Tranquility

Seit drei Wochen nehme ich nun schon Tranquilizer, 50 mg Tetrazepam jeden Abend, damit ich nachts schlafen kann. Verordnet bekomme ich sie als Muskelrelaxans aufgrund eines Bandscheibenvorfalls in der Halswirbelsäule. Einzelheiten dazu in einem späteren Beitrag, wenn ich meine Notizen sortiert habe. Dies wird jedoch immer schwieriger und nicht ganz unschuldig daran ist das Tetrazepam. In der Packungsbeilage steht:

Gedächtnisstörungen
Wie auch andere Benzodiazepime kann Tetrazepam, vor allem bei höherer Dosierung, zeitlich begrenzte Gedächtnislücken verursachen. Das bedeutet, dass (meist einige Stunden) nach Medikamenteneinname unter Umständen Handlungen ausgeführt werden, an die Sie sich später nicht erinnern können.


Sowas fehlte mir gerade noch! Als ohnehin ständig verpeilter, liebenswerter aber tendenziell lebensunfähiger Chaot fand ich es schon schlimm genug, ständig Dinge zu tun ohne zu wissen, was ich da eigentlich mache und ob mein Handeln seine Richtigkeit hat. Und nun weiß ich nicht einmal, dass ich es überhaupt mache. Toll.

In den Morgenstunden, die bei mir im Schnitt zwischen 4:00 h und 6:00 h beginnen, merke ich diese Nebenwirkung am deutlichsten – sofern ich überhaupt etwas merke.

Ständig suche ich meine Kaffeetasse. Auch weiß ich nicht, ob sie voll oder leer ist, ob ich mir bereits Kaffee gemacht habe oder ihn noch machen muss. Ich schalte die Senseo ein und finde dann den vollen Kaffeebecher auf der Küchenzeile. Der Kaffee schmeckt scheußlich, weil ich die Milch vergessen habe. Die Tasse läuft über, weil ich gerade zum zweiten Mal Milch in den Kaffee schütte. Ich trinke gefärbtes Wasser, weil ich vergaß, das Pad zu wechseln.

Ich renne auf Toilette, um dort festzustellen, dass ich gar nicht muss. Offenbar war ich gerade, was ich aber vergessen habe, während mein Gedächtnis mir suggeriert, dass ich doch zur Toilette gehen wollte.

Habe ich den Kater gefüttert? Ihn zu fragen hat wenig Sinn, weil der immer Hunger hat und notfalls auch drei Portionen verschlingt als hätte er seit Wochen nichts bekommen. Ich möchte nicht wissen, wie oft er in den letzten drei Wochen zweimal täglich Frühstück bekommen hat. Auffallend ist jedenfalls, dass er entgegen sonstiger Gewohnheiten sehr anhänglich ist in letzter Zeit. Hm.

Der Aschenbecher auf dem Balkon quillt über, die Zigarette schmeckt so scheußlich wie Zigaretten eben schmecken, wenn man zuviel geraucht hat. Anscheinend war ich gerade erst eine rauchen, ich weiß es nicht.

Konfus laufe ich in der Wohnung herum und weiß nicht mehr, wohin ich wollte oder was ich tun wollte. Ich finde Gegenstände irgendwo abgelegt und habe keine Ahnung, wie sie dort gelandet sind. Wieso läuft die Spülmaschine nicht, ich wollte sie doch einschalten. Was ist das für ein Geräusch? Ach ja, die Spülmaschine läuft. Habe ich meine Beta-Blocker eigentlich schon genommen?

Du lieber Himmel, lass den Tag bloß schnell vorbei gehen!

Dummerweise ist mir auch mein ohnehin eher schwach ausgeprägtes Zeitgefühl völlig abhanden gekommen. Ich weiß oft nicht mehr, ob etwas heute, gestern oder letzte Woche gewesen ist. Mit detailiertem Kleinkram wie Stunden und Minuten gebe ich mich gar nicht mehr ab, da helfen eh nur Messinstrumente wie Uhren und Wecker.

Hinzu kommen Sprachausfälle. Ständig fehlen mir Wörter oder Namen. Das macht Konversationen bisweilen etwas mühselig. Aber da diese ohnehin auf ein Minimum reduziert sind, ich bin ja krankgeschrieben und nur zuhause, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht.

Im Laufe des Tages bessert sich das Ganze etwas – zum Leidwesen des Katers (Abendessen gibt es definitv nur einmal) und zur Freude meiner Tochter, die zurzeit öfter als sonst entnervt die Augen verdreht und mich als etwas anstrengend empfindet.

Wenn ich abends zu Bett gehe, was in der Regel zwischen 20:00 h und 21:00 h geschieht, nehme ich die nächste Tablette. Nach ca. 15 Minuten spüre ich die Wirkung: Die Muskeln entspannen (Aber sowas von!) ich werde müde und kuschle mich an Morpheus vorbei in Hypnos Arme in traumlosen, aber äußerst erholsamen Schlaf, um morgens ausgeschlafen und gut gelaut, nur leider völlig neben der Spur wieder aufzuwachen.

Das Medikament hilft, keine Frage. Zuvor waren die Nächste ein Albtraum, der morgens extrem schmerzhaft, völlig verspannt und entsprechend schlecht gelaunt nur aufhörte, um in einen ebensolchen nicht enden wollenden Tagalbtraum überzugehen. Das sind keine guten Voraussetzungen, um das Hardware-Problem in den Griff zu bekommen. Dann nehme ich lieber in Kauf, mich wie eine tüddelige Oma zu fühlen, was ich noch mit Fassung und Humor trage. Das wird schließlich kein Dauerzustand. Hoffentlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.