Chemotherapie Part Four

Wer bei meinem Geschreibsel vom Krebs stets eine ausgemergelte, magere, krank aussehende Person vor Augen hat, vergisst dies am besten ganz schnell wieder. Seit ich krank bin, habe ich fast 10 kg zugenommen. Auf 180 cm Höhe verteilt, hat das zwar noch kein dramatisches Ausmaß, aber soweit muss es ja gar nicht erst kommen. Und so beschloss ich am Sonntagabend nach der letzten Chemo Anfang Juli, dass ein wenig Einschränkung ja nicht schaden könnte.

„Kein Problem, da kann ich helfen!“, dachte sich mein Immunsystem, stellte seinen regulären Betrieb ein und züchtete lustige kleine Pilzsporen auf meinem Gaumenzäpfchen. Montagmorgen erwachte ich mit unglaublichen Halsschmerzen, Schluckbeschwerden und allgemeinem Unwohlsein. Ich dachte, ich hätte mir am windigen Wochenende in Viersen bei den unfreiwilligen heiß-kalten Wechselbädern eine Infektion eingefangen. Ein kritische Blick in den Spiegel, „Aaaaaahh!“, zeigte einen weißgepunkteten Rachen. Zunächst hielt ich das für kleine Eiterbläschen und dachte noch, dass der Schmerz ja angesichts dessen moderat sei. Im Laufe des Tages traf mich die Erkenntnis dann wie ein Schlag: Pilz! Eine häufige Nebenwirkung der Chemotherapie. Klar, dass ich die mitnehmen musste!

Meine Güte, was macht man denn nun gegen so etwas?! Ich googelte mich schlau, verordnete mir selbst eine strenge Diät, also nichts Süßes, nur noch ballaststoffreiche Nahrungsmittel wie Vollkornbrot, Kartoffeln, Gemüse und zu Trinken nur Tee, sowie penible Mundhygiene, die nach jedem Essen strikt eingehalten wurde. Auf diese Weise wollte ich dem Pilz die Nahrung entziehen. Außerdem wollte ich ihm noch medikamentös zu Leibe rücken. Bereits zu Beginn der Chemotherapie riet man mir in der Praxis, mir Ampho-Moronal suspension zuzulegen, die bis dato tatenlos in meiner Hausapotheke rumstand. Zwar hatte die Mitarbeiterin beim Arzt nach jeder Chemo-Einheit gemeint, ich solle dies mal anwenden, da meine Zunge und meine Mundschleimhaut so belegt seien, aber bisher sträubte ich mich dagegen. Ich glaube, ich erwähnte bereits, dass ich seit Beginn der Chemo immer stärkere Probleme mit der Einnahme von flüssigen Medikamenten habe. Aber außergewöhnliche Situationen erfordern nun einmal außergewöhnliche Maßnahmen und so versuchte ich dann doch, das Zeug, es ist übrigens unappetitlich orange, in meinem Mund zu verteilen. Aber gegen den Würgereiz kam ich nicht an.

Am Dienstag (8. Juli) musste ich ohnehin zum Arzt zwecks Ultraschallkontrolle. Dem zeigte ich erst einmal meinen getüpfelten Rachen und klagte ihm mein Leid und meine Unfähigkeit, das Zeug zu schlucken. Er verschrieb mir Lutschtabletten gegen den unerwünschten Mitbewohner. Bei der Gelegenheit ließ ich mir auch ein Rezept für Selenase in Tablettenform ausstellen, damit auch dieses Leiden endlich ein Ende hat. Denn als ich am Morgen des 2. Juli meine zwei Fläschchen Selenase zur Vorbereitung auf die Chemotherapie zu mir nehmen musste, wäre schon das erste beinahe wieder hochgekommen, das zweite habe ich gar nicht erst genommen. Stattdessen habe ich die verbliebenen drei Fläschchen eingepackt und einer anderen Patientin geschenkt, die sich sonst für ihren letzten Chemo-Termin noch einmal eine ganze Packung hätte kaufen müssen.

In den darauffolgenden Tagen verbesserte sich der Zustand in meinem Mund zusehends. Nach ungefähr einer Woche war ich weitgehendst wiederhergestellt und konnte immerhin ein paar Tage halbwegs normal essen (von den üblichen Geschmacksstörungen einmal abgesehen), als wir uns auf den Weg nach Holland machten (Reisebericht folgt noch). Bereits während der Vorbereitungen machten sich ab und zu leichte Bauchschmerzen bemerkbar, die ich allerdings auf Reisefieber, Stress usw. zurückführte. Ich hoffte, dass diese im Urlaub verschwinden würden, aber leider war das Gegenteil der Fall. Bereits in Zandvoort lag ich ab nachmittags im Bett und quälte mich mit Bauchkrämpfen herum. Als wir wieder hier daheim waren, wurde es zusehends schlimmer. Der Urlaub für das darkinchen war ziemlich unerquicklich, sie musste sich mit meinem Lebensabschnittsgefährten die Zeit vertreiben, während ich leidend und jammernd im Bett lag. Am Samstag, den 26. Juli, fuhr sie nach Viersen zurück, am Sonntag, den 27. Juli, ging ich ins Krankenhaus.

Paracetamol Dort stellte man mich auf den Kopf und betrachtete mich auch von innen. Zu essen gab man mir vorerst nichts, stattdessen gab es Paracetamol und Buscopan intravenös zum Abendessen und zum Frühstück. Montags wurde mal wieder eine Magenspiegelung durchgeführt, die eine Magenschleimhautentzündung ergab. Nebenbei bemerkt ist der Propofol-Schlaf immer noch der beste.
Kontrastmittel
Leider bekam ich auch kein Mittagessen. Nach einer Weile bat ich darum, mir wenigstens NaCl in die Venen laufen zu lassen, da ich langsam Kopfschmerzen bekam und mich ein wenig trocken fühlte. Kaum war die Flasche durchgelaufen, brachte man mir 1,5 Liter Kontrastmittel, die in ich ca. 1,5 Stunden trinken sollte. Ein CT meiner Eingeweide stand auf dem Plan.

Aufgrund meiner Schmerzmittelallergie wollte der Radiologe kein Risiko eingehen und verabreichte mir zwei Antihistaminika, bevor es los ging. Während der Computertomograph mein Innerstes erfasste, wurde mir ein weiteres Kontrastmittel gespritzt. Wie zuvor von der Mitarbeiterin angekündigt, schickte das eine unglaubliche Hitzewelle durch meinen Körper. In der Folge verursachten die Mittel Durchfall. Festgestellt wurde bei der Prozedur eine Gallenblasenentzündung. Und ich blieb auf Diät, durfte aber immerhin Schonkost und Tee zu mir nehmen. Außerdem bekam ich zwei Antibiotika.

Dank einer Blödelei bei Facebook erhielt meine Gallenblase den Namen Gandolf in Anlehnung an Gandalf. Da ich aber weder Film noch Buch gesehen bzw. gelesen habe, entschied ich mich für die Schreibweise mit O. Über die Herkunft des Namens gibt es hier ein wenig nachzulesen: familienwelt.24 – Gandolf.

Am Mittwoch, den 30. Juli, bekam Gandolf Besuch von einem Chirurgen, der sich „meinen Fall“ einmal ansehen sollte und wollte. Da ich aber weder Gallensteine noch Bakterien in meiner Gallenblase befanden, sah er keine Notwendigkeit für einen chirurgischen Eingriff. Am nächsten Tag, ich war mittlerweile seit einer Woche ohne Kaffee, aber immerhin wieder etwas besser im Allgemeinzustand, wurde ich mit ein paar Tabletten gegen die Gallenblasenschmerzen in die vermeintliche Freiheit entlassen. Die Oberärztin, die mit mir das Abschlussgespräch führte, stellte mich ihrem Kollegen mit den Worten: „Dies ist ein interessanter Fall“, vor. Anschließend ging der interessante Fall nach Hause.

Wochenendeinkauf

Der Speiseplan war auch Zuhause nicht besonders toll. Zwieback, Kamillentee und Kartoffeln waren so ziemlich das einzige, was ich zu mir nahm. Am Wochenende kam noch gedünsteter Kohlrabi hinzu. Allerdings war es nicht wirklich besser, in den Nächten wälzte ich mich wieder mit Krämpfen im Bett. Am Montagmorgen suchte ich meinen Hausarzt, der ebenfalls Internist ist, auf. Der schickte mich zurück ins Krankenhaus. Da in dieser Woche die Chemotherapie fortgesetzt werden sollte, ging ich auch noch beim Gynäkologen vorbei, um mich ordnungsgemäß abzumelden. Nachmittags brachte der Lebensabschnittsgefährte mich ins Krankenhaus zurück.

So richtig wusste man dort allerdings auch nicht, was man mit mir machen sollte. Ein erneutes Ultraschall ergab, dass meine Gallenblase immer noch entzündet sei. Die anderen Organe waren nach wie vor nicht betroffen. Diesmal wurde ein anderer Chirurg befragt, der aber ebenfalls der Meinung war, noch abzuwarten, denn meine Gallenblase sei kein Fall für den OP-Tisch. Außerdem hielt er eine Operation für wenig ratsam und zielführend, da aufgrund der Chemotherapie die Heilungsprozesse in meinem Körper langsam vonstatten gingen und ich dann statt mit den Gallenkoliken mit den Wundheilungsschmerzen zu kämpfen hätte. So oder so würde es einfach dauern, bis ich wieder auf die Beine käme. Damit hatte er wohl Recht.

Zwar muss ich diesmal nicht ärztlich angeordnet hungern, aber auf Thunfisch verzichte ich freiwillig. Thunfisch riecht wie Kinderkotze, den fand ich immer schon ekelhaft. Genauso ungenießbar wie Quark. Die Krefelder Kekse machen es auch nicht besser. Eine zeitlang bin ich auf dem Weg zur Arbeit immer an der Keksfabrik vorbei gefahren. Der ganze Block roch stets saugeil nach Bisquit. Allerdings habe ich in Krefeld noch nie irgendwo diese Kekse zu kaufen gesehen. Und jetzt kann ich enttäuscht festhalten, dass sie nicht einmal ansatzweise so gut schmecken, wie es damals immer rund um die Tannenstraße roch.

Am Mittwoch kamen der Arzt bei der Visite und ich überein, dass es relativ egal sei, ob ich zuhause oder im Krankenhaus litt. An der Tatsache, dass ich mich ins Bett legen und schonen solle, und dass dies der einzige Weg zur Besserung sei, änderte mein Aufenthaltsort nichts. Ich entschied mich, nach Hause zurück zu kehren. Diesmal gab man mir außerdem noch den Rat mit, Paracetamol und Buscopan in Zäpfchen-Form zu besorgen. Zum einen machte das Schlucken und notwendige Verdauen der Tabletten die Beschwerden noch schlimmer, zum anderen wirken Zäpfchen schneller. Wer um alles in der Welt ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass man Patienten auch auf diesem Wege Medikamente verabreichen könnte?!

Zuhause merkte ich sofort, wenn ich mir zuviel zugemutet hatte. So machte ich nur wenig und legte mich viel hin. Bis heute hat sich daran nicht allzuviel geändert, ich bin noch immer nicht wiederhergestellt. Ich esse immer noch Schonkost, überwiegend gedündstete Kartoffeln und gedünstetes Gemüse, kein Fett, kaum Zucker, kaum Kaffee, kein Saft, keine Schokolade. Auf diese Art und Weise treten nur selten Schmerzen auf und sie sind auch nicht so schlimm.

Dafür bin ich schlapp wie nie zuvor. Einkaufen gehen, was ich eh nur selten mache, ist ein Kraftakt. Auch den Haushalt bekomme ich kaum auf die Reihe. Die Tage dümpeln so vor sich hin. Hinzu kommt noch, dass ich mich meistens zu gar nichts aufraffen kann. Wie ich irgendwann mal wieder regelmäßig zur Arbeit gehen soll, ist mir momentan noch ein Rätsel. Aber wahrscheinlich ist es nur diese Verpflichtung, die mir fehlt, um wieder ein halbwegs geordnetes Leben zu führen. Müsste ich mich nicht wenigstens noch in den Tagesrhythmus meines Lebensabschnittsgefährten einordnen, würde ich vermutlich wieder völlig versumpfen.

Außerdem bin ich neuerdings verfroren wie sonstwas. Während ich sonst auch bei -15 °C noch mit offenem Fenster schlief, hält mich jetzt ausschließlich die Tatsache, dass wir erst August haben, davon ab, die Heizung einzuschalten. Im August wird nicht geheizt, auch nicht, wenn es schneit. Ab und zu bekomme ich Schweißausbrüche und Hitzewallungen. Am Kopf fängt es an und zieht sich einmal über den ganzen Körper als würde jemand eine Heizung aufdrehen. Dann bin ich von oben bis unten nass geschwitzt und es geht wieder vorbei.

Meine Fingernägel sind quergestreift, längsgerillt, trocken und spröde. Ich hasse es, sie zu feilen oder zu schneiden, weil sie dann oft splittern. Vielleicht sollte ich mir Nagellack besorgen, eventuell geht es ihnen dann etwas besser. Das riet mir auch die Mitarbeiterin bei meinem Gynäkologen.

glatze Auf meinem Kopf sieht es mittlerweile so aus. Die Haare waren nie ganz weg. Einige fallen immer noch aus, andere wachsen dafür langsam wieder, ein Kommen und Gehen. Die Perücke habe ich noch nie aufgesetzt. Wenn ich das Haus verlasse, trage ich stets irgendwelche Tücher und Baseball-Caps auf dem Kopf.

Die übrige Körperbehaarung inklusive Augenbrauen und Wimpern ist auch fast weg und das, was noch übrig ist, wächst kaum. Seit Beginn der Chemotherapie habe ich mir erst zweimal die Beine rasiert und trotzdem keinen nennenswerten Bewuchs. Meine Nasenhaare sind völlig ausgefallen.

Am Dienstag geht es mit der Chemotherapie weiter. Das Therapieschema wechselt. Dies war von vorneherein geplant und zudem auch noch von den Internisten empfohlen. Noch einmal Epirubicin würde meine Gallenblase vermutlich nicht mitmachen. Ich bin jedenfalls gespannt, welche Nebenwirkungen da nun auf mich zukommen.

Ein Kommentar:

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