Versklavt

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Wenn man als ALG-II-Empfänger in die 1-Euro-Job-Maschinerie gerät, kann man sich schnell wie ein herumgeschubster, weißer Neger fühlen: entrechtet und bevormundet.

Anscheinend war es bis Mittwochmorgen kein Problem, dass ich die Stelle halbtags antrete. Doch dann stellte sich ein Rädchen der Maschine quer; dabei handelte es sich um einen dieser unsympathischen Typen bei dem Verein, der mir den Job zugewiesen hat. Seiner Meinung nach arbeite ich zuwenig, ich sollte gefälligst Vollzeit tätig sein, so wäre das auch vorgeschrieben. Den Mittwochnachmittag verbrachte ich folglich am Telephon und im Internet, um mich über die Vorschriften zu informieren und sämtliche zuständigen Leute zu befragen, wie das denn genau geregelt sei. Nach etwa zwei Stunden des Telephonierens musste der unangenehme Typ zähneknirschend klein beigeben. Eine gesetzliche Grundlage, wie viel die Zusatzjobber arbeiten sollen, gibt es nämlich nicht.

Nun könnte ich mich ja entspannt zurücklehnen und einfach meiner Beschäftigung nachgehen, wäre da nicht ein Umstand, der mir bitteres Aufstoßen verursacht. Jeder 1-Euro-Jobber soll zusätzlich zur Tätigkeit auch qualifiziert werden und bekommt darüber hinaus einen sozialpädagogischen Betreuer zugeteilt. Allein die Bezeichnung bringt mein Blut in Wallung. Ich brauche keine Erziehung, und schon gar nicht von dem Typen, den ich so umsympathisch finde. Denn genau dieser ist mein sozialpädagogischer Betreuer. Während der ganzen Telephoniererei hat er mir ständig Worte im Mund rumgedreht und außerdem noch welche hineingelegt, die ich so nie gesagt habe.

So sprachen wir zum Beispiel darüber, wie es denn nun bei meiner Stelle überhaupt sei. Ich sagte ihm, dass ich derzeit noch nicht viel zu tun hätte, weil man an einer Terminarbeit sitze und mich noch nicht einarbeiten könne. Daraufhin fragte er bei der Einsatzstelle nach, ob es stimme, dass man für mich keine Arbeit hätte. Als er mir das sagte, platzte mir fast der Kragen, ich versuchte aber halbwegs ruhig zu bleiben und wies ihn darauf hin, dass ich ja nur den Status quo beschrieben hätte.

Ein weiteres Beispiel ist ein Beleg für den Mangel an Kenntnis der Feinheiten der deutschen Sprache. Ich sagte, dass es mir Spaß mache, dort zu sein und – soweit ich das bis jetzt beurteilen kann – auch die Tätigkeit, die auf mich zukommt. Dies veranlasste ihn mich darüber aufzuklären, dass ich keinen Spaß haben, sondern arbeiten soll. Geduldig erklärte ich ihm, dass es ein Unterschied ist, ob man Spaß hat oder ob einem eine Pflicht nebenbei auch Spaß macht, man sie gerne macht usw. Der Typ macht mich irre.

Um nicht den ganzen Vormittag nutzlos im Büro rumzusitzen empfahl er mir, meinen Arbeits-PC hochzufahren und mich mit Windows vertraut zu machen. Ich habe in den letzten fünf Jahren nichts anderes gemacht, erwiderte ich. Dann soll ich das doch nochmal machen. Will der mich eigentlich verarschen? Das einzige mir relativ unbekannte Programm auf diesem Rechner ist die Datenbank Access. Da in dieser Datenbank sämtliche Kurse und Kursteilnehmer erfasst sind, sollte ich tunlichst meine Experimentierfreudigkeit zügeln, schließlich liegen alle Daten auf dem Server und eine falsche Änderung kann fatale Auswirkungen haben.

Ein weiteres unserer Themen war der Sinn und Zweck dieses Zusatzjobs. „Sie müssen wieder lernen einem geregelten Tagesablauf nachzugehen.“ Ungehalten sagte ich ihm, dass es mir nun reicht. Einen geregelten Tagesablauf habe ich durchaus, bin auch schon morgens um 6:30 Uhr aufgestanden bevor die moderne Sklaverei vom Gesetzgeber beschlossen wurde und muss das ganz bestimmt nicht lernen. Der Herr soll sich erstmal von seinen Vorurteilen frei machen, dass alle Arbeitslosen faule Schweine sind, die bis mittags im Bett liegen und nachmittags Talkshows gucken (wobei selbst das ein geregelter Tagesablauf ist).

In dem Stil verliefen die insgesamt drei Telephonate, die wir an diesem Tag führten.

Als Zusatzjobber hat man keinerlei Arbeitnehmerrechte und wird stets darauf hingewiesen, dass man keinen Arbeitsvertrag hat. Der zu unterzeichnende Wisch ist betitelt mit „Vereinbarung über die Wahrnehmung einer Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II“. Man soll sich auch weiterhin intensiv um eine reguläre Beschäftigung bemühen. Wie eigentlich, wenn man – wie verlangt – 38,5 Stunden pro Woche beschäftigt ist? Gleichzeitig fällt man aus der Arbeitslosenstatistik raus, bekommt aber Arbeitslosengeld. Wie also soll man sich da anders fühlen als ein weißer Neger?

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