Siechtum

Oh nein, wie theatralisch der Titel doch klingt! Aber genauso fühle ich mich jetzt gerade in diesem Moment, um 6:30 Uhr eines neuen und jetzt schon ausgesprochen ätzenden Tages.

Das Warum lässt sich nicht so schnell erklären. So lange ist es noch gar nicht her, dass jede Kleinigkeit meine persönliche Welt aus der Umlaufbahn zu werfen vermochte – mittlerweile braucht es dazu schon zwei bis drei Kataströphchen. Das ist eine Verbesserung, zweifelsohne, die aber jetzt, da diese Kataströphchen mich heimgesucht haben, auch nichts daran ändert, dass nun selbst wieder ein Loch im Socken mich in tiefe Depressionen stürzen kann und meine latente Lebensnegierung die Oberhand gewinnt. Blöd.

Seit ein paar Wochen, ungefähr seit Anfang des Jahres (Himmel, das sind ja auch schon wieder Monate!) steht es um meinen Schlaf nicht mehr allzu gut. Die Stundenzahl hat sich verringert und die Qualität hat es nicht mehr verdient, als solche bezeichnet zu werden. Heute bin ich seit etwa 5:00 Uhr wach und fühle mich dabei, als hätte ich 72 Stunden durchgefeiert: ausgelaugt, kaputt und in jeder Hinsicht müde. Meine Gelenke schmerzen. Eine mit Anfang 20 diagnostizierte Arthrose in den Knien habe ich kaum ernst genommen, kam sie doch nur in relativ seltenen Schüben. Manchmal waren sie heftig, so dass ich kaum laufen konnte und sinnierte, ob die Diagnose vielleicht doch nicht so falsch war. In der Regel, also den langen schmerzfreien Phasen tendierte ich eher dazu die Fähigkeit des Arztes anzuzweifeln. Eine zweite Meinung habe ich mir nie geholt – bis letzten Mittwoch.

Vorletzten Freitagabend entdeckte ich urplötzlich eine Beule am Mittelgelenk meines rechten Ringfingers, die morgens ziemlich sicher noch nicht da war. Ich betrachtete meine Hände etwas eingehender und stellte entsetzt fest, dass alle Gelenke angeschwollen und ziemlich steif waren. Daran hatte sich auch in den Folgetagen nichts geändert. Mittwochs befragte ich eine Teilnehmerin aus meinem Russischkurs um Rat, die praktizierende Ärztin ist. Nach einigen Fragen, Abtastung und Begutachtung meiner Finger meinte sie, dass es sich um Arthrose der Fingermittelgelenke handelt, wogegen man nicht viel machen kann, außer Schmerzmittel und Entzündungshemmer in akuten Schmerzphasen. Seither fühle ich mich um hundert Jahre gealtert.

Krumme, schmerzende Finger allein ließen jedoch noch nicht den Wunsch aufkommen, unverzüglich mein Lebenslicht auszulöschen. Neben etlichen alltäglichen Kleinigkeiten, die mich zur Zeit aufgrund schlechter Allgemeinverfassung leicht aus dem Konzept bringen, wurde mir am Samstag auch noch ein riesen Felsbrocken in Form eines gelb eingetüteten Briefes zwischen die Beine geworfen. Wegen einer Forderung, die ich längst bezahlt glaubte (Ratenzahlung bis Oktober 2004, seither vom Gläubiger auch nichts mehr gehört), flatterte mir eine Pfändung ins Haus. Dies alleine wäre nicht weiter tragisch, wenn der Gerichtsvollzieher höchstpersönlich erschienen wäre und die Angelegenheit hätte geklärt werden können – oder wenn man mich einfach angeschrieben hätte, um mir mitzuteilen, dass noch etwa 100 Euro Zinsen offenstehen (dies geht aus der des Pfändungs- und Überweisungsbeschlusses beigefügten Aufstellung hervor; wobei ich mich schon frage, wie bei knapp 200 Euro Hauptforderung innerhalb von zweieinhalb Jahren ca. 50 % Zinsen anfallen können). Stattdessen hat man sich entschlossen, kurzerhand und für mich völlig unerwartet mein Konto zu pfänden. Wegen 100 Euro! Finanzielles Koma, das eine sofortige Notoperation verlangt.

Mühsam habe ich zwischenzeitlich meine Tochter aus dem Bett geschmissen und zur Schule geschickt. Business as usual, dieses ewige So-tun-als-wenn-nix-wäre, die manchmal so lästig empfundenen Alltagspflichten – das alles nervt und laugt aus. Dabei fängt der Tag, die Woche doch gerade erst an.

Wo nehme ich jetzt Kraft zum Kämpfen her? Wenn doch wenigstens der Wille dazu da wäre…

2 Kommentare:

  1. Ja hoppla. Da hat dir aber mal jemand dicke Knüppel zwischen die gerade etwas sicherer gewordenen Beinchen geworfen :o(

    Aber zum Thema Kraftspende: Wie wär’s mit dem neuen Job? Mit dem dadurch-wieder-eine-neue-Aufgabe-haben? Mit dem Spaß, den du vielleicht daran hast? Das klang doch ganz gut, nach dem ersten Tag, oder?

    Aber ich erinnere mich hierdurch – ungern – an dein früheres Thema „Warum/wozu überhaupt leben?“. Und das erschreckt mich. Ich wäre geneigt zu sagen: Pass auf, dass du nicht zu weit zurück fällst. Aber kommt dann genau dieses Warum/Wozu?, habe ich natürlich keine Antwort … Zumal ich ja auch nicht weiß oder ahne, was die Stabilisierung in den letzten Monaten bewirkt hatte.

    Kann man gegen so eine Pfändung nicht irgendetwas unternehmen? Dem muss doch m. E. ein Mahnverfahren vorausgehen??? Oder irre ich da so sehr? Die können doch nicht einfach so …

    • Das einzige, das ich gegen die Pfändung unternehmen kann, ist zahlen. So lautete gestern die Auskunft des Rechtspflegers beim Amtsgericht. Alternativ kann ich natürlich darauf beharren, monatlich das ALG II ausbezahlt zu bekommen und die Pfändung ansonsten bestehen lassen. Dies hätte jedoch eine Kündigung des Kontos seitens der Bank zur Folge (wenn sie es nicht sowieso kündigen, was ich befürchte).

      Das Mahnverfahren gab es, es wurde eingeleitet kurz nachdem ich mit der Ratenzahlung begonnen hatte. Eine Praxis, die ich persönlich für fragwürdig und schikanierend halte, die aber innerhalb des gesetzlich erlaubten liegt. Schikane deswegen, weil die Forderung nach meinem Kenntnisstand so lange ich bezahle nicht von der Verjährung bedroht ist. Zum Zeitpuntk des Mahnverfahrens war sie es jedenfalls ganz sicher nicht.

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