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Die Wirkungen sind echt daneben

 ·  ☕ 5 Minuten zum Lesen  ·  ✍ dark*

Am Freitag muss ich schon wieder zum LeukozytenzĂ€hlen und nĂ€chste Woche Dienstag ist wieder Chemo angesagt. Da wird es Zeit, die neuen Nebenwirkungen etwas ausfĂŒhrlicher zu thematisieren.

Die erste Wirkung des Taxotere war wirklich heftig, wie ich im Überblick zusammengefasst hatte. Allerdings war das wohl zum Teil auch auf eine allergische Reaktion zurĂŒckzufĂŒhren. In der 35. Kalenderwoche war mein Leben geprĂ€gt von Herumliegen, reichlich schlapp und schwach mit stark juckendem Hautausschlag. Dies versuchten wir (mein Doc und ich) zunĂ€chst nur mit einem Antihistaminikum einzudĂ€mmen. Gegen Ende der Woche schwoll dann allerdings noch mein Gesicht an, die BlĂ€schen auf der Zunge und im Rachen bereiteten unertrĂ€gliche Schluckbeschwerden und die Zunge selbst schwoll auch noch an.

Mir ging es zu ĂŒbel, um erneut den Doc aufzusuchen, so griff ich am Donnerstag zum Kortison, das ich ja sowieso hier zuhause habe. Es dauerte nur kurze Zeit und mein Zustand besserte sich zusehends. Am spĂ€ten Nachmittag traf das darkinchen zum Wochenendbesuch hier ein und mittlerweile war ich soweit wiederhergestellt, dass wir immerhin gemeinsam einkaufen gehen konnten. Über das Wochenende futterte ich meine Kortison-VorrĂ€te auf, nahm brav meine Fenistil-Tropfen und gesundete immer weiter. Ich fĂŒhlte mich ziemlich fit, denn auch die Nebenwirkungen der Chemo wurden durch das Kortison unterdrĂŒckt.

Am Montagmorgen suchte ich erneut den Arzt auf und stellte ihn vor vollendete Tatsachen. Mein Kortison war aufgebraucht und ich entschied, es dann auch gleich abzusetzen, noch zwei bis drei Tage das Fenistil zu nehmen und zu beobachten, was passieren wĂŒrde.

Die Allergie war verschwunden. DafĂŒr schlugen nun die „normalen“ Nebenwirkungen mit voller Wucht zu! Meine Finger schwollen wieder an, schmerzten und wurden sehr empfindlich. An manchen Stellen sind die Fingerkuppen taub und die Haut ist ganz hart wie Hornhaut. Schon am Montagabend war die Haut an den Daumen, den Mittelfingern und am rechten Zeigefinger stellenweise abgestorben.

Daumen_01

Eine Stunde spĂ€ter bemerkte ich dann eher zufĂ€llig, dass sich die DaumennĂ€gel von der Nagelhaut zu lösen beginnen. Ich hatte vor zwei Wochen bereits darĂŒber gelesen, dass manchen die FingernĂ€gel unter Taxotere ausfallen. Ich finde die Vorstellung extrem gruselig und ekel mich vor dem Anblick meines Nagelbetts, was vermutlich auf ein Malheur zurĂŒckzufĂŒhren ist, das mir als Kind passierte:

Ich ließ mein Fahrrad fallen und der Griff des Lenkers fiel genau auf den Nagel meines großen Zehs. Der wurde sofort blau und was-weiß-ich, jedenfalls schleppte meine Großmutter mich in die Notaufnahme des Krankenhauses, um das untersuchen zu lassen. Dort entschied man, dass der Nagel gezogen werden mĂŒsse und betĂ€ubte meinen Zeh. Es folgte die Aufforderung, jetzt einmal nicht hinzusehen. Ganz tolle Idee, so etwas zu einem Kind zu sagen. Ich drehte - gaaanz unauffĂ€llig - meinen Kopf von rechts nach links und mein Blick fiel auf mein nagelloses Nagelbett. FĂŒr eine AchtjĂ€hrige ein ziemlich unschöner Anblick.

Seither dreht sich mir regelmĂ€ĂŸig der Magen, wenn ich höre, dass jemandem ein Nagel gezogen werden muss oder ein Nagel aus-/abfallen könnte. Ich wurde reichlich hysterisch am Montagabend, heulte hier rum und bat meinen LebensabschnittsgefĂ€hrten, meine Fingerkuppen mit Wundlauflagen und Leukoplast einzupacken, damit ich sie nicht sehen und nicht spĂŒren musste. Ich habe schreckliche Angst, an irgendetwas zu stoßen oder hĂ€ngen zu bleiben und so einen Nagel zu verlieren. Allein bei der Vorstellung rotiert der Magen schon wieder 


Daumen_02

An diesem Zustand hat sich seit Montag nichts geĂ€ndert. Die Finger schmerzen manchmal, wie jetzt beim Schreiben. Ich spĂŒre sie immer, auch im Ruhezustand. Meistens durch ein leichtes Kribbeln, manchmal durch eine Art Druck. Sie schwellen auch an. Manchmal fĂŒhlen sie sich an, als hĂ€tte ich sie alle eingeklemmt. Manchmal empfinde ich das GefĂŒhl in den Fingerspitzen als wĂŒrden sie absterben. Meistens fĂŒhlt es sich an, als hĂ€tte ich meine Finger in SĂ€ure getaucht.

Nach dem Waschen tupfe ich die Finger nur ganz vorsichtig trocken. Bloß nichts machen, was Druck ausĂŒbt, weder feste abreiben, noch irgendwelche schweren GegenstĂ€nde in die Hand nehmen oder sowas. Ich habe Probleme mit dem Pinzettengriff, weswegen ich bisweilen bei den einfachsten TĂ€tigkeiten entweder losheule, bis der LebensgefĂ€hrte hilft, oder mir Werkzeuge wie Pinzette, Brieföffner, meinen Cutter oder eine Schere zu Hilfe nehme.

Und auch in den FĂŒĂŸen fĂ€ngt es an. Wenn ich loslaufe, beginnen nach einigen Schritten die Zehen zu kribbeln wie eingeschlafen und fĂŒhlen sich ganz fremd an. Außerdem geht dann ein Ziehen durch die Beine. Noch ein paar Meter weiter und die Gelenke und die Knochen schmerzen, als wĂ€re ich aus zu großer Höhe ungefedert auf die FĂŒĂŸe gesprungen. Manchmal laufe ich aber auch los wie auf Eiern, als wollten mir die FĂŒĂŸe nicht recht gehorchen. Mein Gang wirkt dadurch manchmal etwas merkwĂŒrdig, so wie bei einem Menschen, der zum ersten Mal in seinem Leben in Schuhen lĂ€uft. Manchmal fĂ€llt mir das Gehen schwer.

Wenn ich unterwegs war (einkaufen etc.) und wieder nach Hause komme, habe ich das GefĂŒhl, ich wĂ€re mindestens 10 km zu Fuß in schlecht sitzenden Schuhen gelaufen. Die FĂŒĂŸe brennen. Die Fußsohlen kribbeln wie verrĂŒckt und fĂŒhlen sich extrem unangenehm an. Es dauert dann etwa 15 Minuten, bis das GefĂŒhl wieder halbwegs ertrĂ€glich ist. Auch meine FĂŒĂŸe fĂŒhle ich immer, ohne Pause von morgens bis abends.

Das alles ist zwar mehr lĂ€stig und unangenehm als schmerzhaft, aber dann doch wieder fast unertrĂ€glich. Valoron ist derzeit mein bester Freund. Vermutlich brauche ich einen Entzung, wenn ich das ĂŒberstanden habe, obwohl ich mittlerweile weniger nehme als noch letzte Woche.

Und es macht mir Angst, denn es ist ja erst der Anfang, die erste von vier Chemo-Einheiten. Auch wenn die nÀchste mit einem anderen Mittel erfolgen wird, so wird dieses doch zumindest eine Àhnlich Wirkung haben.

Ich habe Angst.

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