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Freitag, der 13te

 ·  ☕ 6 Minuten zum Lesen  ·  ✍ dark*

Zwei Wochen ist es jetzt her, dass mein und unser aller Leben auf links gedreht wurde. Und da das bei mir zufĂ€llig dieser Freitag war und mir fĂŒr den ganzen Wahnsinn kein sinnvollerer Titel einfĂ€llt, heißt dieser Beitrag jetzt eben so trivial.

Anfang MĂ€rz war ich auch noch der Meinung, dass auch dieses Coronavirus nicht schlimmer ist als eine Grippe oder die Wir-werden-alle-sterben-AnkĂŒndigungen der letzten Jahre, MERS, Schweinegrippe, EHEC, SARS usw. All das ist an uns MitteleuropĂ€ern mehr oder weniger glimpflich vorbeigegangen. Meldungen aus China filtert mein Gehirn sowieso als irrelevant aus der tĂ€glichen Datenflut, die auf den Homo onlineseinmuss einstĂŒrmen, raus. Tagesschau schauten wir auch nicht, im Großen und Ganzen waren wir relativ uninformiert und von den Tagesnachrichten durch die thĂŒringische Landtagswahl ziemlich genervt. Das liegt ĂŒbrigens nicht zuletzt an den Medien, TV wie Zeitungen gleichermaßen, die alles auf Teufel komm raus zum Mega-Skandal hochstilisieren mĂŒssen.

Dann stolperte ich bei Twitter ĂŒber die Aussage eines italienischen Arztes ĂŒber die ZustĂ€nde in dem Krankenhaus, in dem er tĂ€tig war, und wie die Krankheit in den FĂ€llen dort verlĂ€uft. Ich begann, mich zu informieren und zu lesen und ich war geschockt. Und ich stellte fest, dass ich vermutlich zu den Risikogruppen gehöre. Und wĂ€hrend ich damit begann, mir Sorgen zu machen, zumal der LebensabschnittsgefĂ€hrte jeden Mittag in der stets sehr vollen Mensa der hiesigen Uni zum Essen geht, ĂŒberschlugen sich die Ereignisse.

An dem Freitagmorgen vor zwei Wochen kam aus dem Ministerium fĂŒr Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW die Ansage, dass Schulen ab dem Montag darauf geschlossen bleiben. Dies betraf außerdem auch schulĂ€hnliche Betriebe, wozu Volkshochschulen und auch mein Arbeitgeber gehörten. Großveranstaltungen waren ein paar Tage zuvor schon verboten worden. Ich telephonierte mit meiner Kollegin, um das Vorgehen und was zu tun sei zu besprechen.

Der Sohn meiner Kollegin war zu diesem Zeitpunkt noch anlÀsslich eines Auslandsaufenthalts in Prag. Eigentlich wollte er eine Woche spÀter nach Deutschland zu Besuch kommen. Da in den Medien kursierte, dass die Grenzen geschlossen werden sollen, riet ich ihr, ihn möglichst schnell nach Hause zu holen und bot ihr meine Hilfe ein, falls ich irgendwas tun konnte.

Eigentlich sollte ich die Woche drauf Urlaub haben. Geplant war Besuch der Familie und der Geburtstag des LebensabschnittsgefĂ€hrten. Blöderweise war der Ableger des darkinchens erkrankt. Die beiden waren schon seit Ende Januar nicht mehr richtig fit und ein paar Tage zuvor auch im Krankenhaus gewesen, weil das Kind fieberte und aufgrund seines Unwohlseins Nahrungs- und FlĂŒssigkeitsaufnahme verweigerte. Der arme Kerl war schon dehydriert und verdrehte bereits die Augen. Nach dem Krankenhaus ging es dann erst etwas aufwĂ€rts, bis sich die Hand-Fuß-Mund-Krankheit, ein Ausschlag an eben diesen Körperteilen, auf dem armen kleinen Kerl ausbreitete. Mein Kind war am Ende und das Kind vom Kind ebenso. Angesichts der pandemischen Lage um uns herum beschlossen wir, den Besuch zu canceln. Innerlich hatte ich das schon in den Tagen zuvor beschlossen, nun war es ausgemachte Sache. Jetzt mussten wir nur noch die Schwiegereltern davon ĂŒberzeugen, dass sie ebenfalls besser daheim blieben.

Der LebensabschnittsgefĂ€hrte schickte mir eine Nachricht aus dem BĂŒro. Er hatte von einem Kollegen gehört, dass die Stadt Rostock ab dem Wochenende “dicht machen” wolle. Was genau wir darunter zu verstehen hatten, wussten wir nicht. Wir hatten am Abend zuvor schon ĂŒberlegt, dass er fĂŒr alle FĂ€lle alles mitbringen wĂŒrde, was er fĂŒrs Home-Office benötigt, weswegen er mit dem Auto ins BĂŒro gefahren war. Nun telephonierten wir kurz vor der Mittagspause und beschlossen, dass er sofort nach Hause kommen wĂŒrde und wir noch einmal gemeinsam einkaufen gehen wĂŒrden. Wir legten keine WeltuntergangsvorrĂ€te an, aber ich hatte die BefĂŒrchtung, dass es nach so einer Mitteilung bald erstmal nur leere Regale geben wĂŒrde. Und da wollte ich Lebensmittel fĂŒr ein paar Tage im Haus haben. Wir zogen unseren Samstagseinkauf vor und kauften Kaffee, Brot, Fleisch, ein paar Konserven, Salat und Kartoffeln.

Nachmittags klingelte unser Telephon, es war meine Arbeitskollegin. Der Sohn wollte tatsĂ€chlich lieber am Sonntag, den 15. MĂ€rz, nach Hause kommen. Allerdings gab es Probleme bei der Buchung und die Kollegin fragte, ob ich eine Kreditkarte hĂ€tte und ihr damit aushelfen könne. Kein Problem, erwiderte ich, am besten solle der Sohn selbst anrufen, ich wĂŒrde das mit ihm klĂ€ren. Zudem hatte meine Kollegin an diesem Abend auch noch einen unaufschiebbaren Termin im Theater.

Der Sohn rief mich an und wir versuchten gemeinsam, das Ticket zu buchen. Allerdings behauptete das Buchungssystem, meine Kreditkarte sei kein gĂŒltiges Zahlungsmittel. Dasselbe Ergebnis bekamen wir bei einem Versuch mit der Karte des LebensabschnittsgefĂ€hrten. Mittlerweile ging durch die Nachrichten, dass am Wochenende die Grenzen der Tschechischen Republik dicht gemacht wĂŒrden. Puh! Wir versuchten ĂŒber die Seite der Airline sowie ĂŒber verschiedene Buchungsportale, einen Flug zu buchen, aber leider ohne Erfolg. Ich riet dem Sohn, zum Prager Flughafen zu fahren und zu versuchen, dort etwas zu erreichen. Aber da die Airline, bei der er das Ticket fĂŒr die Folgewoche gebucht hatte, dort keinen Schalter unterhielt, schickte man ihn wieder weg und meinte, er solle bei der Hotline anrufen. Wartezeit: 3 Stunden.

Ich ging noch einmal auf die Webseite der Airline und sah dort einen Text, der mir zuvor nicht aufgefallen war: Umbuchung bereits erworbener Tickets. Ich klickte auf den Link und ließ mir vom Sohn seine Buchungsnummer geben. Es gab nur noch einen einzigen Flug, auf den dieses Ticket umgebucht werden konnte, und der ging gut zwei Stunden spĂ€ter. “Schaffst du das, innerhalb von zwei Stunden vom Flughafen nach Hause zu fahren, Sachen zu packen und wieder zurĂŒckzufahren?” Er versicherte, dass er dies schaffen wĂŒrde und ich buchte das Ticket. Die Webseite zeigte mir den Betrag, der noch zu zahlen sei, in tschechischen Kronen an. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Euro das sein sollten, und klickte einfach auf “Jetzt umbuchen”. GlĂŒcklicherweise war an der Stelle die Zahlung mit Paypal möglich, was dann auch reibungslos funktionierte.

Der Sohn fuhr mit dem Taxi zu seiner Wohnung, packte seine Sachen, wĂ€hrend der Taxifahrer unten wartete und fuhr zum Flughafen zurĂŒck. Ich schrieb meiner Arbeitskollegin, dass er heute Abend noch in DĂŒsseldorf landen wĂŒrde. Die war zwar etwas von den Socken aber auch heilfroh, dass es geklappt hatte. Was fĂŒr ein Krimi …

Das war der Freitag. Was sich seither alles noch ereignet hat, lÀsst sich kaum noch nachvollziehen, werde ich aber in der nÀchsten Zeit auch noch versuchen, aufzuschreiben.

Abstand halten!

Am Samstag waren wir nochmal bei Rewe, weil wir irgendetwas vergessen hatten. Und tatsÀchlich waren die Regale leer.

So etwas hatte ich noch nie erlebt oder gesehen. Wir waren echt froh, dass wir am Tag zuvor schon mittags einkaufen gehen konnten, da war noch nicht viel los und die Regale waren voll. SpÀter muss hier die Hölle losgewesen sein.

An diesem Wochenende waren wir auch nochmal am Meer. Der Strand war voller Menschen und WarnemĂŒnde voller Touristen. Und zum ersten Mal hatte ich ein ungutes GefĂŒhl dabei, raus und unter Menschen zu gehen.

Am Strand

Seither und bis heute wurde es wirklich krass und die Welt verwandelte auf eine Art, wie ich es nie fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte.

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