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Chemotherapie Part Six

 ·  ☕ 6 Minuten zum Lesen  ·  ✍ dark*

Allergiebedingt war fĂŒr die zweite Einheit vom Taxotere das Mittel von einem anderen Hersteller geplant. Das Ă€nderte allerdings nichts daran, dass ich Angst vor der Chemo hatte, Angst davor, wieder allergisch zu reagieren und diesmal vielleicht sogar schlimmer. Und die heftigen Nebenwirkungen haben mir den Gang zum 6. Chemo-Termin auch nicht gerade erleichtert. Schweren Herzens machte ich mich am Morgen des 9. September auf.

Zu spĂ€t wie immer, weil ich mich morgens nicht aufraffen konnte. Das wird mit jedem Mal schlimmer und ich weiß noch nicht, wie ich es an den nĂ€chsten beiden Terminen schaffen soll. Dann funktionierte das mit dem Port erst nicht so richtig, der Arzt meinte, mein Port sei verrutscht. Jedenfalls brannte es anfangs ziemlich und der Port musste ein zweites Mal angestochen werden. Und diesmal bekam ich nicht nur Taxotere, sondern auch Trastuzumab. Ich saß also wieder bis weit in die Mittagspause da. Am Morgen hatte ich mir noch eine Suppe mit selbstgemachten Griesnockerln vorbereitet. Die musste ich zum Mittagessen nur warm machen. Anschließend schlief ich ein und schlief zunĂ€chst bis zum Abendessen und dann bis zum nĂ€chsten Morgen durch. Ich war wirklich fertig.

In den folgenden Tagen spĂŒrte ich, wie mein Immunsystem aus allen GeschĂŒtzen gegen das Taxotere kĂ€mpfte. Ich hatte im Vorfeld mit dem Arzt abgesprochen, dass ich im Falle einer allergischen Reaktion wieder so lange Kortison und Fenistil nehmen sollte, bis diese wieder abgeklungen ist, was ich auch tat. Zwar fĂŒhlte ich mich schlapp und schwach, manchmal etwas schwindelig, aber wenigstens hatte ich Dank Kortison auch keine Nebenwirkungen der Chemo. Zumindest in der ersten Woche. Die allergische Reaktion ließ langsam nach, ich reduzierte das Kortison und setzte es ganz ab, Fenistil nahm ich noch ein paar Tage lĂ€nger.

Wie ĂŒblich nach der Chemo und bei der Kortison-Einnahme, streikte mein Verdauungssystem. Generell schwankt das seit Beginn der Chemotherapie immer zwischen Durchfall und Verstopfung, in den Tagen nach der Chemo bis zum Absetzen des Kortisons habe ich jedenfalls immer Verstopfung. Und da ich dieses Mal das Kortison so lange genommen habe, ist da einiges zusammengekommen. So saß ich Anfang letzter Woche auf der Keramik und hatte das GefĂŒhl, eine Melone auszuscheißen. Beim Abwischen bekam ich einen riesigen Schreck: Das Klopapier war Blut getrĂ€nkt! Die Toilette war voller Blut. Es sah aus, als hĂ€tte ich mir die Pulsadern aufgeschnitten. TatsĂ€chlich hatte ich mir wohl im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch aufgerissen. Mir war elend, ich fĂŒhlte mich sterbenskrank und legte mich ins Bett.

In den folgenden Stunden entzĂŒndete sich mein Darmausgang und wurde stark geschwollen und wund. Ich litt tagelang Höllenqualen, saß wimmernd und heulend auf der Toilette, immer darauf bedacht, dass das Fenster geschlossen ist, damit die Nachbarn mich nicht hören. Jeder Toilettengang, jedes Zucken des Schließmuskels war der blanke Horror, was sich zu einem Teufelskreis entwickelte. Denn das ZurĂŒckhalten verursachte nur grĂ¶ĂŸere Probleme, Schmerzen und Schreien. Selbst Pinkeln war eine Tortur und auch beim Laufen hatte ich höllische Schmerzen. Sitzen ging auch nicht so gut und sogar im Liegen tat es noch weh. Vom Arzt hatte ich nach der zweiten oder dritten Chemo bei Ă€hnlichen Problemen eine Kortison-Salbe fĂŒr den After bekommen. Die half aber jetzt ĂŒberhaupt nicht. WĂ€hrend dieser Tage fĂŒhlte ich mich so krank, dass ich den ganzen Tag fast nur im Bett lag und kaum in der Lage war aufzustehen. Mein Kreislauf war im Keller, ich war schlapp und schwach. Ich war nicht einmal in der Lage, fĂŒr meinen LebensabschnittsgefĂ€hrten mittags das Essen zu machen. Nach drei Tagen dann der Geistesblitz: Ich ließ mir Penaten-Creme mitbringen, die endlich Linderung brachte. Ganz ausgeheilt ist das aber bis jetzt noch nicht.

Seit ich kein Kortison mehr nehme, machen mir auch wieder die Schmerzen in den Knochen, den Gelenken und den Fingerkuppen zu schaffen. Teilweise Ă€ußern diese sich in stechenden RĂŒckenschmerzen, dann tun wieder die Unterschenkel höllisch weh. Oft schmerzen die Fußsohlen und/oder Fußgelenke so sehr, dass ich kaum laufen kann und ganz merkwĂŒrdig durch die Wohnung eiere. Meist allerdings nur die ersten Schritte, als wĂŒrde ich mich „einlaufen“. Manchmal tun die Zehen weh, als wĂ€re jemand drĂŒber gefahren, manchmal fĂŒhlen sie sich an, als wĂŒrde man mir die ZehennĂ€gel ohne BetĂ€ubung ziehen.

Manche Fingerkuppen sind wieder taub und ganz hart wie mit Hornhaut ĂŒberzogen. Aber dieses Mal creme ich so intensiv mit EUBOS 5 % UREA HANDCREME ein, dass sich bisher nur an einer Stelle (rechter Daumen) ein wenig Haut löst. Außerdem versuche ich, die HĂ€nde so wenig wie möglich nass zu machen bzw. benutze Handschuhe, wann immer es geht. Es fĂŒhlt sich auch sehr unangenehm an den Fingerkuppen an, wenn die HĂ€nde in Wasser getaucht sind, als wĂŒrde sich die Haut sofort ablösen. Auch die FingernĂ€gel fĂŒhlen sich an, als wĂŒrden sie sich weiter vom Nagelbett lösen, wovor ich immer noch große Angst habe.

Haut_geroetet

An manchen Stellen ist die Haut trotz stĂ€ndigen Eincremens gerötet und schmerzt fĂŒrchterlich, wenn ich die HĂ€nde wasche.

Ich habe hĂ€ufig Kopfschmerzen und mir wird oft nach dem Essen ĂŒbel. Ich schlafe sehr schlecht, selten durch und insgesamt viel zu wenig. Meine Haare fallen auch weiter aus. Die Körperbehaarung ist vollstĂ€ndig verschwunden, die Augenbrauen sind stark ausgedĂŒnnt. Meine HĂ€nde zittern die meiste Zeit sehr stark, allerdings lĂ€sst auch das in dem 3-Wochen-Zyklus ein wenig nach. Mein rechtes Auge zuckt, manchmal den ganzen Tag ununterbrochen. Das macht einen wahnsinnig. Anfangs war auch der TrĂ€nenkanal vom rechten Auge geschwollen, das ist aber wenigstens wieder weg. Wortfindungsstörungen und Satzbauprobleme sind an der Tagesordnung.

Ich habe wenig bis gar keine Lust, das Haus zu verlassen. Zwischendurch ging es mir so ĂŒbel, dass ich ganze 10 Tage lang nicht einen Schritt vor die TĂŒr gemacht habe. Und seither war ich auch erst zweimal draußen unterwegs. Dabei fĂ€llt mir teilweise das Laufen schwer und ich muss mich wirklich darauf konzentrieren, einen Schritt vor den anderen zu machen, irgendwie machen die Beine das nicht mehr ganz so flĂŒssig von selbst. Das ist furchtbar anstrengend.

Meine nervliche Belastbarkeit ist nahe Null. Oft bin ich ohne erkennbaren Grund schlecht gelaunt, was mir selbst vermutlich am meisten auf die Nerven geht. Generell bin ich sehr ungeduldig und schnell ungehalten.

Wenn ich in den Spiegel schaue, könnte ich kotzen (heule aber meistens). Ich bin um mindestens 10 Jahre gealtert. Vermutlich wĂŒrde heute keiner mehr zu mir sagen, ich sei ja noch so jung. Und zu all dem bin ich auch noch depressiv und ich habe die Schnauze mehr als voll von dem ganzen Scheißdreck. Die stĂ€ndige Heulerei geht mir ebenfalls auf die Nerven. Aber ich bin so fertig, ich habe schon gar keine Worte mehr dafĂŒr. StĂ€ndig denke ich, ich kann nicht mehr, ich packe das nicht mehr. Ich bin am Ende.

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