Patientenalltag

Völlig untätig war ich nicht, als ich in der Klinik lag, ein wenig habe ich geschrieben in den kurzen Phasen, in denen mir nach schreiben war. Hier jetzt sortiert und zusammengefasst der äußerst strapaziöse Alltag eines Krankenhauspatienten.

pflegeuhr

Wer denkt, dass die morgendliche Szene aus dem Werner-Comic völlig übertrieben ist, hat noch nie im Krankenhaus gelegen. Tatsächlich wird man vor dem Frühstück aus dem Bett geworfen, damit selbiges frisch aufgeschüttelt und geradegezogen werden kann. An sich ist dies ja ein toller Service, aber wenn man danach leckere, knusprige Brötchen (ich bestellte stets noch ein zweites) zum Frühstück, das man zwangsläufig im Bett zu sich nehmen muss, serviert bekommt, ist das Ausschütteln und Glattziehen des Lakens auch schon wieder obsolet. So quält sich der Patient erneut aus dem Bett, um es diesmal selbst aufzufrischen.

Und da wären wir auch schon beim nächsten Problem. Mehr oder weniger frisch operiert, noch halb narkotisiert und vollgepumpt mit irgendwelchen Drogen kann allein dieser Vorgang – raus aus dem Bett und wieder rein ins Bett – so unglaublich anstrengend sein, dass man sich anschließend stöhnend wie eine Hundertjährige auf die Lagerstatt fallen lässt …

… Um sogleich festzustellen, dass man zum x-ten Mal vergessen hat, die Packung mit den Einmalhandschuhen umzudrehen, die irgendein Ignorant falsch herum aufgehängt hat. Als es mir irgendwann wieder so erging, war glücklicherweise das darkinchen anwesend und fragte sofort, was mein aufgestöhntes: „Oh nein, jetzt habe ich das schon wieder vergessen!“, zu bedeuten hat. Ich erklärte ihr, dass mein Auge seit ich aus der Narkose erwachte von den Einmalhandschuhen beleidigt würde und sie sorgte umgehend für mein Seelenheil und drehte die Packung um. Da merkt man gleich die Kinderstube im Haushalt eines Pedanten. Gutes Kind!

Links neben dem Schränkchen ist übrigens die Türe zu unserem Badezimmer. Und da die Klospülung bisweilen hängt und dann nicht nur ständig vor sich hinplätschert, sondern auch noch Geräusche wie ein Poltergeist beim Gebären von Riesenbabys macht, war auch hier wiederholtes Aus-dem-Bett-Quälen von Nöten, insbesondere nach dem morgendlichen Besuch der Putzfrau, die es NIE geschafft hat, die Spülung korrekt zu betätigen. Laut Aussage einer der Krankenschwestern hielt die Klospülung seit Jahren schon sämtlichen Reparaturversuchen erfolgreich stand und plätscherte und stöhnte unbeeindruckt vor sich hin.

Im Laufe des Vormittags bekommt man in diesem Krankenhaus eine Tasse Suppe serviert. Das habe ich in der Form zwar auch noch nicht erlebt, aber da ich mit einem gesegneten Appetit ausgestattet bin, lehnte ich nicht ab. Gegen 11:45 Uhr wurde das Mittagessen serviert. Ab 11 Uhr ungefähr wartete es bereits im Futterautomaten vor unserer Türe.

Mit Hilfe dieses Teils ist das Essen so heiß, dass ich mir nach all den zahlreichen Krankenhausaufenthalten, die ich schon hinter mir habe, zum ersten Mal in meinem Leben in einer Klinik am Mittagessen die Zunge verbrannt habe! Ist das nicht toll?

Im Allgemeinen war das Essen recht genießbar und wenn man nicht gerade versucht hat, mir Quark unterzujubeln, habe ich immer brav alles aufgegessen. Dabei stand sogar in meiner Krankenakte, dass ich keinen Quark mag.

kein_quark

Dabei war es mir eigentlich gar nicht so sehr darum gelegen, dass meine Quark-Abscheu unbedingt in meiner Akte auftauchte, das ergab sich eher zufällig. Als ich am Donnerstag von der Aufnahme-Schwester den Pflegebogen abgefragt wurde, stellte sich u.a. die Frage, ob ich alles essen würde oder ob es etwas gäbe, was ich unter keinen Umständen essen würde. „Quark!“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. Die Frage zielte zwar eher auf Moslems, Diabetiker, Vegetarier etc. ab, aber dennoch hat es die halbvergammelte Milch auf dem Weg zur Unendlichkeit dadurch in meine Krankenakte geschafft.

Unterbrochen wird der Krankenhausalltag hauptsächlich am Wochenende, als das eiligst herbeigeflogene darkinchen zusammen mit dem Lebensabschnittsgefährten zu Besuch kommt. Das darkinchen checkt dann auch gleich mal meine Vitalfunktionen und versucht außerdem, den eigenen Gedanken ein wenig zu lauschen.

gedankenhoeren

Meine Bettnachbarin war ein sympathischer polnischer Blinddarm, der aufgrund von Sprachbarrieren beinahe verhungert wäre. Zwar reichten ihre Deutschkenntnisse für das bisschen Small-Talk, mit dem wir uns bisweilen die Zeit vertrieben, aus, aber offensichtlich hatte sie über Tage die Frage, ob sie abgeführt hätte, missverstanden und stets mit „Nein“ beantwortet. Bei der Visite am Montagmorgen fragte der Chirurg dann, ob sie denn immer noch keinen Stuhlgang gehabt hätte. „Stuhlgang? Was ist das?“, fragte sie zurück. Zu ihrem großen Glück war die anwesende Stationsleitung ebenfalls polnischer Herkunft und sprach sie nach einem Blick in die Krankenakte auf Polnisch an. Der daraufhin eingesetzte Redeschwall der beiden Damen wurde knapp mit: „Stuhlgang hat sie gehabt“, übersetzt. Falls ich jemals wieder Besuch im Ausland mache oder auswandern sollte, besorge ich mir auf jeden Fall ein Wörterbuch für den Arztbesuch! Die Arme bekam jedenfalls nun wieder feste Nahrung und durfte sich von Brei und Süppchen verabschieden.

aussicht

Die meiste Zeit lagen wir herum, genossen die Ruhe und die Aussicht samt Vogelgezwitscher und dösten vor uns hin. Alles in allem war es recht angenehm, da wir beide nur wenig Besuch bekamen und nur selten unsere Handys vibrierten. Umso mehr fühlten wir uns von dem Abszess gestört, der abends um kurz nach 20 Uhr abrupt unsere Ruhe beendete. Vor ihrer OP war sie ja noch recht handzahm und freundlich, als sie eine halbe Stunde später zurückkam, war’s damit vorbei.

Sie stöhnte und jammerte lauthals vor sich hin, was ja noch verständlich war, da sie als stillende Mutter nur beschränkten Zugang zu Drogen hatte. Kurz darauf schlug der Vater mit dem zu stillenden Baby auf und die beiden palaverten in einer Sprache, die ich nicht erkennen konnte, herum. Mein polnischer Blinddarm identifizierte sie als eine Sprache aus dem ehemaligen Jugoslawischen Raum. Lediglich ein Satz fiel auf Deutsch und das gleich mehrfach: „Halt die Fresse!“ Mit diesem Satz wurde aus das Telephonat mit Mama, die zuvor etliche Male ewig lange klingeln ließ, beendet. Na herzlichen Glückwunsch.

Der junge Vater verließ mit dem zu stillenden Baby das Krankenhaus und kehrte kurz darauf erneut zurück, um dem zu stillenden Baby die Flasche zu geben. Hätte der Mann nicht zuhause bleiben können, bis seine Frau sich von der OP erholt hatte und abgeholt werden konnte? Irgendwann verschwand die extrem laute junge Familie endlich wieder und wir gaben uns unserer wohlverdienten Nachtruhe hin.

Am nächsten Morgen wurden wir von einem Eichhörnchen „geweckt“. Immerhin habe ich Dank des possierlichen Tierchens mein erstes Polnisches Wort gelernt: wiewiórka. :-)

eichhoernchen

Der folgende Tage war dann auch der Tag meiner Entlassung. Nach der Visite wurde die Drainage entfernt. In den letzten Tagen hat man sich so sehr daran gewöhnt, das Blutgefäß (Haha!) mit sich herumzuschleppen, dass man bei den ersten Schritten stets das Gefühl hat, etwas vergessen zu haben. Aber die neugewonnene Freiheit macht das Gefühl schnell wett und außerdem lebt es sich ohne das unangenehme Ding gleich viel angenehmer! Den Rest des Tages verbrachte ich damit, auf die Chirurgin zu warten, die mir meine Port-OP, die in der nächsten Woche folgt, erklären soll.

Als um 15 Uhr immer noch niemand da war, frage ich dann doch mal vorsichtig bei den Schwestern nach. Ich blicke in ratlose Gesichter und bekomme eher inhaltsleere Antworten. Missmutig schlurfe ich in mein Bett zurück, wo ich langsam aber sicher anfange zu kochen vor Wut. Als kurz darauf der Lebensabschnittsgefährte, der mit mir zusammen wartet, mal kurz für kleine Lebensabschnittsgefährten muss, platzt mir endgültig der Kragen. Reichlich wütend stapfe ich erneut zum Schwesternzimmer und finde die gesamte Nachmittagsschicht vor. Sichtlich um Contenance bemüht, trage ich mein Anliegen erneut vor. Es kann ja nicht sein, dass ich hier möglicherweise den ganzen Tag mit Warten zubringe und die Ärztin dann gleich Feierabend macht. Wie man sich das denn vorstelle? Und ein Vorbereitungsgespräch am kommenden Dienstag kann ja auch nicht funktionieren, da ich vermutlich nicht die einzige Patientin sein werde und im OP-Alltag wohl kaum jemand Zeit findet, mir in Ruhe zu erklären, was man mit mir vorhat und Blalaberrabarber … Immerhin schafft es nun eine Damen, mal ans Telephon zu gehen und Erkundigungen einzuholen. Und siehe da: Die Ärztin kommt gleich. Geht doch!

Nach dem Vorbereitungsgespräch fahren wir dann endlich nach Hause. So lange wird es ja nicht dauern, bis ich wieder da bin, da kann man den Abschied auch eher kurz fassen.

marienhospital

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.