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Chemotherapie Part Four

 ·  ÔśĽ 9 Minuten zum Lesen  ·  ÔťŹ´ŞĆ dark*

Wer bei meinem Geschreibsel vom Krebs stets eine ausgemergelte, magere, krank aussehende Person vor Augen hat, vergisst dies am besten ganz schnell wieder. Seit ich krank bin, habe ich fast 10 kg zugenommen. Auf 180 cm H├Âhe verteilt, hat das zwar noch kein dramatisches Ausma├č, aber soweit muss es ja gar nicht erst kommen. Und so beschloss ich am Sonntagabend nach der letzten Chemo Anfang Juli, dass ein wenig Einschr├Ąnkung ja nicht schaden k├Ânnte.

“Kein Problem, da kann ich helfen!”, dachte sich mein Immunsystem, stellte seinen regul├Ąren Betrieb ein und z├╝chtete lustige kleine Pilzsporen auf meinem Gaumenz├Ąpfchen. Montagmorgen erwachte ich mit unglaublichen Halsschmerzen, Schluckbeschwerden und allgemeinem Unwohlsein. Ich dachte, ich h├Ątte mir am windigen Wochenende in Viersen bei den unfreiwilligen hei├č-kalten Wechselb├Ądern eine Infektion eingefangen. Ein kritische Blick in den Spiegel, “Aaaaaahh!”, zeigte einen wei├čgepunkteten Rachen. Zun├Ąchst hielt ich das f├╝r kleine Eiterbl├Ąschen und dachte noch, dass der Schmerz ja angesichts dessen moderat sei. Im Laufe des Tages traf mich die Erkenntnis dann wie ein Schlag: Pilz! Eine h├Ąufige Nebenwirkung der Chemotherapie. Klar, dass ich die mitnehmen musste!

Meine G├╝te, was macht man denn nun gegen so etwas?! Ich googelte mich schlau, verordnete mir selbst eine strenge Di├Ąt, also nichts S├╝├čes, nur noch ballaststoffreiche Nahrungsmittel wie Vollkornbrot, Kartoffeln, Gem├╝se und zu Trinken nur Tee, sowie penible Mundhygiene, die nach jedem Essen strikt eingehalten wurde. Auf diese Weise wollte ich dem Pilz die Nahrung entziehen. Au├čerdem wollte ich ihm noch medikament├Âs zu Leibe r├╝cken. Bereits zu Beginn der Chemotherapie riet man mir in der Praxis, mir Ampho-Moronal suspension zuzulegen, die bis dato tatenlos in meiner Hausapotheke rumstand. Zwar hatte die Mitarbeiterin beim Arzt nach jeder Chemo-Einheit gemeint, ich solle dies mal anwenden, da meine Zunge und meine Mundschleimhaut so belegt seien, aber bisher str├Ąubte ich mich dagegen. Ich glaube, ich erw├Ąhnte bereits, dass ich seit Beginn der Chemo immer st├Ąrkere Probleme mit der Einnahme von fl├╝ssigen Medikamenten habe. Aber au├čergew├Âhnliche Situationen erfordern nun einmal au├čergew├Âhnliche Ma├čnahmen und so versuchte ich dann doch, das Zeug, es ist ├╝brigens unappetitlich orange, in meinem Mund zu verteilen. Aber gegen den W├╝rgereiz kam ich nicht an.

Am Dienstag (8. Juli) musste ich ohnehin zum Arzt zwecks Ultraschallkontrolle. Dem zeigte ich erst einmal meinen get├╝pfelten Rachen und klagte ihm mein Leid und meine Unf├Ąhigkeit, das Zeug zu schlucken. Er verschrieb mir Lutschtabletten gegen den unerw├╝nschten Mitbewohner. Bei der Gelegenheit lie├č ich mir auch ein Rezept f├╝r Selenase in Tablettenform ausstellen, damit auch dieses Leiden endlich ein Ende hat. Denn als ich am Morgen des 2. Juli meine zwei Fl├Ąschchen Selenase zur Vorbereitung auf die Chemotherapie zu mir nehmen musste, w├Ąre schon das erste beinahe wieder hochgekommen, das zweite habe ich gar nicht erst genommen. Stattdessen habe ich die verbliebenen drei Fl├Ąschchen eingepackt und einer anderen Patientin geschenkt, die sich sonst f├╝r ihren letzten Chemo-Termin noch einmal eine ganze Packung h├Ątte kaufen m├╝ssen.

In den darauffolgenden Tagen verbesserte sich der Zustand in meinem Mund zusehends. Nach ungef├Ąhr einer Woche war ich weitgehendst wiederhergestellt und konnte immerhin ein paar Tage halbwegs normal essen (von den ├╝blichen Geschmacksst├Ârungen einmal abgesehen), als wir uns auf den Weg nach Holland machten (Reisebericht folgt noch). Bereits w├Ąhrend der Vorbereitungen machten sich ab und zu leichte Bauchschmerzen bemerkbar, die ich allerdings auf Reisefieber, Stress usw. zur├╝ckf├╝hrte. Ich hoffte, dass diese im Urlaub verschwinden w├╝rden, aber leider war das Gegenteil der Fall. Bereits in Zandvoort lag ich ab nachmittags im Bett und qu├Ąlte mich mit Bauchkr├Ąmpfen herum. Als wir wieder hier daheim waren, wurde es zusehends schlimmer. Der Urlaub f├╝r das darkinchen war ziemlich unerquicklich, sie musste sich mit meinem Lebensabschnittsgef├Ąhrten die Zeit vertreiben, w├Ąhrend ich leidend und jammernd im Bett lag. Am Samstag, den 26. Juli, fuhr sie nach Viersen zur├╝ck, am Sonntag, den 27. Juli, ging ich ins Krankenhaus.

Paracetamol

Kontrastmittel

Leider bekam ich auch kein Mittagessen. Nach einer Weile bat ich darum, mir wenigstens NaCl in die Venen laufen zu lassen, da ich langsam Kopfschmerzen bekam und mich ein wenig trocken f├╝hlte. Kaum war die Flasche durchgelaufen, brachte man mir 1,5 Liter Kontrastmittel, die in ich ca. 1,5 Stunden trinken sollte. Ein CT meiner Eingeweide stand auf dem Plan.

Aufgrund meiner Schmerzmittelallergie wollte der Radiologe kein Risiko eingehen und verabreichte mir zwei Antihistaminika, bevor es los ging. W├Ąhrend der Computertomograph mein Innerstes erfasste, wurde mir ein weiteres Kontrastmittel gespritzt. Wie zuvor von der Mitarbeiterin angek├╝ndigt, schickte das eine unglaubliche Hitzewelle durch meinen K├Ârper. In der Folge verursachten die Mittel Durchfall. Festgestellt wurde bei der Prozedur eine Gallenblasenentz├╝ndung. Und ich blieb auf Di├Ąt, durfte aber immerhin Schonkost und Tee zu mir nehmen. Au├čerdem bekam ich zwei Antibiotika.

Dank einer Bl├Âdelei bei Facebook erhielt meine Gallenblase den Namen Gandolf in Anlehnung an Gandalf. Da ich aber weder Film noch Buch gesehen bzw. gelesen habe, entschied ich mich f├╝r die Schreibweise mit O. ├ťber die Herkunft des Namens gibt es hier ein wenig nachzulesen: familienwelt.24 - Gandolf.

Am Mittwoch, den 30. Juli, bekam Gandolf Besuch von einem Chirurgen, der sich “meinen Fall” einmal ansehen sollte und wollte. Da ich aber weder Gallensteine noch Bakterien in meiner Gallenblase befanden, sah er keine Notwendigkeit f├╝r einen chirurgischen Eingriff. Am n├Ąchsten Tag, ich war mittlerweile seit einer Woche ohne Kaffee, aber immerhin wieder etwas besser im Allgemeinzustand, wurde ich mit ein paar Tabletten gegen die Gallenblasenschmerzen in die vermeintliche Freiheit entlassen. Die Ober├Ąrztin, die mit mir das Abschlussgespr├Ąch f├╝hrte, stellte mich ihrem Kollegen mit den Worten: “Dies ist ein interessanter Fall”, vor. Anschlie├čend ging der interessante Fall nach Hause.

Wochenendeinkauf

Der Speiseplan war auch Zuhause nicht besonders toll. Zwieback, Kamillentee und Kartoffeln waren so ziemlich das einzige, was ich zu mir nahm. Am Wochenende kam noch ged├╝nsteter Kohlrabi hinzu. Allerdings war es nicht wirklich besser, in den N├Ąchten w├Ąlzte ich mich wieder mit Kr├Ąmpfen im Bett. Am Montagmorgen suchte ich meinen Hausarzt, der ebenfalls Internist ist, auf. Der schickte mich zur├╝ck ins Krankenhaus. Da in dieser Woche die Chemotherapie fortgesetzt werden sollte, ging ich auch noch beim Gyn├Ąkologen vorbei, um mich ordnungsgem├Ą├č abzumelden. Nachmittags brachte der Lebensabschnittsgef├Ąhrte mich ins Krankenhaus zur├╝ck.

So richtig wusste man dort allerdings auch nicht, was man mit mir machen sollte. Ein erneutes Ultraschall ergab, dass meine Gallenblase immer noch entz├╝ndet sei. Die anderen Organe waren nach wie vor nicht betroffen. Diesmal wurde ein anderer Chirurg befragt, der aber ebenfalls der Meinung war, noch abzuwarten, denn meine Gallenblase sei kein Fall f├╝r den OP-Tisch. Au├čerdem hielt er eine Operation f├╝r wenig ratsam und zielf├╝hrend, da aufgrund der Chemotherapie die Heilungsprozesse in meinem K├Ârper langsam vonstatten gingen und ich dann statt mit den Gallenkoliken mit den Wundheilungsschmerzen zu k├Ąmpfen h├Ątte. So oder so w├╝rde es einfach dauern, bis ich wieder auf die Beine k├Ąme. Damit hatte er wohl Recht.

Zwar muss ich diesmal nicht ├Ąrztlich angeordnet hungern, aber auf Thunfisch verzichte ich freiwillig. Thunfisch riecht wie Kinderkotze, den fand ich immer schon ekelhaft. Genauso ungenie├čbar wie Quark. Die Krefelder Kekse machen es auch nicht besser. Eine zeitlang bin ich auf dem Weg zur Arbeit immer an der Keksfabrik vorbei gefahren. Der ganze Block roch stets saugeil nach Bisquit. Allerdings habe ich in Krefeld noch nie irgendwo diese Kekse zu kaufen gesehen. Und jetzt kann ich entt├Ąuscht festhalten, dass sie nicht einmal ansatzweise so gut schmecken, wie es damals immer rund um die Tannenstra├če roch.

Am Mittwoch kamen der Arzt bei der Visite und ich ├╝berein, dass es relativ egal sei, ob ich zuhause oder im Krankenhaus litt. An der Tatsache, dass ich mich ins Bett legen und schonen solle, und dass dies der einzige Weg zur Besserung sei, ├Ąnderte mein Aufenthaltsort nichts. Ich entschied mich, nach Hause zur├╝ck zu kehren. Diesmal gab man mir au├čerdem noch den Rat mit, Paracetamol und Buscopan in Z├Ąpfchen-Form zu besorgen. Zum einen machte das Schlucken und notwendige Verdauen der Tabletten die Beschwerden noch schlimmer, zum anderen wirken Z├Ąpfchen schneller. Wer um alles in der Welt ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass man Patienten auch auf diesem Wege Medikamente verabreichen k├Ânnte?!

Zuhause merkte ich sofort, wenn ich mir zuviel zugemutet hatte. So machte ich nur wenig und legte mich viel hin. Bis heute hat sich daran nicht allzuviel ge├Ąndert, ich bin noch immer nicht wiederhergestellt. Ich esse immer noch Schonkost, ├╝berwiegend ged├╝ndstete Kartoffeln und ged├╝nstetes Gem├╝se, kein Fett, kaum Zucker, kaum Kaffee, kein Saft, keine Schokolade. Auf diese Art und Weise treten nur selten Schmerzen auf und sie sind auch nicht so schlimm.

Daf├╝r bin ich schlapp wie nie zuvor. Einkaufen gehen, was ich eh nur selten mache, ist ein Kraftakt. Auch den Haushalt bekomme ich kaum auf die Reihe. Die Tage d├╝mpeln so vor sich hin. Hinzu kommt noch, dass ich mich meistens zu gar nichts aufraffen kann. Wie ich irgendwann mal wieder regelm├Ą├čig zur Arbeit gehen soll, ist mir momentan noch ein R├Ątsel. Aber wahrscheinlich ist es nur diese Verpflichtung, die mir fehlt, um wieder ein halbwegs geordnetes Leben zu f├╝hren. M├╝sste ich mich nicht wenigstens noch in den Tagesrhythmus meines Lebensabschnittsgef├Ąhrten einordnen, w├╝rde ich vermutlich wieder v├Âllig versumpfen.

Au├čerdem bin ich neuerdings verfroren wie sonstwas. W├Ąhrend ich sonst auch bei -15 ┬░C noch mit offenem Fenster schlief, h├Ąlt mich jetzt ausschlie├člich die Tatsache, dass wir erst August haben, davon ab, die Heizung einzuschalten. Im August wird nicht geheizt, auch nicht, wenn es schneit. Ab und zu bekomme ich Schwei├čausbr├╝che und Hitzewallungen. Am Kopf f├Ąngt es an und zieht sich einmal ├╝ber den ganzen K├Ârper als w├╝rde jemand eine Heizung aufdrehen. Dann bin ich von oben bis unten nass geschwitzt und es geht wieder vorbei.

Meine Fingern├Ągel sind quergestreift, l├Ąngsgerillt, trocken und spr├Âde. Ich hasse es, sie zu feilen oder zu schneiden, weil sie dann oft splittern. Vielleicht sollte ich mir Nagellack besorgen, eventuell geht es ihnen dann etwas besser. Das riet mir auch die Mitarbeiterin bei meinem Gyn├Ąkologen.

glatze

Die ├╝brige K├Ârperbehaarung inklusive Augenbrauen und Wimpern ist auch fast weg und das, was noch ├╝brig ist, w├Ąchst kaum. Seit Beginn der Chemotherapie habe ich mir erst zweimal die Beine rasiert und trotzdem keinen nennenswerten Bewuchs. Meine Nasenhaare sind v├Âllig ausgefallen.

Am Dienstag geht es mit der Chemotherapie weiter. Das Therapieschema wechselt. Dies war von vorneherein geplant und zudem auch noch von den Internisten empfohlen. Noch einmal Epirubicin w├╝rde meine Gallenblase vermutlich nicht mitmachen. Ich bin jedenfalls gespannt, welche Nebenwirkungen da nun auf mich zukommen.

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