Der Tag hätte so schön sein können…

Ja, das hätte er, wäre ich in der Lage, ihn auch so zu empfinden. Strahlend schönes Wetter, der Garten sieht auch wieder ok aus, der Schutt ist weg. Nur noch der Staub auf den Pflanzen und das Gerüst erinnern an das Chaos der vergangenen zwei Wochen, als das komplette alte Dach auf dem Blumenbeet und dem Teich verteilt war, drei Stockwerke runter geworfen, achtlos.

Noch vor einem Jahr hätte mein Mann mich überredet, mit in den Garten zu gehen. Ich wäre mitgegangen, nicht ganz freiwillig, aber immer noch freiwilliger als die x-te „Erklär mir doch mal, warum du nie magst“-Diskussion. Vor einem Jahr wäre der Kühlschrank gefüllt gewesen mit Lebensmitteln, zu deren Kauf mein Mann mich zuvor motiviert hatte. Wir hätten gegrillt, ich würde die Kaninchen im Gehege beobachten, Kaffee trinken, Eis essen, dem Gras beim Wachsen zusehen und meinen Gedanken nachhängen. Dankbar für jede ungestörte Minute.

Noch vor einem Jahr hätte ich dort unten gesessen und diese Leere gespürt, die ich jetzt auch verspüre, wenn auch irgendwie anders. Jetzt sitze ich hier, an meinem Rechner. Ein leichter Luftzug streicht über die Haut meiner Arme, die ich mittlerweile kaum noch zeigen mag. Nicht wegen Narben oder ähnlichem, nein, sie ist eigentlich makellos, die Haut. Ich fühle mich schutzlos, wenn ich Haut zeige, schwitze lieber in meiner Jacke oder meinem Pullover, als mich im T-Shirt schutzlos zu fühlen – zumindest wenn ich unter Menschen bin. Ich höre die Stimmen von Codo, F. und C. im Garten, C.’s Hund bellt. Sie fragten, ob ich mich zu ihnen setze, aber wie so oft habe ich abgelehnt.

Mein Mann ist weg und somit auch die lästige „Was ist denn los“-Fragerei. Ich muss nicht mehr mit in den Garten gehen, muss nicht mehr so tun als ob es mir gefiel. Wenigstens äußerlich habe ich endlich meine Ruhe. Wann werde ich sie auch innerlich haben?

Der Tag hätte so schön sein können…

Wäre es nicht wieder einer dieser unzähligen typischen Tage, die mir deutlich machen, was meinem Leben fehlt. Ich sehe aus dem Fenster, beobachte die Jungs, die unten sitzen, Bier trinken und rumblödeln. Ich kann nicht einmal lachen, drehe mich nur angeekelt ab. Nicht, weil ich ihnen ihre Freude nicht gönne, nein, deswegen nicht. Nicht, weil sie einfach nur dumm daherreden und über sich selbst dann doch wieder lachen, nein, deswegen auch nicht. Nicht, weil ich sie eklig finde, nein. So sehr unterscheiden sie sich nicht von mir. Keiner von ihnen hat es allzu weit gebracht, jeder hat seinen Job aber keiner studiert oder sonstwas, alles gescheiterte Existenzen, die irgendwo mit sich und dem Leben nicht klarkommen, etwas anders sind als der Durchschnitt und abseits der Gesellschaft leben, aber dennoch nicht sterben wollen. Aber auch das ekelt mich nicht an. Nein, es ist mein Leben, welches mich wiedermal anekelt, wie schon so oft. Die schmerzhafte Erkenntnis, dass es ihnen gelingt, ihr beschissenes Leben so anzunehmen, wie es ist, was mir noch nie gelungen ist.

Und wieder spüre ich diese Traurigkeit.

Der Tag hätte so schön sein können … in einem anderen Leben.

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