13 Stunden aus dem Leben zweier PC-Genies

6:55 Uhr in Duisburg stehe ich am Bahnsteig und warte auf K., deren Zug soeben eingetroffen ist. Gegenüber fährt unser Zug drei Minuten später fahrplanmäßig ab. Da ich mir ein auferzwungenes Treffen sparen möchte, stehe ich mit dem Rücken zum Bahnsteig an der Einstiegstüre unseres Zuges und muss hoffen, dass K. mich sieht. Ich lehne es ab, mich zu etwas zwingen zu lassen, was ich nicht möchte, schlimm genug, dass ich gezwungen bin zu leben, und die Ereignisse der vorangegangenen Nacht bekräftigen mich nur in dem Willen, die Begleiterin von K. nicht sehen zu wollen, da sie wieder nur eine Bestätigung dafür waren, wie egoistisch und gedankenlos die Menschen sind. Jeder kann denken – aber einigen bleibt es offensichtlich erspart. Aufgrund meiner auffälligen hellen Jacke hat K. mich auch relativ schnell gefunden und wir steigen ein. Der Zug ist ziemlich voll. Neben den vielen Arbeitslosen, Studenten und Berufsfaulen scheint es tatsächlich noch einige Leute zu geben, die der täglichen Arbeit nachgehen.

Unsere Unterhaltung im Zug wird bei nahezu allem, was wir uns erzählen wollen, mit einem: „Da reden wir besser später drüber.“, beendet, da Suizid und dergleichen uns möglicherweise die ungewollte Aufmerksamkeit der umsitzenden Fahrgäste schenken könnten.

Um 7:15 Uhr hier in der hässlichen Stadt angekommen, beschließen wir unserer Gesundheit Gutes zu tun und gehen erstmal bei McDonald’s frühstücken. Dort lassen sich die begonnenen Gespräche dann auch fortsetzen. Man plaudert über dies und das und versucht, irgendwie die Zeit rumzukriegen. Um während des relativ langen Aufenthalts eventuell auftretende Mordgelüste unter Internet-Junkies zu verhindern, habe ich beschlossen, nun doch ein Laptop zu brauchen und die Geschäfte machen (glaubte ich) erst um 9:00 Uhr auf. Noch zwanzig Minuten also.

Wir machen einen kleinen Spaziergang durch die Fußgängerzone, um auch diese Zeit noch zu überbrücken, müssen aber feststellen, dass die Geschäfte erst um 9:30 Uhr öffnen. So’n Mist! Also ins Taxi und zum Media-Markt, die werden ja wohl schon geöffnet haben. Der Taxifahrer lässt uns aus verkehrstechnischen Gründen an der Rückseite des Gebäudes raus und wir schleppen uns durch Wind, Regen und Kälte Richtung Eingang … um dort feststellen zu müssen, dass der Scheißladen erst um 10:00 Uhr öffnet.

K. ist erstaunt über die westdeutschen Öffnungszeiten, und ich bin genervt, weil ich mich hier nicht auskenne. Na gut, dann rufen wir eben wieder ein Taxi und fahren zu mir. Kaffee kochen, der Rechner läuft, Internet…

Da mein compi ständig kränkelt und in seinem desolaten Zustand wohl kaum die Verbindung mit einem Schlepptop problemlos akzeptiert, habe ich beschlossen, ihn zu therapieren und formatiere wieder einmal die Festplatte. Diverse Upload-Versuche meiner Daten auf Webspace in der vorangegangenen Nacht sind – wie sollte es anders sein – gescheitert. Jeder 60-Minuten-Upload hängt sich prinzipiell frühestens nach 50, spätestens nach 55 Minuten auf, egal, um welche Dateien es sich handelt. Also nutze ich die ohnehin schnellere und einfachere Alternative und brenne alles auf CD, darauf hätte ich auch früher kommen können.

Wir rufen wieder ein Taxi und fahren erneut zum Media-Markt. Ein Laptop ist schnell ausgesucht. Ich bin nicht anspruchsvoll, lasse eher den Preis als die Leistung entscheiden, da die Wahrscheinlichkeit, dass ich das Ding nur einmal brauche, recht groß ist. Der Verkäufer überreicht uns noch zwei Pappschachteln unbekannten Inhalts: „Das kommt ins Laptop, das in den PC.“ Ach ja, und ein Kabel brauchen wir natürlich auch noch. Skeptisch betrachte ich die Technik und fange an zu zweifeln, ob jemand, der kaum in der Lage ist einen Toaster von einer Kaffeemaschine zu unterscheiden, es schafft zwei Geräte miteinander zu verbinden, deren Funktionsweise zu verstehen für mich ebenso unerreichbar ist wie fremde Planeten in fernen Galaxien. Im Vertrauen an die einfache Handhabung von Microsoft-Produkten (haha, sehr naiv) zücke ich an der Kasse meine EC-Karte, während die Kassiererin alles eintippt und mir dann ein Plastikteil mit Tastenfeld hinhält: „Bitte Geheimzahl eingeben und zweimal bestätigen.“ Geheimzahl? Ach du Scheiße! Hektisch die Hosentaschen durchwühlt, in den Jackentaschen nachschauen, nochmal die Hosentaschen durchsuchen… Verdammt, wo ist der Zettel mit der Geheimzahl? Ich kann mir nichts merken. „Äh, die weiß ich leider nicht auswendig, geht’s nicht mit Unterschrift?“ Nein, bei einem so hohen Betrag nicht, lasse ich mich aufklären. Fuck! Und nun? Die Kunden, die hinter mir in der Schlange stehen, werfen tödliche Blicke zu und wechseln schon zu anderen Kassen. Wie unangenehm, ich hasse es aufzufallen. Es bleibt nichts anderes übrig, als die Ware wieder auszubuchen. Wir rufen ein Taxi, fahren zu mir und ich hole schnell den Zettel mit der Geheimzahl aus der Wohnung, dann wir fahren wieder zurück und kaufen endlich das Laptop.

Nichts im Leben ist leicht.

Wieder wollen wir der Gesundheit Gutes tun und gehen zu Fuß nach Hause. In letzter Zeit laufe ich gerne. Auf halber Strecke fängt es natürlich an zu regnen, aber das stört uns nicht weiter. Jetzt habe ich Fieber, Husten und meine Stimme versagt von Zeit zu Zeit – das hat man nun davon, wenn man auf die Gesundheit achtet.

Aber egal jetzt. Windows ist schnell installiert, die übrigen Programme brauchen wir vorerst nicht um unsere Internetsucht zu befriedigen. Die Steckkarte in den PC einzusetzen, ist auch nicht weiter schwierig, Treiber installieren, die andere Karte ins Laptop stecken, Treiber installieren, beide Rechner mit dem Kabel verbinden … hm … und nun? Sämtliche Versuche ein Netzwerk einzurichten scheitern und jedesmal, wenn wir versuchen durch die Online-Hilfe schlauer zu werden, stoßen wir auf den freundlichen Hinweis: „Fragen Sie Ihren Netzwerk-Administrator.“ Der Netzwerk-Administrator bin dummerweise ich, also frage ich mich, was ich tun muss, um den beiden Scheißcomputern glaubhaft zu machen, dass sie miteinander verbunden sind. Die Handbücher, die zu den Karten gehören, sind wenig aufschlussreich und erklären lediglich wie man die Treiber installiert.

Stunden später – mittlerweile völlig übermüdet vom Grübeln über Dinge, von denen ich keine Ahnung habe – komme ich auf die Idee, im Windows-Handbuch nachzusehen, ob sich dort vielleicht ein Hinweis findet, wie man mit zwei Rechnern über eine Telephonleitung surfen kann – und werde fündig. Es ist ganz leicht: Ich installiere nun doch die Internetverbindungsfreigabe (O-Ton darki: Quatsch, die brauchen wir nicht!) auf dem PC, werde aufgefordert, eine Diskette einzulegen auf der irgendetwas gespeichert wird, stecke diese anschließend ins schleppi, um die Daten zu kopieren – fertig.

Es ist 20:00 Uhr, wir gehen online und in den Chat. Ist doch alles ganz easy! :-)

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