strange

Ich musste meine USt-Voranmeldung machen. Seit dem Feuer im August hab ich alle Papiere in einen Schuhkarton geschmissen, nichts sortiert, nichts geordnet, ohne Nachdenken, ohne Interesse – entgegen früherer Gewohnheiten. Ich musste diesen Schuhkarton komplett ausräumen und durchsehen inwieweit er steuerrelevante Unterlagen enthielt. Und bei diesem Wühlen in meinen eigenen Papieren, was ich schon seit drei Monaten nicht mehr tat, überkam mich das gleiche eigenartige Gefühl wie damals, als wir die Papiere von M.A.G. nach seinem Tod durchgesehen haben. Das Gefühl, die Privat-Angelegenheiten eines Toten zu durchstöbern. Ein merkwürdiges Gefühl, begleitet von dem Gedanken, etwas Unrechtes zu tun. Schwer zu beschreiben wie alle Gefühle.

Gefangen in meinem eigenen Gedankenkreis ohne Ausweg, bewegungsunfähig, wie gelähmt saß ich da, während im Hintergrund Musik lief, die ich gar nicht mochte, die aber eigenartigerweise zu meiner seltsamen Stimmung passte. Ich durchwühlte den Papierkram einer Toten. So fühlte ich mich jedenfalls, aufgeschreckt, durch ein Geräusch im Treppenhaus, fühlte ich mich wie ertappt, fiel aber gleich darauf wieder in die Lethargie zurück, die sich zuvor eingeschlichen hatte. Wie mechanisch sah ich alle Schriftstücke und Belege durch, robotergleich sortierend, nicht darüber nachdenkend, was ich tat, sondern lediglich erstaunt und verwundert, was für Interessen die Person hatte, deren Kram ich durchsah. Nichts mit dem ich mich hätte identifizieren können, absolut nichts, alles erschien mir fremd irgendwie, als würde es nicht mir gehören. Schriftstücke, die auf ein arbeitsreiches Leben hinweisen, Zettel mit Telephon-Nummern diverser Bekannter, deren Namen mir teilweise sogar fremd erscheinen, Papiere von Schatzis Schule – Oh, die Person ist Klassenpflegschaftsvorsitzende, das hatte ich völlig vergessen. Eine Menge Quittungen über neu gekauften Hausrat, Möbel, Küchengeräte, etc. Alles noch schön verpackt, unberührt im Schrank, dieser Tatsache wurde ich mir bewusst, fragte ich mich, ob ich jemals diese Dinge würde nutzen, würde nutzen wollen, würde nutzen können, oder ob bis dahin jemand anders – vielleicht mit ähnlichen Gefühlen wie ich heute – in meinen Papieren stöbern würde…

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