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darki & die Kakerlaken

 ·  ☕ 6 Minuten zum Lesen  ·  ✍ dark*

Als der Gedanke an eventuell vorhandenes Ungeziefer erstmals auftauchte, waren der Mietvertrag unterschrieben und die SchlĂŒssel bereits ĂŒbergeben. Blieb also nur die Hoffnung, die sich allerdings als Flop erweisen sollte.

Bevor wir unser Equipment dekorativ in der neuen Wohnung ĂŒber der BĂ€ckerei verteilten, inspizierten wir jeden Winkel auf das Genaueste, jedoch ohne irgendetwas VerdĂ€chtiges zu entdecken. So lebten wir einigermaßen beruhigt und vor allem allein im trauten Heim - volle drei Wochen lang.

An jenem legendĂ€ren Abend drei Wochen spĂ€ter ging ich in die KĂŒche und bemerkte einen lĂ€nglichen, ca. 1 cm großen Fleck auf dem Boden vor der SpĂŒle, der zuvor nicht da war. Das wusste ich genau. Als ich nĂ€her ging um zu gucken was das ist, lief der Fleck vor mir davon und versteckte sich unter der SpĂŒle. Nachdem die kalten Schauer von meinem RĂŒcken runter gelaufen waren, untersuchte ich den Kuechenboden eingehend nach Spuren, die auf die Herkunft des befußten Flecks deuteten. In einer Ecke fand ich einen kleinen Haufen HolzspĂ€ne vor. Verwundert hob ich den PVC-Boden an und entdeckte ein kleines Loch in den Holzdielen, umringt von weiteren, augenscheinlich frischen SpĂ€nen. Ich rief nach meinem Mann und prĂ€sentierte ihm das Ergebnis meiner Ermittlungen. Wir schmierten das Loch mit Silikon zu und fegten die SpĂ€ne weg. Der Fleck hatte sich leichtsinnigerweise noch einmal unter der Spuele hervorgewagt und wurde mit dem lokalen Wochenblatt erschlagen. Wir fĂŒhlten uns als Sieger - fĂŒr weitere zwei Wochen.

J. war zu Besuch. Wir saßen am Esstisch im Wohnzimmer, als sich eines dieser ekligen KĂ€fertiere zu uns gesellte, etwas unkonventionell indem es an der Wand hoch lief. Reaktionsschnell nahm ich mein leeres Glas und stĂŒlpte es ĂŒber das Tier. Ich schob eine Pappe darunter und stellte das selbstgebaute GefĂ€ngnis nebst Insasse zunĂ€chst auf die KĂŒchenfensterbank. Am nĂ€chsten Tag ging ich in die BĂ€ckerei zu unserer Vermieterin und berichtete ihr von den beiden VorfĂ€llen. Sie zeigte sich entsetzt, erzĂ€hlte mir, dass man regelmĂ€ĂŸig Gift gegen Ungeziefer sprĂŒhen wĂŒrde, entschuldigte sich mehrfach und gab mir eine Dose Blattanex mit. Ich probierte das Zeug sofort an meinem Fang vom Vorabend aus. Die Wirkung war enorm: Die eingesprĂŒhte Schabe schmiss sich sofort auf den RĂŒcken, zappelte kurz mit allen sechs Beinen sowie den FĂŒhlern und blieb dann regungslos liegen.

In der Folgezeit bekamen wir immer hĂ€ufiger unerwĂŒnschten Besuch der sechsbeinigen Art. Einmal kamen wir spĂ€tabends heim und wurden Zeugen eines Geburtsvorgangs in unserer SpĂŒle. Angesichts der Spezies, die da das Licht der Welt erblickte, verlor dieses Schauspiel der Natur alles Wundervolle. Dutzende millimetergroße KĂ€ferchen fanden bereits in den ersten Minuten ihres Lebens den schnellen Blattanex-Tod. Den Rest der Nacht scheuerte ich die SpĂŒle und putzte die ganze KĂŒche. Abschließend sprĂŒhte ich prophylaktisch alle Ecken ein.

Im Verlauf der nĂ€chsten Wochen spielte ich Insektenforscher. Die fĂŒr meine Experimente erforderlichen Objekte fing ich in diversen GlasgefĂ€ngnissen. Besonders schwierig war das nicht. Sie verloren immer mehr Hemmungen, wurden immer zutraulicher, liefen ĂŒberall herum. Ich hielt sie einzelnen, paarweise und in Gruppen auf den HĂ€ngeschrĂ€nken der EinbaukĂŒche. Ich prĂŒfte ihre Reaktionen auf Hitze und KĂ€lte, beobachtete ihre Vermehrung, zĂ€hlte ihre Nachkommen und verfolgte deren Wachstum, ich testet ihr Schwimmvermögen und ihre NikotinvertrĂ€glichkeit (sie vertragen es nicht, allerdings dauert der Sterbeprozess durch Nikotin ausgelöst wesentlich lĂ€nger als der Blattanex-Tod). Irgendwann wurden sie langweilig und ich brachte sie alle um.

Wenige Wochen spĂ€ter renovierten wir Flur und KĂŒche, zogen Holzdecken ein, pappten neue Tapeten an die WĂ€nde und verlegten Laminat. Bevor wir letzteres taten, fĂŒllten wir die RĂ€nder der alten Holzdielen, die unter dem PVC bzw. Teppich waren, mit Unmengen von Silikon. Nun mussten die Eindringlinge erst einmal ordentlich Kaugummi kauen, um in unsere Wohnung zu gelangen.

LĂ€ngere Zeit herrschte Ruhe. Bis wir aus einem fĂŒnftĂ€gigem Urlaub zurĂŒckkamen. Sie waren ĂŒberall, feierten Partys im Wohnzimmer, spielten Verstecken im Schlafzimmerschrank und tanzten munter auf der KĂŒcheneinrichtung. Wir sprĂŒhten was die Dose hergab und rissen sĂ€mtliche Fenster auf um nicht selbst auf dem RĂŒcken am Boden liegend ein letztes Mal mit den Beinen zu zucken. Angewidert gingen wir abends ins Bett, konnten kaum noch schlafen.

Es sollte noch schlimmer kommen. Die Heizung musste repariert werden. Der Monteur lĂ€chelte ĂŒber “die paar KĂ€fer” in unserer Wohnung (von denen wir berichteten, als man irgendwie darĂŒber ins GesprĂ€ch kam). “Im Heizungskeller sind Tausende!” Beruhigend war das nicht gerade. Wir ĂŒberzeugten uns selbst davon und schlichen uns nachts in den Keller. Was wir dort sahen ĂŒbertraf unsere schlimmsten Erwartungen: In der Ecke, in welcher der Heizkessel stand, war der Boden schwarz und bewegte sich. Überall krabbelte es. Abertausende der widerlichen Tiere tummelten sich in dem Raum, in dessen Mitte gerade zwei neugeborene Ratten neben dem Kadaver ihrer Mutter verreckten, offensichtlich an dem Rattengift, welches ĂŒberall im Keller ausgelegt war. Ich kann mich nicht erinnern, mich bereits einmal dermaßen geekelt zu haben.

Wir gingen am nÀchsten Tag sofort auf Wohnungssuche, wollten keinen Tag lÀnger als unbedingt nötig in dieser Wohnung bleiben. Immer hÀufiger hatten wir das Viehzeug in der Wohnung, der Blattanex-Verbrauch stieg stark an. Schnell hatten wir eine neue Wohnung gefunden, die wir aber noch renovieren mussten.

Als wir an einem Samstag Abend recht spĂ€t aus der neuen Wohnung zurĂŒck kamen, fanden wir neben den uns bestens bekannten und mit 1 cm LĂ€nge relativ kleinen, braunen KĂŒchenschaben eine von diesen fetten, schwarz glĂ€nzenden, ekligen, ĂŒber 2 cm langen Kakerlaken. Neben dem extrem hohen Ekel-Faktor war die Blattanex-Resistenz eine ihrer herausragendsten Eigenschaften. Wir inhaftierten auch diese in einem GlasgefĂ€ngnis, nachdem sie unser SprĂŒhen nur mit einem Schulterzucken quittierte bevor sie versuchte wegzurennen. Das Biest war verflucht schnell! Aber wir bekamen sie trotzdem. Eine weitere ihrer Art erledigten wir durch unmittelbares AnsprĂŒhen aus nĂ€chster Entfernung. Vermutlich ist sie eher vor Schreck gestorben als am Blattanex, aber egal, das Ziel war erreicht.

Ich ging duschen und als ich aus der Dusche stieg sah ich etwas ĂŒber den Flur rennen. Eindeutig zu groß um zur Familie unserer Untermieter zu gehören. Nackt wie ich war, folgte ich ihm ins Wohnzimmer, wo mein Mann dazustieß, der ebenfalls nackt war, weil er nach mir duschen wollte. Das verfolgte Etwas rannte quer durch den Raum und wir identifizierten es als Maus. Es folgte eine Ă€ußerst grotesk anmutende Szene: Zwei Nackte durchsuchten hektisch das Zimmer, rĂŒckten GegenstĂ€nde und Möbel zur Seite, die Couch von der Wand und knieten sich zwischendurch immer wieder auf den Boden, um unter den Möbeln zu suchen. Nach etwa 15 Minuten kletterte das Tier an der Raufasertapete zur Fensterbank hoch und von dort rettete es sich ĂŒber den Holzrahmen des gekippten Fensters nach draußen.

Am nÀchsten Tag rÀumten wir fluchtartig das Feld, sorgsam darauf achtend, dass sich kein ungebetener Untermieter in einem der Umzugskartons einschlich.

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