Diese Seite sieht mit aktiviertem JavaScript am Besten aus

Eine Herzensangelegenheit

 ·  ☕ 4 Minuten zum Lesen  ·  ✍ dark*

Ich weiß nicht mehr genau, wann es anfing, vielleicht schon vor mehreren Jahren. Ich erinnere mich an eine Situation irgendwann nach der Chemo, als ich im BĂŒro beilĂ€ufig erwĂ€hnte, dass ich neben anderen Gebrechen als Überbleibsel der Chemo auch ab und zu Herzrasen habe.

Allerdings traten sie seinerzeit eher selten auf und wurden noch seltener ernst genommen. “Das sind die Wechseljahre” und Ă€hnliches bekommt man dann schnell zu hören. Die Wechseljahre waren es seinerzeit definitiv nicht, die sind nĂ€mlich keine reine GefĂŒhlslage, sondern messbar, weswegen ich sie zu diesem Zeitpunkt nicht nur altersmĂ€ĂŸig ausschließen konnte. “Meinst du?” war alles, was ich erwiderte, ich hatte keine Lust auf Diskussion.

Zwischendurch geriet dieses Herzrasen in Vergessenheit, bis es letztes Jahr sich so in den Vordergrund drĂ€ngelte, dass es nicht mehr zu ignorieren war. Stress privat und auf der Arbeit machte ich dafĂŒr verantwortlich. Nach unserem (grandiosen!) Norwegen-Aufenthalt im vergangenen Sommer war das Problem nicht mehr zu ignorieren.

Ich saß am Esstisch, nichts tuend. Plötzlich fing das Herz an zu rasen und der Puls ging auf fast 120. Stramme Leistung fĂŒr einen Ruhepuls. Das muss ungefĂ€hr die Zeit gewesen sein, als ich den Entschluss endgĂŒltig fasste und kurz darauf meine KĂŒndigung schrieb. Danach beruhigten sich meine Nerven und mein Herz. Die Probleme ließen langsam nach.

Als wir im Mai auf Usedom waren, dĂ€ngelte sich ein Problem in den Vordergrund, das ich bis dahin recht erfolgreich ignoriert hatte: Mein Herz stolperte von Zeit zu Zeit vor sich hin. Das fĂŒhlte sich nicht bedrohlich an, eher lĂ€stig. Und stets war der Gedanke da, dass es nicht normal ist, seinen eigenen Herzschlag zu spĂŒren. Im Mai auf Usedom dann wurde dieses Problem durch Kopfsteinpflaster ausgelöst. Wir radelten auf einer Kopfsteinpflasterstraße und ich musste irgendwann vom Fahrrad absteigen, weil mein Herz verrĂŒckt spielte und schlug wieder verrĂŒckt - viel zu stark und außerdem ziemlich taktlos.

Ich dachte mir, ich sollte vielleicht mal einen Kardiologen aufsuchen bei Gelegenheit. ich ĂŒberlegte sogar, den DarmstĂ€dter Kardiologen aufzusuchen, der mich seinerzeit im Rahmen der Chemotherapie untersucht hatte. Als Zeitpunkt dafĂŒr fasste ich September ins Auge, wenn der Herr LebensabschnittsgefĂ€hrte wegen einer beruflichen Veranstaltung nach SĂŒdhessen reisen musste.

Dann kam die Infektion nach dem Ärzte-Konzert, von der ich hier im Blog berichtet hatte. Dieser Infekt hat mein Herz völlig aus dem Takt gebracht, in der Folgezeit hatte ich stĂ€ndig Probleme. Nun ist das ja nichts Ungewöhnliches bei einer Virusinfektion. Aber dennoch bereitete mir dies genug Sorge, um den Gedanken zu fassen, das doch wirklich mal untersuchen zu lassen.

Mitte Juli war es, als ich auf dem Sofa saß, nichts Aufregenderes tuend als auf meinem Smartphone eine Runde SolitĂ€r zu spielen. Wer kennt sie nicht, die Spannung, die beim SolitĂ€r entsteht, so dass die Pumpe völlig aus dem Takt gerĂ€t … Und es hörte ĂŒberhaupt nicht mehr auf. Die bisherigen AnfĂ€lle waren stets kurzer Natur, zwei bis drei SchlĂ€ge spĂŒrte ich, ein kurzes Stolpern oder Blubbern, dann ging es wieder. Aber diesmal war es auch nach einer Minute noch nicht vorbei. Ich schleppte mich ins Arbeitszimmer. “Schatz, ich muss zum Arzt.”

Dort angekommen wurde mir schwindelig. “Mir ist schwindelig. Ich setz mich mal kurz hin”, sagte ich zur Schwester an der Anmeldung. Helle Aufregung in der Praxis und die Aufforderung an mich, direkt in einen der RĂ€ume zu gehen und mich auf die Liege zu legen. Der Raum war jener, in dem EKGs gemacht und Blut abgenommen wurde. Und das tat man jetzt auch mit mir. Im EKG gab es nichts AuffĂ€lliges, ich wurde vorsichtshalber zum Langzeit-EKG einbestellt, Termin etwa drei Wochen spĂ€ter.

Ein Langzeit-EKG ist erstmal nur lĂ€stig. Und dann stellt sich die Frage, was man sich nun wĂŒnschen soll: Dass nichts gefunden wird und man als Hypochonder dasteht oder dass etwas gefunden wird und man dann wohl “etwas am Herzen” hat … Zwei Wochen spĂ€ter war Besprechungstermin. Ergebnis: VetrikulĂ€rer Bigeminus, ExtraschlĂ€ge des Herzens. Kommt bei jedem Menschen vor, merkt man aber normalerweise nicht. Wenn man’s merkt, kann’s ein Problem sein/werden. Also vorsichtshalber zum Kardiologen zum AbklĂ€ren.

Gestern war ich also beim Kardiologen. Anamnese, EKG, GesprĂ€ch, Ultraschall. Der Doktor guckt ganz genau “auch in den Ecken”, findet aber nichts. Kann vom Stress kommen, meint er, kann aber auch ein Kaliummangel sein. Da viele Patienten problemfrei sind, wenn sie Kalium zufĂŒhren, hat er mir Tromcardin complex aufgeschrieben, soll ich mal probieren. Und ich soll Stress abbauen.

Da ist es wieder, dieses “Sei doch mal ein bisschen außerirdischer!”

Aber wenigstens macht die Pumpe - vorerst - nicht schlapp.

Teile auf

dark*
geschrieben von
dark*
...