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Chemotherapie Part Eight

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Leider ist es ja nicht so, dass man nach der letzten Chemotherapie die Hausapotheke in die Tonne schmeißt und sich feiert „Yeah, jippieh, nie wieder Chemo!“ Nein, so ist es leider nicht. Schließlich hat man das Gift jetzt erst einmal wieder intus, es muss jetzt erst noch einmal wirken - und nebenwirken und da muss man nun durch. Immerhin waren die meisten Nebenwirkungen dieses letzte Mal nicht ganz so heftig. Ich beschreibe sie trotzdem alle, teils „live“, teils als GedĂ€chtnisprotokoll 
 und immer in der Hoffnung, das alles nie, wirklich niemals wieder durchmachen zu mĂŒssen.

ZusÀtzlich zu den Zytostatika bekomme ich immer Kortison und auch an den drei auf die Therapie folgenden Tagen soll ich Kortison in Tablettenform nehmen. In dieser Zeit halten sich die Nebenwirkungen noch im Rahmen. Meistens geht es am Wochenende nach der Chemo los. Meine 8. und letzte Chemotherapie war am Dienstag, den 28. Oktober 2014.

Verstopfung. Das erste Problem, das sich schon am Tag nach der Chemo einstellt, ist die Verstopfung. Diese liegt allerdings am Kortison. Dies sei nur der VollstĂ€ndigkeit halber erwĂ€hnt, am eigentlichen Problem Ă€ndert das ja nichts und fĂŒr mich zĂ€hlt das alles zu Nebenwirkungen rund um die Chemotherapie. Das GefĂŒhl Steine zu scheißen, den Arsch aufreißen, Blut ĂŒberall, eincremen, ausrĂ€umen. Es ist so entwĂŒrdigend. Man hockt wimmernd, teilweise schluchzend und auch schreiend auf der Toilette, weil es so verdammt weh tun kann. Und nie, wirklich nie wieder möchte ich so intensiv und ausfĂŒhrlich mit irgendjemandem ĂŒber Verdauungsprobleme reden wollen.

Das Problem zieht sich meist ĂŒber vier bis fĂŒnf Tage hin, abhĂ€ngig von den Verletzungen, die es verursacht. In der Folgezeit kommt nur noch wenig Blut mit, was an den kaputten SchleimhĂ€uten liegt. DafĂŒr habe ich jetzt fĂŒr ein paar Tage Durchfall. Nach jeder Mahlzeit darf ich zeitnah zur Toilette rennen.

Taxotere trocknet alle SchleimhĂ€ute aus und trockene SchleimhĂ€ute reißen nunmal schnell ein. Das macht sich meistens ab dem zweiten Tag nach der Chemotherapie bemerkbar, dieses Mal fing es am Donnerstag mit der Nase an. Man kennt das ja von trockener Heizungsluft und/oder starker ErkĂ€ltung im Winter, dass Äderchen platzen oder SchleimhĂ€ute einreißen und ein wenig Blut beim Putzen der Nase mitkommt. So stellt es sich auch dar, mal mehr mal weniger Blut. Hysterisch werde ich da manchmal, wenn ich den ganzen Tag Ruhe habe und ausgerechnet beim Essen dann die Nase anfĂ€ngt zu laufen. In der Folge der 7. Chemotherapie tropfte mir an einem Tag beim Essen der blutige Rotz ganz plötzlich und unvermittelt neben den Teller. Ein anderes Mal brauchte es abends beim Abendbrot drei oder vier blutverschmierte TaschentĂŒcher, bis ich endlich essen konnte. Das ist widerlich.

Schon am Mittwoch zeigte sich die nĂ€chste Nebenwirkung, auch diese wieder vom Kortison, im Gesicht: Die Haut sieht aus und fĂŒhlt sich an wie nach zuviel Höhensonne, wie ein leichter Sonnenbrand. Zwar hilft viel Creme, aber schon seit Beginn der Chemotherapie fĂŒhlt sich meine Haut irgendwie anders an und Eincremen empfinde ich meistens als unangenehm. Außerdem ist die Haut an den Fingerkuppen schon wieder extrem rissig.

Am Freitag ging es langsam richtig los. UngefĂ€hr zwei Stunden nach dem FrĂŒhstĂŒck, ganz plötzlich kommt das GefĂŒhl schlapp zu sein und irgendwie neben mir zu stehen. Die Welt ist dann ein wenig in Watte getaucht, als stĂŒnde ich unter Drogen. Ich finde das sehr unangenehm. Meistens geht es mir dann zu schlecht, um irgendetwas zu machen, aber nicht schlecht genug, um den ganzen Tag im Bett oder auf der Couch zu liegen oder gar zu schlafen. Den ganzen Tag vegetiere ich dann irgendwie vor mich hin. Die Zeit steht entweder still oder rast ungenutzt an mir vorbei. Ich finde dieses GefĂŒhl ganz schlimm und mich machen diese Tage ziemlich fertig.

Am Wochenende traten die nĂ€chsten Nebenwirkungen auf: DauermĂŒdigkeit und Durchfall. Auch der Pilz im Mund nervt, zumal er die Geschmacksnerven erheblich beeintrĂ€chtigt. Sonntag und Montag habe ich nur im Bett gelegen, auch in der folgenden Woche war dies meine HauptbeschĂ€ftigung. FĂŒr rund 10 Tage fĂŒhle ich mich richtig krank und bin zu nichts zu gebrauchen. Ich liege fast ausschließlich im Bett und vegetiere da vor mich hin. Ich finde diesen Zustand unertrĂ€glich.

In dieser Zeit werde ich auch extrem ungeduldig und aufbrausend, genervt und gereizt. Hinzu kommt, dass mir oft die Worte fehlen, wenn ich etwas sagen möchte, was mich noch wĂŒtender macht. Und je ungehaltener ich werde, umso mehr fehlen mir die Worte, irgendwann bin ich völlig unfĂ€hig, mich halbwegs verstĂ€ndlich zu artikulieren. Ein Teufelskreis, in dem das NervenkostĂŒm blank liegt. In abgeschwĂ€chter Form werden dann stĂ€ndig Buchstaben und Silben vertauscht, was wenigstens zur allgemeinen Erheiterung beitrĂ€gt.

Auch mein Zittern ist extrem in diesen Tagen. Teilweise kann ich kaum essen und trinken.

Die Finger schmerzen wieder und es sieht so aus, als wĂŒrden sie sich die FingernĂ€gel doch noch lösen. Die Nagelbetten sind sehr empfindlich und schmerzen. Dadurch wird so ziemlich alles zur Qual. Beim HĂ€nde Waschen kann ich nur vorsichtig trockentupfen, bloß nicht zu fest drĂŒcken. Und auch nichts in die Hand nehmen, was zu viel Kraft erfordert.

FingernÀgel 03.11.2014

FingernÀgel 16.11.2014

Die meiste Zeit habe ich die NĂ€gel lackiert. Zum einen um davor zu schĂŒtzen, dass ich irgendwo hĂ€ngen bleibe, zum anderen damit ich das nicht sehen muss. Auch die FĂŒĂŸe und vor allem die Beine schmerzen fĂŒrchterlich. Meine Zehen fĂŒhlen sich teilweise an, als hĂ€tte jemand mit einem Hammer draufgeschlagen. Das geht allerdings durch die Schmerztabletten fast ganz weg. Viel schlimmer ist das GefĂŒhl an den Fußsohlen, das ich kaum beschreiben kann. Es kribbelt meistens wie tausend Nadelstiche, manchmal sind sie - zumindest partiell - taub. Das Laufen wird dadurch etwas schwierig, weil es problematisch ist, ohne GefĂŒhl in den Fußsohlen das Gleichgewicht so richtig auszubalancieren. Oft gehe ich dann leicht breitbeinig und nach vorne gebeugt, was natĂŒrlich sehr unelegant aussieht - und auch unangenehm ist.

Ganz ĂŒbel sind auch die Muskelschmerzen. Dauermuskelkater in ĂŒbelster Form ĂŒber Wochen. Das lĂ€sst sich auch mit Valoron leider nicht abstellen. Ich komme kaum noch bis in die dritte Etage hinauf, muss unterwegs teilweise mehrfach Pause machen. Nicht nur an der Kondition fehlt es mir, auch die Muskeln in den Beinen schaffen das sonst nicht. Erst recht nicht, wenn ich eine Tasche vom Einkaufen hochtragen will oder muss.

Beim Duschen wird es auch richtig problematisch. Die Haut an meinen FĂŒĂŸen schĂ€lt sich und ĂŒberhaupt fĂŒhlt sich meine Haut seit der Chemotherapie ganz anders an. Der Boden in der Dusche ist daher glatt, da muss ich höllisch aufpassen, dass ich nicht ausrutsche. Wenn das Wasser lĂ€uft, ist das 1000-Nadel-Kribbeln unter den Fußsohlen noch schlimmer. Ich habe dann ernsthafte Probleme damit, das Gleichgewicht zu halten. Außerdem geht dann ein Ziehen und Stechen durch die Waden. Es dauert einige Minuten, bis sich das alles beruhigt hat und ich halbwegs normal duschen kann. Die FĂŒĂŸe zu waschen ist mangels Gleichgewicht auf einem Bein dennoch nicht einfach.

Zwei weitere Probleme: Übelkeit und Atemnot. Gegen die Übelkeit habe ich ja immerhin die MCP-Tropfen, die auch ganz gut helfen. LĂ€stig ist die Übelkeit aber trotzdem und seit Wochen schon stĂ€ndig in unterschiedlicher IntensitĂ€t vorhanden. Zwischendurch bekomme ich auch Atemnot, manchmal habe ich fast das GefĂŒhl zu ersticken. Als wĂŒrde jemand meinen Brustkorb zusammendrĂŒcken, so fĂŒhlt es sich an.

Am 10. November musste ich zur Blutabnahme in Vorbereitung fĂŒr meine Brust-OP. Und dann kam tatsĂ€chlich, was auf der Zielgraden nun wirklich nicht mehr nötig gewesen wĂ€re: Ich bin gestolpert und voll auf die Fresse geflogen! Mit anderen Worten: Meine Leukozyten waren mit 1.500 viel zu niedrig und ich musste mir erneut Nivestim spritzen. Der Termin fĂŒr meine Operation wurde verschoben. Unter dem Nivestim ging es mir wieder richtig ĂŒbel. Am 12. November war ich erneut zur Blutabnahme und glĂŒcklicherweise waren meine Leukozyten auf ĂŒber 10.000 hochgeschossen.

Aktuell hĂ€nge ich in einer Art Warteschleife. Ich bin noch weit davon entfernt, fit zu sein und ein halbwegs normales Leben fĂŒhren zu können. Ich warte darauf, dass die letzten Nebenwirkungen langsam aber sicher verschwinden. Wobei es zumindest bei den Muskelschmerzen zurzeit eher den Eindruck macht, dass sie noch stĂ€rker werden. Ich kann nicht viel machen, es gibt nicht Vieles, mit dem ich mich beschĂ€ftigen kann. Mir fehlen Kraft und Kondition, Ruhe und Geduld und auch Schmerzfreiheit. Ich habe die Schnauze grĂŒndlich voll von dem Ganzen.

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