Kopf oder Zahl

Eigentlich sollte ich jetzt schlafen. Es ist auch noch nicht so lange her, da habe ich bei Toby im Weblog noch groß rumgetönt von wegen Schlafhygiene und so. Tja, und nun sitze ich hier um zwei Uhr morgens, habe nach drei Stunden Rumwälzen im Bett den Schlafversuch vorerst aufgegeben. Statt selbst endlich in tiefen Schlummer zu fallen, habe ich es sogar noch geschafft mein Kind zu wecken, als ich vor ca. 30 Minuten wütend mit dem Fuß auf die Wassermatratze gehauen habe. Das hat den Kater erschreckt, der sofort ins Nebenzimmer geflüchtet und dort auf den Stuhl gesprungen ist. Der Stuhl – ein Drehstuhl – hat sich durch den Sprung gedreht und ist gegen die Glasplatte vom Schreibtisch geknallt. Dieses Geräusch hat mein erkältetes Kind geweckt, das nun mit Hustenanfällen im Bett liegt und ebenfalls nicht schlafen kann. Um ihr etwas Ruhe zu verschaffen, bin ich aufgestanden, habe mir Tee gemacht und das Notebook eingeschaltet. Davon ist mein Mitbewohner aufgewacht, der nun in seinem Bett liegt und in die Glotze starrt, bis er endlich wieder einschlafen kann. Nur der Kater liegt wieder friedlich schlummernd irgendwo rum, völlig unbeeindruckt vom Geschehen.

Warum ich nicht schlafen kann? Das weiß ich auch nicht so genau. Bis vor wenigen Tagen konnte ich die Schuld dafür diversen Nachbarn in die Schuhe schieben, die mich abwechselnd von verschiedenen Seiten mit ihrem Bass zugedröhnt haben. Aber seit die ruhig sind, gilt das mit dem Schwarzen Peter wohl nicht mehr und ich muss die Schuld bei mir selbst suchen. Oder bei meinem Leben. Das kotzt mich nämlich schon seit Wochen wieder über das Maß des Erträglichen hinaus an. Aber eigentlich kommt das ja auch aufs Gleiche raus. Jedenfalls verlaufen die Nächte nahezu identisch, nur der Zeitplan schwankt.

Man liegt wach, denkt über dieses und jenes nach, nichts schlimmes eigentlich, was man auf der Webseite noch verändern könnte, die russische Grammatik, wie viel man bereit und in der Lage ist für die demnächst anzuschaffende Küche auszugeben – alles wirklich nicht weltbewegend. Man müsste Ursache und Wirkung vertauschen, wollte man solchen Gedankengängen die Schuld zuweisen. Müde bin ich schließlich auch, sehr sogar. Aber dennoch ist da irgendetwas, das mich davon abhält in den Schlaf zu finden. Aber was?

Viel schlimmer, nahezu unerträglich sind die Folgen dieser Schlaflosigkeit. Meine schlechte Laune ist dann so schlecht, dass nicht einmal ich sie noch ertragen kann. Reden wird zur Qual, irgendetwas tun müssen auch, eigentlich alles. Der Kaffee und die Zigaretten schmecken ebenso wenig wie jegliche Nahrung. Die Augen sind völlig trocken und brennen. Gleiches gilt für die Mundschleimhaut. Quälender Durst, der nicht gelöscht werden kann, plagt mich den ganzen Tag. Das Atmen fällt schwer und ist manchmal sogar schmerzhaft. Die Durchblutung ist grottenschlecht, in den Extremitäten staut sich das Blut, besonders an den Händen kann man die Adern deutlich hervortreten sehen. Der Kopf fühlt sich irgendwie schwammig an, als würde das Gehirn in einer zähen Flüssigkeit vor sich hin dümpeln. Kurze Ausfälle im Gleichgewichtssinn machen sich bemerkbar. Die Konzentrationsfähigkeit ist nahe Null, die Sehfähigkeit eingeschränkt. Der Temperaturhaushalt ist in Unordnung geraten, frieren und gleichzeitig schwitzen sind die Folge. Die Haut im Gesicht ist fettig. Die Hände sind eiskalt oder eklig verschwitzt. Wie eingeschlossen in einer Blase versucht man den Tag zu überstehen, an dem das Leben so eklig an einem klebt.

Vielleicht wird Morgen auch so ein Tag, ich weiß es nicht. Jetzt ist es halb Drei, in drei Stunden klingelt der Wecker und das Leben geht seinen gewohnten Gang. Fast. Wieder drei Stunden später stehe ich am Bahnhof und warte darauf, dass mein Zug einfährt. Vermutlich überlege ich dann – nach langer Zeit mal wieder – ob ich mich reinsetzen oder drunter legen soll. Erinnerungen werden wach, an die Tage, an denen jeder einfahrende Zug solche Gedanken sehr intensiv mit sich brachte, nicht nur nebenbei gestreift, an denen jeder einfahrende Zug ungewollte Tränen ob der verpassten Gelegenheit mit sich brachte, an denen jeder einfahrende Zug wie ein Münzwurf war, und morgen wird es wieder so sein: Kopf oder Zahl?