Time warp
- 19.05.2011:
Where are you?
19.05.2005:
Entmündigung
19.05.2005:
Sie haben Post
19.05.2005:
Demokratie-Extremismus
19.05.2004:
Missverständnis?
19.05.2003:
E-Mail
19.05.2001:
Was sind richtige Männer?
Jahresarchive: 2004
New Year’s Eve
Die meisten Menschen feiern am heutigen Tage. Obwohl mir nie so ganz klar war, was es da zu feiern gibt. Ich fand Silvester immer schon beschissen. Als Kind hat mir lediglich die Tatsache gefallen, dass man lange aufbleiben darf und zu später Stunde die Erwachsenen so besoffen waren, dass es sie nicht mehr interessiert hat, ob man mit ungeputzten Zähnen ins Bett geht. Aber sonst? Ok, Feuerwerk ist schön anzuschauen, selbst anzünden mag ich die Knaller und Raketen aber nicht.
Wie dem auch sei, dieses Jahr bin ich jedenfalls alleine, nur der Kater leistet mir Gesellschaft. Momentan ist er im Wohnzimmer und kontrolliert, was dort eben so laut geknallt hat. Ansonsten staunt er den ganzen Abend schon über meine etwas merkwürdig anmutende Freizeitgestaltung. Aber dazu später.
Mein Schatzi und mein Mitbewohner sind auf irgendwelchen Partys unterwegs und übernachten auswärts. Ein Abend für mich ganz alleine! Aber was fange ich mit der Zeit an?
Ich könnte den Brenner und die Netzwerkkarte in meinen PC einbauen, was ich schon seit ein paar Tagen vorhabe. Aber Gehäuse aufschrauben, Teile einbauen, Treiber und Software installieren – schon bei dem Gedanken vergeht mir die Lust. Also verschiebe ich das auf demnächst.
Schon seit Monaten habe ich vor, ein eigenes Gästebuch zu basteln. Die Gelegenheit wäre günstig, heute Abend stört mich garantiert keiner. Aber auch dazu muss ich zunächst einen Editor installieren, wozu ich wiederum keinen Bock habe. Ebenfalls auf demnächst verschoben.
Ich schmeiße erst einmal eine CD ins Laufwerk, höre Eminem und esse Weihnachtsplätzchen zum Abendessen. In der zweiten Etage sitzt ebenfalls jemand am Computer. Offensichtlich bin ich nicht die einzige, die mit Silvester nicht viel am Hut hat. Der junge Mann ist übrigens der Hauptgrund dafür, dass vor meinen Fenstern Rollos angebracht sind, weil er mir sonst nämlich genau aufs Bett gucken kann, wenn er am PC sitzt. Auf den Straßen ist überhaupt nichts los, außer dem Mann am Computer (Wo ist eigentlich seine Frau?) und mir scheint die Stadt wie ausgestorben. Aber irgendwer muss ja die ganzen Böller anzünden, die man seit nachmittags verstärkt hört.
Nach dem Abendessen überlege ich, ob ich nicht die Fenster putzen soll. Teilweise kann man kaum noch rausschauen. Manchmal putze ich ganz gerne, bin dann völlig in meine eigene Welt versunken, kann die Gedanken ihren Gang nehmen und die Seele baumeln lassen. Putzen kann sehr entspannend sein. Fenster putzen bedeutet allerdings auch, die Welt da draußen wahrzunehmen, wonach mir überhaupt nicht der Sinn steht. Ich mache die Musik lauter, setze mein Basecap auf, ein dunkelblaues von Kinderschokolade, über dem Schrim steht “Cheffe”. Verkehrtherum setze ich es auf und ziehe ein paar der strohblonden Haare durch die Öffnung, die bei den Dingern bauartbedingt auf der Rückseite ist. Dann geht es auf Photo-Safari durch die Wohnung.
They say im crazy
I really don’t care
That”s my Prerogative
Eine Sicherung muss durchgeknallt sein, denn plötzlich verspüre ich den Wunsch, Britney Spears zu hören.
Everybody’s talking all this stuff about me
Why don’t they just let me live
I don’t need permission
Make my own decisions
That’s my prerogative
Und hier ist die Stelle, an welcher der Kater zu staunen beginnt. Wenn er es könnte, hätte er sich vermutlich laut lachend auf den Boden geschmissen und den Bauch gehalten. Schließlich sieht er mich nicht jeden Tag in Trainingshose, Wollsocken, Basecap und Kapuzenpulli, unter dem das T-Shirt rausguckt, singend durch unser Wohnzimmer tanzen. Nach fünf Liedern habe ich genug vom Tanzen. Und von Britney Spears.
Ich muss mich kurz fassen, gleich ist es 12 Uhr. Wie den ganzen Abend schon, so auch während des Schreibens immer wieder diese Phasen, in denen ich nichts anderes tue, als Löcher in die Luft zu starren, die Gedanken machen sich selbstständig. Aber ich weigere mich, das alles hier niederzuschreiben. Das geht keinen was an. Manchmal nicht einmal mich.
Jedenfalls habe ich es nach meiner Tanzeinlage vorgezogen, lieber von Eminem begleitet rappend durch die Wohnung zu laufen, mit mir selbst in Einklang. Oder mich selbst verdrängend? Wohl beides, je nach dem, welches Ego die Szene betrachtet. Zwischendurch immer wieder zurück zum Computer blieb ich irgendwann bei Amazon.de hängen. Teuflisch. Am Dienstag müsste mein neuer MP3-Player eintreffen und etwa eine Woche später der RAM-Riegel und die SD-Speicherkarte. Man gönnt sich ja sonst nix.
Jetzt kann ich beruhigt ins Bett gehen, mit dem Kater, der in letzter Zeit immer unter meiner Decke schläft, in meinen Arm gekuschelt. Es ist fünf vor 12.
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Der letzte Verrückte in diesem Jahr
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Kaninchen
Dieses Jahr gibt es zu Weihnachten ein Kaninchen bei uns. Aber bevor jetzt die Tierschützer auf den Plan gerufen werden von wegen Tiere unterm Weihnachtsbaum und so: Es ist schon tot. Momentan liegt es im Kühlschrank und wartet darauf, durch ein Meer von Buttermilch zu seiner letzten Reise in den Backofen antreten zu dürfen. Lecker!
Bei meinen Großeltern gab es früher auch oft Kaninchen als Weihnachtsessen. Und irgendwann sogar lebendige, in Ställen im Schuppen, wo sie sich im wahrsten Sinne des Wortes wie die Kaninchen vermehrten. Die waren so süß! Ich verwöhnte sie regelmäßig mit frischen Möhren aus dem Garten, streichelte sie, schmuste mit ihnen, ließ sie auf dem Rasen frei laufen und gab ihnen sogar Namen. Als mein Großvater eines Tages mit blutigen Händen aus dem Schuppen kam, wurde mir schlagartig und ziemlich brutal klar, dass diese Tiere nicht zu meinem persönlichen Vergnügen angeschafft wurden. Zwar hatten sie mir das vorher oft genug gesagt, aber da meine Großmutter nicht einmal widerliche Spinnen tötete, sondern diese einsammelte und in den Garten zurückbeförderte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie zu einem solch grausamen Mord tatsächlich fähig sein sollten. Selbstredend habe ich an Weihnachten gehungert.
Als ich 13 Jahre alt war, bekamen wir von einer Bekannten ein Zwergkaninchen geschenkt. Ein graues – den Namen habe ich leider vergessen. Kurz darauf bekamen wir eine kleine Katze, die anfangs so winzig war, dass sie auf meiner Hand schlafen konnte. Es war lustig anzusehen, wie anfangs die Katze vor dem Kaninchen weggelaufen ist, bis sie etwa genauso groß war und der Spieß sich langsam wendete. Aber ernsthaft verletzt haben die beiden sich nie. Oft schliefen sie aneinandergekuschelt. Ein wirklich niedliches Duo. Das Kaninchen hatte einen wunderschönen Stall, der aus einem buntlackierten Holzhaus mit dazugehörigem Vorgarten bestand. Haus und Garten waren durch kleine Haken miteinander verbunden. Irgendwann im Sommer, der Stall stand bei meinen Großeltern, wo mein Bruder mittlerweile wieder wohnte, auf der Terasse, schloss mein Bruder diese Haken nicht richtig und das graue Kaninchen war weg.
1997 trat Moppel in unser Leben. Meine Tochter, die damals mit ihrem Vater zusammen lebte, wünschte sich ein Kaninchen, was wir jedoch beide ablehnten. Allerdings hatten wir nicht mit der damaligen Freundin von Schatzis Vater gerechnet, die sich über unsere Entscheidung hinwegsetze und irgendwann mit einem schwarz-weißen, ziemlich fusseligen und zerrupften Kaninchen angeschleppt kam. Sie arbeitete in einer Tierhandlung und brachte dieses Tier angeblich nur mit, weil es krank sei und gesund gepflegt werden müsse. Als wir alle gemeinsam in das Haus einzogen, in dem es später brannte, landete Moppel in meiner Wohnung, weil sich sonst niemand darum kümmerte. Später wurde er ein Opfer der Umstände, als der (zwischenzeitlich Ex-) Freundin einfiel, dass sie den Käfig benötigte und selbigen einfach aus dem Schuppen entwendete, wo er für Gartenaufenthalte deponiert war (für die Wohnung hatte ich zwischenzeitlich einen größeren gekauft). Dabei vergaß sie völlig, dass sie das Kaninchen meiner Tochter geschenkt hatte, behauptete steif und fest einen Anspruch auf den Käfig zu haben, weil selbiger nebst Kaninchen schließ ihr gehöre. Kuzerhand schnappte ich mir Moppel und drückte ihn der Exfreundin in die Hand. Sollte sie doch sehen, wie sie damit fertig wurde.
Um meine Tochter zu trösten, musste Ersatz her. Und so kam eines Tages Yoshi in Form eines Ostergeschenks meiner Schwägerin daher. Yoshi war noch sehr jung, kaum größer als ein Brötchen und extrem süß. Um die optimale Pflege und Betreuung zu gewährleisten, wohnte Yoshi – wie zuvor auch Moppel – in meiner Wohnung. Gleichzeitig bekam er im Garten ein Freigehege für den Sommer. In seinen Käfig musste er nur nachts oder wenn er allein gelassen wurde. Abends, während ich TV guckte oder Playstation spielte, schlief er auf meinem Schoß; tagsüber rannte er mir wie ein kleiner Hund hinterher. Kabel hat er nie angeknabbert, dafür aber fast alles gefressen, was er gefunden hat: Neben dem üblichen Kaninchenfutter und Grünzeug natürlich auch Süßigkeiten aller Art und sogar Wurst und Käse. Einmal beobachtete ich ihn, wie er an einem Kotlettknochen rumnagte, den der Kater liegen gelassen hatte. Der Kater sah übrigens weder in Moppel noch in Yoshi eine Beute. Es kam sogar vor, dass er in den Käfig kletterte, wenn dieser offenstand, und sich dort zum schlafen zusammenrollte.
Am 6. August 2000 wurde Yoshi Opfer des Wohnungsbrandes. Er war nicht einmal ein halbes Jahr alt. Wir begruben die Leiche im Garten und bastelten ein Holzkreuz, auf dem das Bild, welches hier zu sehen ist, befestigt wurde. Ich trug den kalten Körper in den Garten, wobei ich ihn die ganze Zeit streichelte. Er fühlte sich merkwürdig an, wie ein Stofftier. Als C. die Erde über den kleinen Körper schaufelte, kamen mir die Tränen.
Wenige Wochen später beging ich den Fehler, Ersatz für Yoshi herbeizuschaffen: Ernie und Bert. Die beiden waren zwar auch sehr niedlich und wurden von mir mit allem versorgt, was ein Kaninchen braucht (inklusive Freigängen im Gehege bei entsprechendem Wetter), aber … nun ja, sie waren halt nicht Yoshi. Es gelang mir nie wirklich, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Erschwerend kam noch hinzu, dass die zwei sich nicht vertrugen. Obwohl Bert, das Männchen, kastriert wurde, ließ er Ernie, das Weibchen, nicht in Ruhe. Sie prügelten sich beinahe täglich, weswegen ich sie nach kurzer Zeit in getrennten Käfigen halten musste. Da dies weder für Mensch noch für Tier befriedigend war, außerdem mein Umzug nach Berlin bevorstand, entschloss ich mich, einen geeigneten Platz für die zwei Süßen zu finden. Hierbei war mir J., meine beste weil einzige Freundin, eine große Hilfe. Durch ihre berufliche Tätigkeit kannte sie eine Frau, die etwa 30 Kaninchen in mehreren Gehegen aus reiner Tierliebe ihr eigen nannte. Dorthin kamen auch Ernie und Bert, wo sie sich Berichten zufolge prächtig entwickelten und in die vorhandenen Gruppen einfügten.
Dieses Jahr gibt es also wieder Kaninchen. Frisch aus dem Ofen auf den Tisch.
Perverse Welt.
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Galgenhumor
Den beweist die Krefelder Polizei in ihrer digitalen Pressemappe, indem sie von einer Familienzusammenführung zu Weihnachten der ganz besonderen Art berichtet.
Veröffentlicht unter Blätterwald online
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Sperrmüll
Gibt es dafür kein türkisches Wort?

Aus dem Krefelder Entsorgungs-Magazin (.pdf-Datei, über 600 KB groß; Seite 22) der GSAK.
Veröffentlicht unter Allgemein, Krefeld
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Paranoid

Was will denn das US-Militär von mir?
Veröffentlicht unter Allgemein, Tagesparanoia
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Life tastes good
Gestern waren zwei der Coca-Cola-Weihnachtstrucks in Krefeld. Zwar verabscheue ich das schwarze Gesöff, aber die rote Farbe, den Schriftzug etc. liebe ich. So habe ich bereits einiges an Merchandise-Artikel gesammelt: Kaffee-Service, Schüsseln, Cookie-Jar, Mini-Trucks, Untersetzer, verschiedene Stiftdosen und noch vieles mehr. Klar, dass die Weihnachtstrucks ein unbedingtes Muss waren! Da ich zuvor – wie jeden Samstag – Reiten war, kamen wir erst gegen 19:00 h dort an (bis 20:00 h sind sie geblieben).
Kurz nach unserer Ankunft wurde zu einem Gewinnspiel aufgerufen, an dem Schatzi und ihre Freundin, die wir mitgenommen hatten, unbedingt teilnehmen wollten. Warum auch nicht, dachte ich, und ließ sie gewähren. In der Zwischenzeit machte ich ein paar Photos der hell erleuchteten Trucks.

Als ich wieder zu den beiden stieß, hatte Schatzi soeben zwei Teilnahmekarten eingeworfen und der Sprecher verkündete gerade, dass im Falle einer Ziehung von zwei Karten, auf denen derselbe Name stand, die Person sofort disqualifiziert würde, da jede Person nur einmal teilnehmen dürfe. Meine Tochter gestand mir kleinlaut, dass sie zwei identische Karten eingeworfen hatte. “Warum hast du nicht eine auf meinen Namen ausgefüllt?”, fragte ich sie. “Haben wir doch, beide!” Na toll. Da ich nie etwas gewinne, war klar, dass entweder gar keine oder – worst case – beide Karten mit meinem Namen gezogen werden würden.
Wenige Minuten später war es so weit. Vier Karten sollten gezogen werden. Aus diesen vier Personen wurden zwei Teams gebildet, die in der ersten Runde gegeneinander antreten mussten. Das Siegerteam sollte dann in der zweiten Runde gegeneinander spielen. Der Gewinn war eine Eintrittskarte für die Weltmeisterschaft der Fußballer im Jahre 2006. Super. Ich interessiere mich nicht im geringsten für Fußball. Als Trostpreis sollte dann unter den übrigen Karten ein ferngesteuerter Coca-Cola-Truck verlost werden. Den hätte ich gerne gehabt.
Die Ziehung begann. Als erstes wurde ein kleiner Junge gezogen, der aber leider nicht teilnehmen konnte, da er keinen Ausweis dabei hatte. Zwar wurde zuvor mindestens 25-mal erwähnt, dass dieser unbedingt von Nöten sei, da die FIFA-Karten personenbezogen ausgestellt werden (um bekannte Hooligans auszufiltern und den Schwarzmarkthändlern das Geschäft zu vermiesen), aber das hatte der Junge wohl überhört. Disqualifiziert. Als zweites wurde ein Mann gezogen, der sich auch ausweisen konnte. Der dritte Name kam mir bekannt vor. Er war identisch mit der Eintragung in meinem Personalausweis. Mir wurde schlecht. Während mein Herz mit lauten Plumpsen durch die Hose direkt auf den matschigen Boden klatschte, schoss mir gleichzeitig durch den Kopf, wie ultra peinlich es wird, falls mein Name nun noch einmal gezogen werden würde. Ganz Krefeld würde mit dem Finger auf mich zeigen! Das gesellschaftliche Aus wartete auf mich. In meinem Gesicht wurde es ziemlich warm, was vermutlich nicht an den Scheinwerfern lag, die vor der Bühne standen, zu welcher ich mich begeben musste. Erleichterung machte sich breit, als ein kleines Mädchen inklusive personalausweisbesitzender Mutter und Klaus gezogen wurden. Dieser Kelch war nochmal an mir vorübergegangen…
Dafür wurde mir nun bewusst, in welcher Situation ich mich befand. Ich wurde angestarrt von einem ganzen Matschplatz voller Leute, von denen mich die meisten um die Chance beneideten, vielleicht ein internationales Fußballspiel für Lau gucken zu können. Vor dieser Meute sollte ich gleich nicht nur Geschick und Gedächtnis, sondern auch noch Fußballwissen beweisen. Fußballwissen! Ich! Haha. Außerdem hatte ich eine schmutzige Hose an. Meine Stallhose vom Reiten nämlich noch, weil ich keine Lust hatte, mich umzuziehen und mir dachte, dass es in der Dunkelheit eh keiner merkt. Haha.
Die Teams wurden ausgelost. Klaus und ich bildeten eine Mannschaft, waren aber erst als zweites dran, weswegen wir hinter der Bühne in einem Zelt warten mussten. Klaus interessiert sich übrigens auch nicht für Fußball, gestand er mir, seine Frau hatte die Karte ausgefüllt. Na, da hat es ja die Richtigen erwischt. Unsere Konkurrenten mussten auf der Bühne ein Puzzle zusammenbauen, das aus Coca-Cola-Kisten mit aufgeklebten Pappbildern bestand. Der Sprecher laberte die ganze Zeit in sein Mikrophon, die Menge war verhältnismäßig ruhig. Team 1 benötigte etwas über zwei Minuten. Nun waren wir dran. Mir wurde flau im Magen. Ich hasse es im Rampenlicht zu stehen. Meine Hände, meine Knie und überhaupt alles zitterte, raus auf die Bühne – It’s show time!
Während Klaus und ich die Kästen sortierten und stapelten, um sie zu dem ursprünglichen Bild zusammenzufügen, geschah hinter mir etwas, von dem ich zunächst glaubte, es mir nur einzubilden. Ich hörte die Leute meinen Namen rufen. Zwar verstümmelten sie ihn zur Kurzform, die ich überhaupt nicht mag, aber hey, ich hatte Fans! Unglaublich. Die “Steffi! Steffi!”-Chöre rissen überhaupt nicht ab. Und erst recht nicht, als der Sprecher verkündete, dass Klaus und ich im Finale waren. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und entwickelte nun den Wunsch, diese verdammte Fußballkarte zu gewinnen – meinem Fanclub zuliebe. Blödsinnig eigentlich, denn viel lieber hätte ich die Coca-Cola-Artikel gehabt, die es als Trostpreis gab.
Das “Dreamteam” Klaus und ich waren nun Gegner. Uns wurden sechs Fragen aus dem Fußballbereich gestellt und derjenige mit den meisten richtigen Antworten sollte das Ticket erhalten. Mir fiel wieder ein, dass ich ja gar nichts über Fußball weiß, als der Sprecher mir nach der Frage, ob ich denn Fußballfan sei, das Mikrophon unter die Nase hielt. Ach du lieber Himmel! Auch noch sprechen! Bekanntlich seit dem Besuch der Außerirdischen am vergangenen Montag ziemlich verschnupft, hat mich nun auch noch eine Heiserkeit befallen, die ich gerne das Feldbusch-Syndrom nenne, weil ich nämlich genau wie Frau Feldbusch klinge, wenn ich heiser und verschnupft bin. Und so piepste ich wahrheitsgemäß ins Mikrophon, dass ich eigentlich gar keinen Plan von Fußball habe und meine Tochter mir das ganze eingebrockt hat. Eine Welle der Enttäuschung schwappte mir von meiner Fanbase entgegen. Ich wandte mich in ihre Richtung und zuckte bedauernd mit den Schultern, das stimmte sie wieder gnädig und die “Steffi! Steffi!”-Chöre setzten erneut ein. Ein gutes Gefühl gibt das, ganz eindeutig, das muss ich an dieser Stelle doch einmal sagen. Die Leute mochten mich.
Bei den Fragen verkackte ich erwartungsgemäß. Ich wusste nur, dass die DFB-Auswahl 2006 in Berlin untergebracht werden wird und dass die BRD 1974 bevor sie Weltmeister wurde ein Vorrundenspiel gegen die DDR verlor (woher auch immer ich das wusste, aber ich wusste es). Klaus war etwas schlauer und hatte vier von den sechs Fragen richtig. Klaus hatte somit gewonnen, und ich gratulierte ihm. Anders dagegen verhielt sich mein Fanclub, der hat ihn mit Buh-Rufen bedacht. Fans können hart sein.
Ich bekam ein Coca-Cola-Blechschild zum Aufhängen mit colatrinkendem Weihnachtsmann darauf und der Aufschrift “Life tastes good”. Ausgerechnet! Außerdem ein Weihnachtspuzzle (von Coca-Cola) und eine handvoll Pins, die der Sprecher mir in die Jackentasche stopfte. Ich war zufrieden, winkte meinen Fans noch einmal zu und ging von der Bühne, erneut begleitet von “Steffi! Steffi!”-Chören und der Aufforderung, meine Handynummer bekannt zu geben. Saubande! Während ich mich aus dem Staub machte, hörte ich über Lautsprecher, wie Klaus sein Coming-Out als Eishockey-Fan hatte, was ihm weitere Buh-Rufe einbracht. Armer Klaus.
Als ich in den folgenden fünfzehn Minuten zum zweiten Mal von wildfremden Personen auf meinen Auftritt angequatscht wurde, verließen wir den Matschplatz fluchtartig Richtung Straßenbahnhaltestelle. Von dort aus hatten wir ohnehin den besten Blick auf die ausfahrenden Trucks. Der harte Kern meines Fanclubs, bestehend aus vier jungen Männern, fuhr in derselben Bahn wie wir, so dass auch dort, wie schon zuvor an der Haltestelle, mein Name mehrmals fiel. Peinlich. An der Rheinstraße trennten sich endlich unsere Wege und wir konnten in Ruhe nach Hause fahren.
Das Blechschild werde ich in meinem Zimmer aufhängen, ebenso wie das zusammengesetzte und eingerahmte Puzzle. Wie gesagt mag ich diese ganzen Coca-Cola-Artikel drumrum. Nur die Brühe selbst nicht.
Die Trucks – deretwegen ich ja eigentlich da war – waren übrigens schön.
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Sind Sie Jude?
Dann sind Sie hoffentlich in der glücklichen Lage, nicht älter als 45 Jahre zu sein, die deutsche Sprache zu beherrschen und eine Arbeit sowie ein Zertifikat einer jüdischen Gemeinde nachweisen zu können. Ansonsten wollen wir Sie hier nicht (mehr)!
Nein, ich bin nicht völlig durchgeknallt oder gar dem Antisemitismus verfallen. Also bitte nicht den Verfassungsschutz anrufen, sondern erst bei Reuters Deutschland oder in der Berliner Zeitung nachlesen, was Regierungshirne für einen unglaublichen Müll zu produzieren in der Lage sind.
Selbst wenn man die Auffassung vertritt, dass der Nachweis von Sprachkenntnissen und Lebenshaltungskosten eine erstrebenswerte Sache sind – Warum dann ausgerechnet und nur für Juden, und zwar nur für Juden aus Osteuropa?
Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.
(Art. 3, Abs. 3, GG
Veröffentlicht unter Blätterwald online
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