Der Tag X

Heute

Immer wieder gibt es Auslöser, die mich an meinen Tag X erinnern. Manche davon werden in loser Reihenfolge hier veröffentlicht.


Da fliegt Asche vorbei!

"Hier grillt jemand." Eigentlich roch es mehr, als würde jemand ein Lagerfeuer im Hof anzünden. So stellte das darkinchen eine Minute später dann auch klar, daß das kein Grillgeruch ist. Sie blickte aus dem Fenster: "Da fliegt Asche vorbei!" Oh nein! Und in der Küche roch es, als würde Holz verbrennen! Ich erwähnte es noch nicht, aber bei uns im Haus ist das Treppenhaus aus Holz und im Erdgeschoß befindet sich eine Antiquitätenhandlung mit Werkstatt im Anbau. Sofort riß ich das Küchenfenster ganz auf und schaute raus, ob vielleicht die Werkstatt brennen würde, konnte aber nichts erkennen. Meine Tochter wollte ins Treppenhaus, schloß aber sofort wieder die Tür und schrie, daß im Treppenhaus Rauch sei. Sie wollte die Feuerwehr rufen, Schuhe anziehen und die Nachbarn informieren. Ach du Scheiße! Ich ging ebenfalls ins Treppenhaus, sah durchs Geländer nach unten und stellte fest, daß die eher geringe Rauchentwicklung nur bei uns oben zu sehen war, in den unteren Etagen war die Luft klar. "Moment, warte mal. Das kommt nicht hier aus dem Haus, das kommt von draußen!" Es war sinnlos, bei der Feuerwehr anzurufen, so lange wir nicht wußten, woher der Rauch kam. Meine Knie waren weich wie Pudding, ich zitterte am ganzen Körper. Dieser beschißene Brandgeruch, immer und immer wieder, es hört nie auf ...

Meine Tochter hatte mittlerweile Schuhe angezogen und rannte im Treppenhaus nach unten. Dort traf sie auf die junge Frau, die zurzeit den Ladeninhaber des Antiquitätengeschäfts vertritt. Sie und der andere Angestellt waren bereits auf dem Weg in die Werkstatt, um herauszufinden, ob von dort der Brandgeruch käme. Das darkinchen rannte auf die andere Straßenseite, um nachzusehen, ob eines der Nachbarhäuser betroffen war. Sie sah eine Rauchwolke hinter der Häuserzeile an der nahegelegenen Hauptverkehrrßtraße emporsteigen, also weit außerhalb unseres Gefahrenbereichs. Wenigstens eine gute Nachricht! Aber keiner von uns konnte jetzt in Ruhe zuhause sitzen bleiben und zur Tagesordnung übergehen. Wir mußten wißen, was paßiert ist, wie schlimm es ist, wir mußten nachsehen. Obwohl der Anblick einer brennenden Wohnung für uns immer noch der absolute Horror ist, als wäre das alles erst gestern paßiert, können wir nicht anders, als jedes Mal selbst nachzuschauen, was Sache ist. Ein Zwang, der sich nicht abstellen läßt.

Brand auf dem Parkplatz In diesem Fall war er sogar gut. Denn tatsächlich war weder eine Wohnung noch ein Büro betroffen, diesmal brannten ein Auto sowie die Bäume und Sträucher, die in den letzten Wochen kaum Waßer gesehen hatten, auf dem daneben gelegenen Grünstreifen. Es war nicht zu erkennen, was zuerst gebrannt hatte. Laut Zeitungsbericht am nächsten Morgen war die Brandursache auch unklar.

August 2013


Brandstiftung

Brandgeruch als wir zum Arzt gingen. So fürchterlich. Und genau gegenüber von der Eingangstür zur Arztpraxis die halb verkohlte Eingangstür des Büros. Plötzlich ist es klar, der Zeitungsartikel mit dem Bürobrand bei uns in der Straße. Einbrecher hatten das Großraumbüro angezundet. Es handelt sich um eine Zeitarbeitfirma. Seltsames Verhalten, vielleicht ein ehemaliger Mitarbeiter oder so. Aber alles nur Spekulation, die Gedanken kreisen halt um diesen Geruch, diesen Anblick und wieder das Gefühl, daß es einen einfach nicht losläßt. Juni 2013


Gänsehaut

Es hört wohl wirklich nie auf. Natürlich führen wir ein ganz normales Leben, lediglich kurzzeitig unterbrochen durch die gelegentlichen Trigger. Ich weiß nicht, wie oft meine Tochter und ich, wenn wir auf dem Heimweg die Martinshörner eines Löschzuges hören, unwillkürlich schneller werden. Manchmal sind es "nur" RTW, Krankenwagen und Polizei, die eine kurze Anspannung auslösen, die sich mit dem Erkennen wieder legt. Wir brauchen nicht darüber zu sprechen, wir brauchen nicht einmal Blickkontakt, in solchen Momenten sind Denken und Fühlen gleich.

Wirklich schlimm ist es nach wie vor in den seltenen Momenten, in denen ein Löschzug an mir vorbeirauscht. Verharren, wie gelähmt, die Fahrzeuge reißen mich mit in einen Gedankensumpf, plötzlich ist alles wieder da. Anstrengend, dort wieder heraus zu kommen.

Juli 2009


Immer wieder

Mehr oder weniger regelmäßig brennt es in meiner Nachbarschaft: In Berlin drei Brände, einer schräg gegenüber meiner Wohnung, die beiden anderen auf dem fast täglichen Weg zum Supermarkt. Seit etwas mehr als einem Jahr wohnen wir jetzt wieder in Krefeld. In dieser Zeit hat es nun schon zum zweiten Mal ganz in der Nähe gebrannt. Nah genug um den Rauch zu sehen und zu riechen, die Flammen aufsteigen zu sehen und den Löschzug der Feuerwehr sehen zu müssen. Das alles setzt die Erinnerungen wieder in Gang. Hört das nie auf?

November 2005


Wiederkehrender Alptraum

Schatzi und ihr Vater sind da und wir sitzen im Wohnzimmer, als die ältere Dame, die diese Bezeichnung gar nicht verdient hat, die Treppe herunter kommt, durch mein Wohnzimmer geht und das Haus verlässt. Der Vater schaut mich fragend an, aber ich verstehe es selbst nicht.

Ich gehe mit der Frau ins Schlafzimmer, wo das Bett meiner Großeltern steht. Wie selbstverständlich legt sie sich auf Großvaters Seite, nimmt den Aschenbecher vom Kopfteil des Bettes und zündet sich ungeschickt eine Zigarette an. Ich versuche ihr deutlich zu machen, wie unverschämt es ist, ungefragt mein Wohnzimmer zu betreten. Sie wälzt ihren ekligen, fetten, unförmigen, faltigen, in Dessous verpackten Körper in meinem Wasserbett und schmeißt mir die brennende Zigarettenschachtel zu. Ordinär grinst sie mich aus dem viel zu stark geschminkten Gesicht an: "Ich kann hier machen was ich will, Schätzchen! Mir gehört hier alles!" Ihre raue Whiskey-Stimme ist genauso eklig wie ihr Körper.

Wir sind auf dem Balkon, der eigentlich das Garagendach ist, und blicken auf den Flachbau gegenüber. Plötzlich kommt meine Tochter schreiend und weinend herausgerannt. Rauch quillt aus dem Schlafzimmerfenster.

Ich renne los, durch den Garten, in dem ich mich befinde, um zu retten, was eh nicht mehr zu retten ist. Ich renne und renne, komme aber nicht von der Stelle, mein Herz rast, die Luft ist heiß und klebrig, brennt in den Lungen. Die Augen tränen vom Rauch, der überall in der Luft ist. Blind habe ich das Gefühl zu ersticken und die Frau lacht dreckig hinter mir.

Juni 2002


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