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Tranquility

 ·  ☕ 4 Minuten zum Lesen  ·  ✍ dark*

Seit drei Wochen nehme ich nun schon Tranquilizer, 50 mg Tetrazepam jeden Abend, damit ich nachts schlafen kann. Verordnet bekomme ich sie als Muskelrelaxans aufgrund eines Bandscheibenvorfalls in der HalswirbelsÀule. Einzelheiten dazu in einem spÀteren Beitrag, wenn ich meine Notizen sortiert habe. Dies wird jedoch immer schwieriger und nicht ganz unschuldig daran ist das Tetrazepam. In der Packungsbeilage steht:

GedÀchtnisstörungen

Wie auch andere Benzodiazepime kann Tetrazepam, vor allem bei höherer Dosierung, zeitlich begrenzte GedĂ€chtnislĂŒcken verursachen. Das bedeutet, dass (meist einige Stunden) nach Medikamenteneinname unter UmstĂ€nden Handlungen ausgefĂŒhrt werden, an die Sie sich spĂ€ter nicht erinnern können.

Sowas fehlte mir gerade noch! Als ohnehin stĂ€ndig verpeilter, liebenswerter aber tendenziell lebensunfĂ€higer Chaot fand ich es schon schlimm genug, stĂ€ndig Dinge zu tun ohne zu wissen, was ich da eigentlich mache und ob mein Handeln seine Richtigkeit hat. Und nun weiß ich nicht einmal, dass ich es ĂŒberhaupt mache. Toll.

In den Morgenstunden, die bei mir im Schnitt zwischen 4:00 h und 6:00 h beginnen, merke ich diese Nebenwirkung am deutlichsten - sofern ich ĂŒberhaupt etwas merke.

StĂ€ndig suche ich meine Kaffeetasse. Auch weiß ich nicht, ob sie voll oder leer ist, ob ich mir bereits Kaffee gemacht habe oder ihn noch machen muss. Ich schalte die Senseo ein und finde dann den vollen Kaffeebecher auf der KĂŒchenzeile. Der Kaffee schmeckt scheußlich, weil ich die Milch vergessen habe. Die Tasse lĂ€uft ĂŒber, weil ich gerade zum zweiten Mal Milch in den Kaffee schĂŒtte. Ich trinke gefĂ€rbtes Wasser, weil ich vergaß, das Pad zu wechseln.

Ich renne auf Toilette, um dort festzustellen, dass ich gar nicht muss. Offenbar war ich gerade, was ich aber vergessen habe, wÀhrend mein GedÀchtnis mir suggeriert, dass ich doch zur Toilette gehen wollte.

Habe ich den Kater gefĂŒttert? Ihn zu fragen hat wenig Sinn, weil der immer Hunger hat und notfalls auch drei Portionen verschlingt als hĂ€tte er seit Wochen nichts bekommen. Ich möchte nicht wissen, wie oft er in den letzten drei Wochen zweimal tĂ€glich FrĂŒhstĂŒck bekommen hat. Auffallend ist jedenfalls, dass er entgegen sonstiger Gewohnheiten sehr anhĂ€nglich ist in letzter Zeit. Hm.

Der Aschenbecher auf dem Balkon quillt ĂŒber, die Zigarette schmeckt so scheußlich wie Zigaretten eben schmecken, wenn man zuviel geraucht hat. Anscheinend war ich gerade erst eine rauchen, ich weiß es nicht.

Konfus laufe ich in der Wohnung herum und weiß nicht mehr, wohin ich wollte oder was ich tun wollte. Ich finde GegenstĂ€nde irgendwo abgelegt und habe keine Ahnung, wie sie dort gelandet sind. Wieso lĂ€uft die SpĂŒlmaschine nicht, ich wollte sie doch einschalten. Was ist das fĂŒr ein GerĂ€usch? Ach ja, die SpĂŒlmaschine lĂ€uft. Habe ich meine Beta-Blocker eigentlich schon genommen?

Du lieber Himmel, lass den Tag bloß schnell vorbei gehen!

Dummerweise ist mir auch mein ohnehin eher schwach ausgeprĂ€gtes ZeitgefĂŒhl völlig abhanden gekommen. Ich weiß oft nicht mehr, ob etwas heute, gestern oder letzte Woche gewesen ist. Mit detailiertem Kleinkram wie Stunden und Minuten gebe ich mich gar nicht mehr ab, da helfen eh nur Messinstrumente wie Uhren und Wecker.

Hinzu kommen SprachausfĂ€lle. StĂ€ndig fehlen mir Wörter oder Namen. Das macht Konversationen bisweilen etwas mĂŒhselig. Aber da diese ohnehin auf ein Minimum reduziert sind, ich bin ja krankgeschrieben und nur zuhause, fĂ€llt das nicht allzu sehr ins Gewicht.

Im Laufe des Tages bessert sich das Ganze etwas - zum Leidwesen des Katers (Abendessen gibt es definitv nur einmal) und zur Freude meiner Tochter, die zurzeit öfter als sonst entnervt die Augen verdreht und mich als etwas anstrengend empfindet.

Wenn ich abends zu Bett gehe, was in der Regel zwischen 20:00 h und 21:00 h geschieht, nehme ich die nĂ€chste Tablette. Nach ca. 15 Minuten spĂŒre ich die Wirkung: Die Muskeln entspannen (Aber sowas von!) ich werde mĂŒde und kuschle mich an Morpheus vorbei in Hypnos Arme in traumlosen, aber Ă€ußerst erholsamen Schlaf, um morgens ausgeschlafen und gut gelaut, nur leider völlig neben der Spur wieder aufzuwachen.

Das Medikament hilft, keine Frage. Zuvor waren die NĂ€chste ein Albtraum, der morgens extrem schmerzhaft, völlig verspannt und entsprechend schlecht gelaunt nur aufhörte, um in einen ebensolchen nicht enden wollenden Tagalbtraum ĂŒberzugehen. Das sind keine guten Voraussetzungen, um das Hardware-Problem in den Griff zu bekommen. Dann nehme ich lieber in Kauf, mich wie eine tĂŒddelige Oma zu fĂŒhlen, was ich noch mit Fassung und Humor trage. Das wird schließlich kein Dauerzustand. Hoffentlich.

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dark*
don't expect a bright light