Es ist schon ziemlich lange her, meine Tochter war noch klein, ich war allein mit Kind und Hund und ständig knapp bei Kasse, da tat sich ein Job im Einzelhandel auf. Ein inhabergeführtes Fachgeschäft für Modelleisenbahnen. Ich war außerdem ohne jeglichen Orientierungssinn und ständig mit dem Auto unterwegs, mit Kind und Hund ins Grüne, zum Einkaufen, Familie, Freunde und Bekannte besuchen in den Nachbarorten usw. Mit dem Auto fand ich mich besser zurecht als zu Fuß, so lange wohnten wir auch noch nicht in der Stadt.
Jedefalls trat ich meinen ersten Arbeitstag an und es lief eigentlich ganz gut. Die Arbeit gefiel mir, der Chef war nett und die Ware cool. Modelleisenbahnen mag ich heute noch. Der Laden war abgeschlossen, wir räumten noch Kram weg. Es war Mitte der 90er Jahre und im Laden wurde bereits ein Laptop mit Warenwirtschaftssystem (Exel-Tabelle) genutzt. Wenn die Ware der großen Modelleisenbahnfirmen kam, gab es den Lieferschein als importierbare Datei dazu. Das war schon ziemlich modern für die Zeit und so einen kleinen Laden. Und auch in anderer Hinsicht war mein Chef seiner Zeit weit voraus.
Ich sagte: “Ich fahre jetzt mal nach Hause.” Er fragte, ob ich mit dem Fahrrad da sei. “Nein, mit dem Auto. Sonst hätte ich niemals den Weg gefunden.” Er lachte und erklärte mir, dass ich nur fünf bis zehn Minuten zu Fuß gehen müsste, dann sei ich da. Er erklärte mir den Weg und meinte, da müsse ich nicht Auto fahren. In der Stadt bräuchte man ja sowieso kein Auto.
Damit hatte er bei mir einen Reflex ausgelöst. Ich entgegnete flapsig: “Wenn du mir das Auto wegnimmst, kannst du mir genauso gut das rechte Bein amputieren.”
Es herrschte Stille. Die lauteste Stille, die ich je in meinem Leben gehört hatte. Mir war sofort klar, dass das hier in eine für mich ungünstige Richtung gelaufen war. Er durchbrach diese infernalische Stille: “Weißt du es etwa nicht?”
Ach du heilige Scheiße!
Ich wünschte, die europäische Kontinentalplatte würde mitten in Krefeld in zwei Teile brechen und ich in dem Spalt verschwinden. Ich wünschte, ich könnte mich auf einen fernen Planeten beamen. Ich wünschte, ich würde auf der Stelle tot umfallen. Ich konnte mich gerade noch beherrschen, nicht die Ladentür aufzureißen, wegzurennen und nie wieder zu kommen.
“Was?”, brachte ich nur tonlos hervor. Gleichzeitig dämmerte mir, dass der Mann beim Laufen humpelte. Aber das war mir nur unterbewusst aufgefallen, das war für mich kein offensichtliches Merkmal. Nun, er erzählte mir, dass er bei einem Motorradunfall seinen rechten Unterschenken verloren hatte und seither eine Prothese trägt. Meine Güte, war mir das peinlich und unangenehm. Ich stammelte hilflose Entschuldigungen, ich wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte. Und das kam ausgesprochen selten vor.
Glücklicherweise hat er es mir nicht krumm genommen. Ich habe mehrere Jahre dort gearbeitet, sehr gerne sogar. Vergessen habe ich das aber nie.
Titel-Graphik von publicdomainvectors.org