Bildung?

Einen sehr interessanten Artikel über das kaputt reformierte Bildungswesen habe ich soeben in der Wirtschaftswoche gefunden. Tenor ist die Inflation des Abiturs in NRW, wie die Standards, die zum Erreichen der Hochschulreife erforderlich sind, immer weiter herunter geschraubt werden, um im nationalen Länder- und internationalen Staatenvergleich gut dazustehen. Beim Abitur in NRW gibt es bereits Punkte für die richtig geschriebene Quellenangabe (Geschichte) oder für das Einfügen von Absätzen in einen Text („kommunikative Textgestaltung“). Für Fremdsprachenprüfungen müssen Vokabeln nicht mehr gepaukt werden, Nachschlagen im Wörterbuch ist möglich und erlaubt („Kompetenzorientierung“). Die Anzahl der Abiturienten ist es, was zählt. Wissen spielt keine Rolle mehr.

Und ich habe mich immer über die Noten und das Fortkommen meiner Tochter gewundert. Wenn ich ihr sagte, dass sie „zu meiner Zeit“ mit ihren Leistungen allerhöchstens einen eher mittelmäßigen Hauptschulabschluss bekommen hätte, meinte sie stets, ich hätte übertrieben. Ich lasse ihr mal den Artikel zukommen und am besten auch noch einen aus der Frankfurter Allgemeinen über die Nivellierung der Ansprüche. Wobei ich nicht sicher bin, ob sie die Überschrift versteht, Fremdwörter lernt man heute nämlich auch nicht mehr.

Das Arbeitsmaterial sollen sich nordrhein-westfälische Gymnasiasten in der Regel von Wikipedia selbst ausdrucken. Wenn sie bei den unzähligen Referaten, Präsentationen, Gruppenarbeiten etc. auch noch andere Quellen als Wikipedia angeben, ist das tatsächlich ein Pluspunkt, der nicht selten eine ganze Note ausmacht. Abschreiben durften sie von dort jedoch nicht, sie mussten die Sätze umformulieren. Ansonsten gab es im schlimmsten Fall eine 5. Nein, keine 6, nur eine 5.

Sitzen bleiben ist in der Tat ziemlich schwierig. Falls doch einmal wegen notorischer Leistungsverweigerung in mindestens zwei Fächern eine 5 auf dem Zeugnis landet, besteht ja immer noch die Möglichkeit des Ausgleichens. Dazu braucht man nur eine 3 und schon ist die 5 ausgeglichen. Sollte keine 3 vorhanden sein, besteht die Möglichkeit einer Nachprüfung am Ende der Sommerferien. Ferner kann einmal im Schuljahr pro Schulfach eine schriftliche Leistung durch eine andere, etwa gleichwertige schriftliche Leistung ersetzt werden. Im Klartext bedeutet dies, dass der Schüler den Lehrer darum bittet, ihm eine Aufgabe zur Verbesserung seiner Note zu geben und selbige dann zuhause erledigt.

Das gilt nur fürs Gymnasium, auf den anderen Schulformen kann man sich noch mehr Patzer erlauben. Sitzenbleiben ist heutzutage in NRW fast unmöglich geworden. Aber werden die Schüler dadurch besser? Nach meinen Erfahrungen – und ich habe eine große Anzahl Jugendlicher von verschiedenen Schulen und Schulformen kennengelernt – ist eher das Gegenteil der Fall.

Es gibt in Krefeld kaum noch Real- oder Gesamtschüler, die fehlerfreies Deutsch sprechen. „Sollen wir Kino gehen?“, und dann, in der Nacherzählung: „War ich Kino“, sind völlig normal. Wenn beim Shoppen begehrte Artikel um 20 % reduziert sind, kann in den wenigsten Fällen ausgerechnet werden, was der Artikel dann kosten soll. Die Deutsche Geschichte ist dieser Generation genauso nebulös verborgen wie Sozialkunde, Politik usw. Die bestehen nicht mehr aus Wissen, die bestehen nur noch aus Meinung. Und sie stehen wahrscheinlich nur symptomatisch für den Rest der Republik, dessen nähere Betrachtung mir bisher dankenswerterweise erspart blieb – wenn man einmal davon absieht, dass mich die Auszubildende auf meiner hiesigen Arbeitsstelle (Einzelhandel!) neulich fragte, wieviel sie abziehen müsse, wenn der Artikel nun nur noch 50 % kostet.

Brave New World

Den Vorwurf der elitären Gymnasialmutter prallt ebenso an mir ab wie die Beschimpfung „Bildungsbürgertum“. Niveau sieht nur von unten arrogant aus.

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