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15 Jahre leiden

 ·  ☕ 4 Minuten zum Lesen  ·  ✍️ dark*

Eine Woche ist es nun her, dass ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Ich habe immer noch ein wenig Bauchschmerzen, ich bin immer noch ziemlich schlapp, lege mich jeden Tag auf die Couch (was ich nur mache, wenn es mir nicht gut geht), bin noch langsam und vorsichtig, bin vor allem ungeduldig. Ich glaube, ich war ziemlich krank. Und wenn ich jetzt zurückdenke, dann vermutlich schon seit mindestens 15 Jahren.

Seinerzeit ging es los mit den merkwürdigen Bauchschmerzen, die ab und zu mal eine Weile nach dem Essen auftauchten, sich eher krampfartig anfühlten und nach zwei bis drei Stunden schlagartig wieder vorbei waren. Ich ging zum Hausarzt. Ob ich denn schon einmal versucht hätte, Gluten und/oder Lactose wegzulassen. Da ich an guten Tagen alles ohne wie auch immer geartete Probleme essen konnte, hielt ich die beiden als Ursache für unwahrscheinlich. Der Arzt stimmte mir zu und meinte, da hätte ich wohl ein Reizdarmsyndron.

Mit dieser “Diagnose” kämpfte ich mich fortan durchs Leben. Ja, ich hatte ab und zu Stress - mal mehr, mal weniger. Aber ich hatte auch Bauchschmerzen ohne Stress. Dann versuchte ich immer, irgendeinen Auslöser zu finden. Meine Bauchschmerzen waren übrigens ziemlich unabhängig vom Essen. Wenn es mir schlecht ging, war selbst Hühnersuppe oft zuviel und ich aß dann eher gar nichts.

Im Laufe der Jahre steigerten sich die Beschwerden, wenn sie denn da waren, denn es gab auch immer wieder Phasen ohne irgendwelche Beschwerden, in denen ich ganz unbesorgt Currywurst und Pommes in mich reinstopfen und literweise Kaffee in mich hinein schütten konnte. Besser wurde es, nachdem ich Ende 2021 meinen Job gekündigt hatte. Das ließ mich natürlich wieder glauben, es käme alles nur vom Stress.

Was zunächst unbeachtet blieb: Mit dem Jobverlust änderten sich Gewohnheiten. Ich saß weniger am Schreibtisch, ich kümmerte mich mehr um den Haushalt, in dem es auch mehr zu tun gab, weil der Herr Lebensabschnittsgefährte seit März 2020 nur noch im Homeoffice arbeitet. Er wird von mir bekocht und anschließend die Küche gereinigt, die Wäsche wird erledigt usw. Klingt alles sehr traditionell, hat sich allerdings nur so eingebürgert hier, weil ich zum einen viel mehr Zeit habe und zum anderen ziemlich pingelig in manchen Sachen bin und die lieber selbst mache.

Die meisten Probleme hatte ich in den letzten fünf Jahren, wenn wir in den Urlaub gefahren sind. Das viele Sitzen im Auto hat mir immer zu schaffen gemacht. Zuhause war dann bald wieder alles im Lot, aber gegen Urlaubsende konnte ich meist kaum noch etwas essen. Überhaupt essen … Seit Jahren schon aß ich nur noch Kinderportionen und war danach regelmäßig furchtbar vollgefressen. Abends vor dem Fernseher sitzen war eine Qual. Man mag es kaum glauben, aber ich habe so manchen Film und viele Serien im Stehen geguckt.

Essen gehen war mir schon lange ein Greuel. Diesbezüglich kam mir die Pandemie und unsere bis heute anhaltende Vorsicht ganz recht. Zumindest in den Wintermonaten gehen wir immer noch nicht in geschlossene Räume mit größeren Menschenansammlungen. Wenn überhaupt findet Essen gehen im Sommer draußen statt. Dabei bevorzuge ich einen Imbiss gegenüber einem richtigen Restaurant. Da kann ich auch nur eine Schale Pommes essen, ohne dass einer die Nase rümpft. In Restaurants gehe ich aber auch aus einigen anderen Gründen nicht besonders gerne, daher ist das kein großer Verlust für mich.

Seit 2022 trinke ich auch keinen richtigen Kaffee mehr, seither gibt es hier im Haus nur noch löslichen Kaffee, der ist verträglicher. 2022 habe ich noch an das Reizdarmsyndrom geglaubt. Das habe ich hier aufgeschrieben: Ohne Kaffee in den Urlaub.

Den unterschwelligen Verdacht, dass das vielleicht doch kein Reizdarmsyndrom ist, hatte ich da schon länger. Aber das war halt meine offizielle Diagnose. Ich habe vor Jahren schon zum Herrn Lebensabschnittsgefährten gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass Verwachsungen die Ursache meiner Bauchschmerzen sind und irgendwo etwas abklemmen. Es fühlte sich immer so an, als müsste der Speisebrei einen bestimmten Darmabschnitt passieren und dann waren die Schmerzen vorbei. Verwachsungen, die aufgrund meiner früheren gynäkologischen Bauchoperationen, von denen die erste im Alter von 18 Jahren war, entstanden sind. Und bei jeder weiteren OP wurden Verwachsungen von den vorherigen OPs entfernt (zusammen mit diversen Zysten, Tumoren, Teilen und Organen, die Ärger machten).

Ich hatte mir bereits vorgenommen, das mal mit der Hausärztin zu besprechen. Wenn mir so etwas nur nicht so unendlich schwer fiele, um Hilfe zu bitten, meine Probleme auszusprechen, zu vertrauen. Aber noch im letzten Urlaub habe ich mir fest vorgenommen, im Frühjahr, wenn die Grippe- und Coronasaison vorbei ist, das Problem in Angriff zu nehmen. Nun hat mein Körper die Sache selbst “in die Hand genommen”.

Und ich glaube, das war gut so.

Ich war eine Woche wegen eines Darmverschlusses im Krankenhaus. Essen fühlt sich jetzt ganz anders an. Verdauen ebenso. Der Bauch macht Geräusche, die ich schon seit Jahren nicht mehr gehört habe. Und alles fühlt sich innendrin ganz anders an, schwer zu beschreiben.

Ich glaube, das war wirklich gut so - und allerhöchste Zeit.


dark*
geschrieben von
dark*
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