmen – ich glaube, die haben da auch nicht allzuviel Abwechslung…

    Gute Besserung ;-)

    • Es darf gelacht werden, keine Frage. Der Arzt ist zwar Unfallchirurg und Durchgangsarzt, bekommt daher wohl eine Menge kurioser Missgeschicke zu hören und sehen, aber so einen Fall hatten sie auch noch nicht.

      Eigentlich wollte ich heute von der farbenfrohen Entwicklung berichten, aber aus gegebenem Anlass ist mir die Lust vergangen – zumindest für heute.

  2. Oh du arme! Das ist ja entsetzlich.

    Wünsche baldige, spürbare Besserung!!!

  3. Es geht bzw. sitzt sich jeden Tag besser – und bunter. ;-)

    Ich gehe davon aus, dass ich kommenden Samstag auch wieder Reiten kann.

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