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Die kleine Robbe

 ·  ☕ 5 Minuten zum Lesen  ·  ✍ dark*

Es war einmal eine kleine Robbe, die in einem Meer lebte, das Tristesse hieß. Dort gefiel es ihr schon lange nicht mehr und seit dem Sturm des vorangegangenen Jahres hatten die heimischen GewĂ€sser ihr gar nichts Reizvolles mehr zu bieten. Aber die letzten Überlebenden ihrer Kolonie waren auch noch dort und so wagte die kleine Robbe es nicht, allzu weit hinaus zu schwimmen.

Eines Tages jedoch nahm ein großer Hai aus dem Futura-Meer Kontakt zu der kleinen Robbe auf. Er war wĂŒtend und es ging ihm gar nicht gut, weil in seinem Meer vieles schief gegangen war. Er brauchte jemanden zum Reden und hatte die kleine Robbe aufgefordert ihm zuzuhören. Da Robben naturgemĂ€ĂŸ Angst vor Haien haben, tat die kleine Robbe lieber wie ihr befohlen wurde und lauschte neugierig, was er zu erzĂ€hlen hatte. Dabei stellte sie fest, dass der Hai gar nicht so böse war wie immer gesagt wurde und sie begann ihn nett zu finden.

Wenig spĂ€ter erzĂ€hlte der Hai der kleinen Robbe wieder von seinem Ärger und seinen Nöten und sie bot ihm ihre Hilfe an, die der Hai dankbar annahm. Allerdings musste sie dazu Tristesse und ihre Kolonie verlassen und ins Futura-Meer schwimmen. Ganz wohl war ihr dabei nicht, aber sie war neugierig geworden und wollte den Hai einmal aus der NĂ€he betrachten. Also packte sie ihren Rucksack und machte sich auf den Weg.

Ihr war etwas mulmig zumute, denn die kleine Robbe war noch nie im Futura-Meer. Lediglich einmal vor lĂ€ngerer Zeit ist sie mit einem ehemaligen Mitglied ihrer Kolonie durchgeschwommen jedoch ohne sich dort lĂ€nger aufzuhalten. Sie war schrecklich nervös und aufgeregt. Schließlich erwartete sie nicht nur ein fremdes Meer, sondern auch noch ein Hai. Gefressen zu werden war schon immer die grĂ¶ĂŸte Angst der kleinen Robbe und es ist ja bekannt, dass Robben auf dem Speiseplan von Haien als besondere Leckerbissen gelten. Als sie jedoch den Hai zum ersten Mal sah, war sie ganz fasziniert davon, dass ein so böses Tier so lieb aussehen kann.

Ihre NervositĂ€t und Angst waren schnell verflogen. Sie stellte fest, dass er nicht nur lieb aussah, sondern es auch war und sie genoss die schöne Zeit mit ihm. Stundenlang sah man die beiden im Wasser herumplanschen, nach Muscheln tauchen oder die anderen Fische beobachten. Nachts ließen sie sich an der WasseroberflĂ€che treiben und schauten zu den funkelnden Sternen auf bis sie friedlich nebeneinander einschliefen. Die Robbe konnte sich nicht erinnern, schon einmal so eine schöne und spaßige Zeit gehabt zu haben und der Hai hatte die kleine Robbe so sehr in sein Herz geschlossen, dass er sie gar nicht mehr gehen lassen wollte. Umso trauriger waren beide, als die kleine Robbe zu ihrer Kolonie zurĂŒck musste. Auf dem Heimweg ließ sie immer wieder den Kopf und die Flossen hĂ€ngen, drehte sich wehmĂŒtig um und wĂ€re am liebsten nach Futura zurĂŒck geschwommen.

Wieder daheim im Meer der Tristesse hielten die Robbe und der Hai den Kontakt weiter aufrecht, sprachen oft ĂŒber die Unruhen, die sich in beiden Meeren immer wieder ereigneten. Und beide stellten immer wieder fest, wie sehr der Andere, der Halt, den sie sich in ihren stĂŒrmischen GewĂ€ssern gegenseitig gaben, und auch die damit verbundene Ablenkung fehlten. Manchmal besuchten sie sich gegenseitig und genossen die Ruhe, die sie sich in den aufgewĂŒhlten Ozeanen geben konnten.

Als nun ein neuerlicher Sturm ĂŒber das Meer der Tristesse hereinbrach, der sogar die Lebensbedingungen auf dem Riff, in dem die kleine Robbe mit ihrer Kolonie wohnte, völlig verĂ€nderte, beschloss sie in das Futura-Meer umzusiedeln. Dort hatte sich der Hai zwischenzeitlich zu einem ganz lieben, Ă€ußerst friedfertigem und ruhigem Walross auf das Riff gesellt, weil es auf dem Riff, wo er zuvor wohnte, mit dem Mitbewohner, einer fiesen, linkischen MurĂ€ne, die den Hai nie in Ruhe ließ und immer Ă€rgerte, nicht mehr auszuhalten war. Einiges hatte sich also geĂ€ndert, als die kleine Robbe sich auf den Weg in ihr neues Zuhause machte.

Dort musste sie feststellen, dass man im Futura-Meer nicht gerade erfreut ĂŒber einen Eindringling war und keiner auf seinem Riff der Robbe Platz machen wollte. Und so kam es, dass der Hai und das Walross entschieden, die kleine Robbe bei sich aufzunehmen. Sie nahmen sie auf ihre StreifzĂŒge durch das Meer mit und zeigten ihr die Umgebung, erklĂ€rten ihr alles, was sie wissen wollte oder musste, sie brachten ihr vieles bei und zeigten ihr Dinge, die sie noch nicht kannte. Nachts schlief die kleine Robbe friedlich eingekuschelt unter der Flosse des Hais, wo sie sich richtig wohl und geborgen fĂŒhlte. Wenn der Hai doch einmal nach der kleinen Robbe schnappte, war stets das Walross zur Stelle und beruhigte die beiden wieder. Oft ließen sich die Drei aneinandergekuschelt von den Wellen treiben und erzĂ€hlten sich lustige Geschichten. Auch hatten sie soviel Spaß miteinander, dass die kleine Robbe nie wieder von ihren beiden Freunden weg wollte.

Aber das Riff wurde zu klein und die Robbe musste sich nach einem eigenen Riff umgucken. Das war gar nicht so einfach. Es waren nicht viele Riffs frei, die der kleinen Robbe gefielen und gleichzeitig auch Platz fĂŒr sie boten. Als sie einmal mit dem Hai ein wenig rumschwamm, entdeckten sie aber ein lauschiges, kleines Fleckchen, dass die Robbe wunderschön fand. Außerdem war es auch ganz in der NĂ€he ihrer beiden Freunde. Und so ließ sie sich dort nieder, richtete es sich kuschelig ein und fĂŒhlte sich auch recht schnell wohl. Die Drei besuchten sich hĂ€ufig und unternahmen weiterhin viele gemeinsame AusflĂŒge durch das Futura-Meer. Die kleine Robbe fĂŒhlte sich wohl in dem neuen GewĂ€sser, das zwar auch oft rau und stĂŒrmisch war, aber sie konnten sich gegenseitig Halt geben und waren fĂŒreinander da.

Und auch heute noch schwimmt die kleine Robbe immer wieder gerne zu ihrem Hai und dem Walross, planscht mit ihnen im Wasser herum, sie beobachten die Fische und suchen Muscheln. Wenn sie abends mĂŒde sind, treiben sie an der WasseroberflĂ€che und beobachten die funkelnden Sterne am Himmel; die Augenlider der kleinen Robbe werden ganz schwer, sie kuschelt sich zwischen ihren Hai und ihr Walross und schlĂ€ft zufrieden ein.

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