Flashback I

Eigentlich ganz harmlos, das Gespräch über Musik, begonnen durch Rumblödeln und dann meine Frage nach dem Musikgeschmack, gestellt aus Neugier, seit langem zum ersten Mal wieder interessiert an einem Menschen und einem Blick hinter dessen Fassade. Trance/Dancefloor. Darunter kann ich mir alles und nichts vorstellen. Klar, die ungefähre Richtung ist bekannt, aber Musik nach ihren Stilrichtungen einzuordnen fällt mir ebenso schwer wie Gemälde einem Künstler oder Bauwerke und Möbel bestimmten Epochen zuzuordnen. Ein Name, den ich nie zuvor gehört habe, wurde genannt. Mein Freund Google hilft bei der Aufklärung und führt mich auf die Webseite des Interpreten, auf der wiederum Playlists veröffentlicht sind, in die ich reinhöre.

Das hätte ich besser nicht getan.

Jede Zeit in meinem Leben hat ihre eigene Musik. Ich habe fast überall einmal reingeschnuppert, reingeschaut, ausprobiert und mitgemacht, Höhen erklommen und in Abgründe gesprungen, aus Neugier und der ewigen Suche nach dem ultimativen Kick, der mir das Gefühl gibt, eines Tages sagen zu können: „Das war“s, dafür hat es sich gelohnt.“ Dabei habe ich viel Elend gesehen und erlebt, Scheiße gefressen, Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin, und Erinnerungen behalten, die heute noch stinken.

Irgendwann glaubt man, damit umgehen zu können, und oft ist es auch tatsächlich so. Bis sie zuschnappt, die Falle aus Erinnerungen und Gefühlen gebaut, ausgelöst vielleicht nur durch eine scheinbar unbedeutende Kleinigkeit, wie zum Beispiel eine bestimmte Art von Musik. Plötzlich herrscht unerträglicher Gestank, Scheiße quillt aus allen Poren und will raus, der Boden wird einem unter den Füßen weggerissen.

Ich weiß gar nicht, wie ich die Zeit beschreiben soll, in die mich die Musik, nur kurz angespielt und doch zu lang, letzte Nacht entführt hat. Hauptakteure und Nabel der Welt, wenn auch vermutlich nur unserer eigenen, hinter irgendwelchen Nebelschleiern für andere verborgenen, waren M. und ich. Isoliert von der Welt führten wir unsere wohltuende und schmerzhafte Inselexistenz in ungezählten Nächten auf dem Fußboden meines Wohnzimmers, zugedröhnt, nichts machend, einfach nur rumliegen, da sein, nebeneinander, miteinander, füreinander? Eher nicht, sonst hätte es nicht so mies geendet.

Jetzt ist sie plötzlich wieder da, diese Zeit. Ich fühle mich, als sei ich vom Rand der Erde gefallen, jeglicher Halt ist verloren gegangen. Heute Morgen wachte ich auf mit Muskelkater vom stetigen Mahlen der Kiefer aufeinander. Auch jetzt noch sind sie fest zusammen gepresst wie im Krampf. Das Gefühl, stundenlang auf der Stelle zu sitzen, Tausende von Löchern in die Luft starren, der Oberkörper schaukelt vor und zurück, bis das Gefühl als falsch und vermeintliche Stunden als Minuten erkannt werden. Sinnlos durch die Wohnung laufen, Herzrasen, dann wie erstarrt dasitzen, starren – so verlief fast der ganze Tag. Zwischendurch zusammenreißen, irgendetwas tun, ablenken, bloß nicht mit mir selbst beschäftigen.