Die Wirkungen sind echt daneben

Am Freitag muss ich schon wieder zum Leukozytenzählen und nächste Woche Dienstag ist wieder Chemo angesagt. Da wird es Zeit, die neuen Nebenwirkungen etwas ausführlicher zu thematisieren.

Die erste Wirkung des Taxotere war wirklich heftig, wie ich im Überblick zusammengefasst hatte. Allerdings war das wohl zum Teil auch auf eine allergische Reaktion zurückzuführen. In der 35. Kalenderwoche war mein Leben geprägt von Herumliegen, reichlich schlapp und schwach mit stark juckendem Hautausschlag. Dies versuchten wir (mein Doc und ich) zunächst nur mit einem Antihistaminikum einzudämmen. Gegen Ende der Woche schwoll dann allerdings noch mein Gesicht an, die Bläschen auf der Zunge und im Rachen bereiteten unerträgliche Schluckbeschwerden und die Zunge selbst schwoll auch noch an.

Mir ging es zu übel, um erneut den Doc aufzusuchen, so griff ich am Donnerstag zum Kortison, das ich ja sowieso hier zuhause habe. Es dauerte nur kurze Zeit und mein Zustand besserte sich zusehends. Am späten Nachmittag traf das darkinchen zum Wochenendbesuch hier ein und mittlerweile war ich soweit wiederhergestellt, dass wir immerhin gemeinsam einkaufen gehen konnten. Über das Wochenende futterte ich meine Kortison-Vorräte auf, nahm brav meine Fenistil-Tropfen und gesundete immer weiter. Ich fühlte mich ziemlich fit, denn auch die Nebenwirkungen der Chemo wurden durch das Kortison unterdrückt.

Am Montagmorgen suchte ich erneut den Arzt auf und stellte ihn vor vollendete Tatsachen. Mein Kortison war aufgebraucht und ich entschied, es dann auch gleich abzusetzen, noch zwei bis drei Tage das Fenistil zu nehmen und zu beobachten, was passieren würde.

Die Allergie war verschwunden. Dafür schlugen nun die „normalen“ Nebenwirkungen mit voller Wucht zu! Meine Finger schwollen wieder an, schmerzten und wurden sehr empfindlich. An manchen Stellen sind die Fingerkuppen taub und die Haut ist ganz hart wie Hornhaut. Schon am Montagabend war die Haut an den Daumen, den Mittelfingern und am rechten Zeigefinger stellenweise abgestorben.

Daumen_01

Eine Stunde später bemerkte ich dann eher zufällig, dass sich die Daumennägel von der Nagelhaut zu lösen beginnen. Ich hatte vor zwei Wochen bereits darüber gelesen, dass manchen die Fingernägel unter Taxotere ausfallen. Ich finde die Vorstellung extrem gruselig und ekel mich vor dem Anblick meines Nagelbetts, was vermutlich auf ein Malheur zurückzuführen ist, das mir als Kind passierte:

Ich ließ mein Fahrrad fallen und der Griff des Lenkers fiel genau auf den Nagel meines großen Zehs. Der wurde sofort blau und was-weiß-ich, jedenfalls schleppte meine Großmutter mich in die Notaufnahme des Krankenhauses, um das untersuchen zu lassen. Dort entschied man, dass der Nagel gezogen werden müsse und betäubte meinen Zeh. Es folgte die Aufforderung, jetzt einmal nicht hinzusehen. Ganz tolle Idee, so etwas zu einem Kind zu sagen. Ich drehte – gaaanz unauffällig – meinen Kopf von rechts nach links und mein Blick fiel auf mein nagelloses Nagelbett. Für eine Achtjährige ein ziemlich unschöner Anblick.

Seither dreht sich mir regelmäßig der Magen, wenn ich höre, dass jemandem ein Nagel gezogen werden muss oder ein Nagel aus-/abfallen könnte. Ich wurde reichlich hysterisch am Montagabend, heulte hier rum und bat meinen Lebensabschnittsgefährten, meine Fingerkuppen mit Wundlauflagen und Leukoplast einzupacken, damit ich sie nicht sehen und nicht spüren musste. Ich habe schreckliche Angst, an irgendetwas zu stoßen oder hängen zu bleiben und so einen Nagel zu verlieren. Allein bei der Vorstellung rotiert der Magen schon wieder …

Daumen_02

An diesem Zustand hat sich seit Montag nichts geändert. Die Finger schmerzen manchmal, wie jetzt beim Schreiben. Ich spüre sie immer, auch im Ruhezustand. Meistens durch ein leichtes Kribbeln, manchmal durch eine Art Druck. Sie schwellen auch an. Manchmal fühlen sie sich an, als hätte ich sie alle eingeklemmt. Manchmal empfinde ich das Gefühl in den Fingerspitzen als würden sie absterben. Meistens fühlt es sich an, als hätte ich meine Finger in Säure getaucht.

Nach dem Waschen tupfe ich die Finger nur ganz vorsichtig trocken. Bloß nichts machen, was Druck ausübt, weder feste abreiben, noch irgendwelche schweren Gegenstände in die Hand nehmen oder sowas. Ich habe Probleme mit dem Pinzettengriff, weswegen ich bisweilen bei den einfachsten Tätigkeiten entweder losheule, bis der Lebensgefährte hilft, oder mir Werkzeuge wie Pinzette, Brieföffner, meinen Cutter oder eine Schere zu Hilfe nehme.

Und auch in den Füßen fängt es an. Wenn ich loslaufe, beginnen nach einigen Schritten die Zehen zu kribbeln wie eingeschlafen und fühlen sich ganz fremd an. Außerdem geht dann ein Ziehen durch die Beine. Noch ein paar Meter weiter und die Gelenke und die Knochen schmerzen, als wäre ich aus zu großer Höhe ungefedert auf die Füße gesprungen. Manchmal laufe ich aber auch los wie auf Eiern, als wollten mir die Füße nicht recht gehorchen. Mein Gang wirkt dadurch manchmal etwas merkwürdig, so wie bei einem Menschen, der zum ersten Mal in seinem Leben in Schuhen läuft. Manchmal fällt mir das Gehen schwer.

Wenn ich unterwegs war (einkaufen etc.) und wieder nach Hause komme, habe ich das Gefühl, ich wäre mindestens 10 km zu Fuß in schlecht sitzenden Schuhen gelaufen. Die Füße brennen. Die Fußsohlen kribbeln wie verrückt und fühlen sich extrem unangenehm an. Es dauert dann etwa 15 Minuten, bis das Gefühl wieder halbwegs erträglich ist. Auch meine Füße fühle ich immer, ohne Pause von morgens bis abends.

Das alles ist zwar mehr lästig und unangenehm als schmerzhaft, aber dann doch wieder fast unerträglich. Valoron ist derzeit mein bester Freund. Vermutlich brauche ich einen Entzung, wenn ich das überstanden habe, obwohl ich mittlerweile weniger nehme als noch letzte Woche.

Und es macht mir Angst, denn es ist ja erst der Anfang, die erste von vier Chemo-Einheiten. Auch wenn die nächste mit einem anderen Mittel erfolgen wird, so wird dieses doch zumindest eine ähnlich Wirkung haben.

Ich habe Angst.

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