Seltsam

Ich wurde wach und fühlte mich irgendwie seltsam. Einen ekligen Geschmack im Mund und zu kaputt, um etwas zu trinken. Ich öffnete die Augen und versuchte mir einen Überblick zu verschaffen, wie lange ich geschlafen hatte, ob ich noch Zeit hatte, etwas zu erledigen und ob ich die dafür nötige Motivation aufbringen würde. Mein Kopf fühlte sich irgendwie schwammig an, ich hatte Magenschmerzen und mein rechtes Knie tat höllisch weh. Ein Blick auf die Uhr half auch nicht wirklich weiter, es war viertel nach sechs. Der Hauch von Licht, der durch die Rollos zu erkennen war, konnte sowohl auf Abend- als auch auf Morgendämmerung schließen lassen. Ich trank erstmal einen Schluck Wasser um den ekligen Geschmack runterzuspülen und legte mich wieder hin, grübelnd, ob ich nun tatsächlich dabei war, den Bezug zur Realität völlig zu verlieren. Außerdem hatte ich beschlossen abzuwarten, ob ich wieder einschlafen oder langsam wacher werden würde. Aber es änderte sich an meinem Zustand nichts, rein gar nichts und so beschloss ich, die Augen wieder zu öffnen und einen weiteren Versuch zu starten, die Tageszeit zu ermitteln. Mittlerweile war es halb sieben und weder heller noch dunkler als zuvor. Das Licht schien ebenso stehen geblieben zu sein wie meine Gedanken. Ich überlegte einen kurzen Moment, den Rechner hochzufahren, aber dies erschien mir dann doch zu aufwendig.

Ich zündete mir erstmal eine Zigarette an und betrachtete meine Fische im Aquarium. An ihrem Verhalten fand sich auch nichts, was mich irgendwie weiterbrachte, sie waren wie immer. Mein Blick wanderte über das Durcheinander auf dem Tisch, das gerade hinter dem Rauch der Zigarette verschwinden wollte, als mir die Fernbedienung des Fernsehers auffiel. Das schien eine hilfreiche Methode zu sein, mir endlich Klarheit zu verschaffen und so schaltete ich den Fernseher ein. Auf RTL liefen Nachrichten, umschalten war zu anstrengend. Ich starrte einige Minuten auf die Bilder im TV, die sich mit dem Gesicht der blonden Frau abwechselten, ohne davon irgendetwas wahrzunehmen, ohne dass die Worte, die gesprochen wurden, über den Gehörgang hinaus mein Gehirn erreicht hätten. Nach diesem minutenlangen Starren fiel mir auf, dass in der oberen rechten Ecke die Uhrzeit eingeblendet war: 06:34:29. Na bitte, das war doch was. Es war also Morgen, ich hatte gerade mal 45 Minuten geschlafen und war hellwach. Wieder überlegte ich, ob ich etwas erledigen wollte, ob ich es auch schaffen würde und wenn ja, was ich mir alles vornehmen sollte.

„Duschen“ dachte ich, „du solltest mal wieder duschen, damit du nicht schon zu Lebzeiten riechst als wärst du schon lange tot.“ Ich stellte fest, dass gleiches für meine Bettwäsche galt, sie roch schon recht intensiv nach mir, zu intensiv. Aufräumen und Staubsaugen wären auch mal wieder dringend nötig, wurde mir bewusst, als ich mich halb aufrichtete und meinen Blick durch den Raum gleiten ließ. In der Vitrine blieb mein Blick hängen. Das kleine Licht, welches die Vitrine beleuchtet und immer an ist, betont den dicken Staub auf den Glasplatten enorm. „Naja. Aufräumen ok, aber wir wollen ja nicht übertreiben.“

Ich legte mich wieder hin, zündete mir eine weitere Zigarette an, kuschelte mich in meine Bettdecke und wartete darauf, dass mich irgendetwas veranlassen würde, aus dem Bett zu klettern. Ich lag da, starrte an die Decke in der Ecke über der Vitrine. Ich kenne jeden Quadratmillimeter dieser Ecke, nichts hatte sich dort verändert in den letzten Monaten. Sie ist auch nicht schöner als die übrigen Ecken, nur für meine Blicke leichter zu erreichen und so habe ich mich an sie gewöhnt. Manchmal liege ich andersrum im Bett, starre in die Ecke über dem Kopfende, aber dort fühlen sich meine Blicke nicht so wohl, ist irgendwie nicht „meine“ Ecke.

Ich spielte an meinen Fingernägeln herum. Sie sind schon wieder viel zu lang und müssen dringend geschnitten werden, was den positiven Nebeneffekt hätte, dass sich die Anzahl der Tippfehler reduzieren würde. Ich hasse Fingernägel bzw. den unpraktischen Umstand, dass sie wachsen. Warum können sie nicht – ähnlich wie Wimpern beispielsweise – bis zu einer gewissen, ebenso brauchbaren wie ästhetischen Länge wachsen und gut? Falls dann doch mal einer, aus welchen Gründen auch immer, ausfällt oder gezogen werden muss, wächst er halt bis zur Länge x nach und alles ist ok. Lange Fingernägel sind eh hässlich und außerdem unpraktisch, rot lackiert wirken sie darüber hinaus auch noch aufdringlich.

Ich sinnierte noch eine Weile über praktische und unpraktische Funktionen und Gegebenheiten des menschlichen Körpers, bis mich eine weitere, äußerst lästige Körperfunktion aus dem gemütlich warmen Bett zwang: Ich musste zur Toilette.

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